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Die Veränderung des Buchhändlers

Der Rahmen bestimmt den Inhalt

1

Was ist eine Veränderung? - Klar! Wissen wir!

Und doch: Es ist wie bei einem Traum, aus dem man gerade aufgewacht ist. Alles scheint noch da zu sein, wirklich, und wenn wir versuchen ein Stück davon zu erhaschen, entschwindet es uns durch die Finger.


2


Natürlich haben sich schon die alten Griechen und die neuen Konstruktivisten damit beschäftigt:

Alles ist Änderung, nichts bleibt, man steigt nicht zweimal in denselben Fluß. Panta rhei. (Heraklitos von Ephesos)

Änderung ist nicht möglich. Achill kann keine Schildkröte überholen. Der fliegende Pfeil ruht, weil die Zeit aus einer Aneinanderreihung einzelner Elemente besteht. (Zenon)

Änderung ist eine Sache der Beschreibung. Änderung ist rein sprachlicher Natur. (Heinz von Foerster)


3

Ganz offensichtlich ist Änderung mit der Information verknüpft: Der Unterschied, der einen Unterschied ausmacht.

Änderung ist Frage des Kriteriums. Wenn ich ruhig dasitze, bin ich nach einer Stunde ein anderer. Zellen sind abgestorben, neue entstanden. Ich habe geschwitzt, Kalorien verbrannt. Es lassen sich Kriterien angeben, inwieweit ich mich geändert habe, aber auch Kriterien, inwieweit ich mich nicht geändert habe.


Ein nicht geschriebener Brief kann eine sehr bedeutende Information sein. (Bateson) Demnach kann auch eine Nicht-Änderung eine Änderung sein.



4

Ich lernte Matthias kennen, als wir Ende zwanzig waren. Also gut zwanzig Jahre her. Er war, wie wir alle damals, ein Linker. Nicht so links wie manche von uns, eher ein Salon-Revolutionär. Lange Haare, ein gepflegt ungepflegtes Aussehen. Eine klare Weltsicht der Dinge.

Er hatte eine Buchhandlung eröffnet, die Wolke. Damals waren Buchhandlungen, vor allem in Oberschwaben, noch Horte des guten Bürgertums. Ordentlich, spießig. Seine Buchhandlung war das Gegenteil. Überall standen halb ausgepackte Bücherkartons, auf den Tischen lagen die Bücher übereinander, durcheinander. Sauberkeit hatte keinen Vorrang.

Seine Literaturauswahl war natürlich links. Aber nicht nur. Der größere Teil seines Sortiments war gut gewählte deutsche und internationale Literatur, Bildbände, Philosophie. Es war, bei genauerem Hinsehen eine exzellente Buchhandlung, die man hinter der unordentlichen Fassade nicht erwartet hätte. Selbstverständlich war er mit seinem Laden ein Ärgernis. Mehrfach wurde seine Schaufensterscheibe eingeschlagen, was aber so gut zum Charakter des Ladens passte, dass er es als Werbezweck durchaus selber hätte machen können. Es war ein absoluter Szeneladen.

Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch die Buchhandlungen. Sie wurden lässiger, könnte man sagen. Bücherwühltische wurden Mode, auch unausgepackte Kartons waren keine Seltenheit mehr. Die Wolke unterschied sich plötzlich nicht mehr so sehr von den anderen Buchhandlungen. Gut, sie war etwas unordentlicher, etwas linker, etwas anders als andere Buchhandlungen. Aber das waren quantitative, keine qualitativen Unterschiede. Sie war normaler geworden.

Da aber der Fluß des Lebens nie stillsteht entwickelten sich die Buchhandlungen weiter. Sie wurden moderne Multimedia-Servicebetriebe mit klarer Struktur, präzise, effektiv. Eben ein Ausdruck der Zeit. Nur der Laden von Matthias ist derselbe geblieben, noch immer arbeitet er im Handkatalog, bestellt telefonisch (in einer versteckte Ecke steht ein PC, den er in Notfällen konsultiert), seine Buchauswahl ist dieselbe geblieben. Nicht direkt die Bücher. Er hat keine Ladenhüter. Es ist dieselbe Art der Bücher. (Oder wie bei Heraklit, es ist nicht mehr dasselbe Wasser.) Natürlich ist an ihm selbst die Zeit nicht ganz spurlos vorbei gegangen. Die Haare sind zehn Zentimeter kürzer. Um diese Menge hat sein Bauchumfang zugenommen. Aber im Grunde haben er und sein Laden sich nicht verändert.


5

So ist durch Nichtänderung aus einem Revolutionär ein oberschwäbisches Unikum geworden.


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