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Kartographie und Kunst

„Es gab einmal ein Land, in dem die Kunstfertigkeit der Geometer so weit fortgeschritten war, dass sie Karten herzustellen vermochten, die dieselbe Größe besaßen wie die Landschaft.“







Das Bild von Landkarte und Landschaft wurde vor bald 50 Jahren von einem Herrn Korzybski geprägt, der sagte: Die Landkarte ist nicht das Territorium. Diese Metapher wurde zunächst verwendet, um zu zeigen, dass die Bezeichnung einer Sache nicht die Sache selbst ist. Besonders bei Erkrankungen, die üblicherweise dem schizophrenen Formenkreis zugerechnet werden, sieht man es oft, dass der Begriff und der Gegenstand verwechselt werden. Aber auch sonst übersehen wir oft, dass unsere Konzepte, unsere Vorstellungen und Modelle nicht eine irgendwie geartete Wirklichkeit darstellen, sondern dass sie eben nur Modelle sind. Dadurch kommt in Diskussionen leicht eine gewisse Verwirrung auf, wenn nicht ganz klar ist, ob wir uns auf der Ebene der Begriffe bewegen oder auf der Ebene der Objekte, ob wir also von der Landkarte oder der Landschaft sprechen. Bateson in seiner flapsigen Art sagte: Wir müssen aufpassen, dass wir im Restaurant nicht die Speisekarte essen, nur weil da die Menus draufstehen. Typische Verwechslungssituationen sind Vergangenheit und Geschichte, Text und Interpretation, Krankheit und Diagnose, die Nachbarin und meine Meinung von ihr.

Das Begriffspaar Landkarte und Landschaft taucht in vielen Texten auf, die sich mit Wahrnehmung, Sprache oder Kommunikation beschäftigen. Es hat sich gezeigt, dass dieses Bild außerordentlich dicht und vielfältig verwendbar ist, nicht nur im ursprünglich gemeinten Sinn. Es hat ein Eigenleben entwickelt. Und es hat dieses Eigenleben zurecht. An dieser Stelle wollen wir etwas über Landkarten sagen, meinen aber alle Dinge die wir bezeichnen, jede Form von Kommunikation, sei es ein Gespräch, ein wissenschaftlicher Artikel oder schlicht unsere Wahrnehmung.


Eine Landkarte besitzt, um sie richtig zu verstehen, eine sogenannte Legende (ein sehr treffendes Wort, auch für alle übertragenen Bedeutungen). Die Legende ist nicht Teil der Landkarte. Wie die Landkarte gelesen werden muss, steht also nicht in der Landkarte selbst. Es steht darunter, oder auf einer anderen Seite des Atlas. Oder es kann ganz fehlen, weil jeder weiß, wie sie gelesen werden soll. Dann ist die Legende so sehr Teil der gesellschaftlichen Übereinkunft, dass ganz darauf verzichtet werden kann. Ein typischer Fehlschluss ist dann zu glauben, dass Landkarten einfach so sind. Nein, sie sind es nicht! Sie sind uns nur in dieser Form so selbstverständlich, dass wir darauf verzichten, das Konstruktionsprinzip noch zu erwähnen. Die Legende ist übrigens ein schönes Beispiel für Batesons Rahmen-Inhalt-Relation. Es ist der Rahmen, das Außerhalb, die Übereinkunft, die den Sinn der Landkarte festlegt. Wir müssen eine Landkarte im Prinzip erst lesen können, sozusagen die Klasse der Landkarten kennen, um die spezielle Landkarte, das Element der Klasse, zu verstehen.

Eine Landkarte beschreibt immer nur einen Aspekt der Landschaft. Um das besser zu verstehen, eignen sich Beispiele aus der Kunst. Denn gerade die darstellende Kunst beschäftigt sich intensiv mit dem Problem der Abbildung. Künstler sind sozusagen Geometer. Picasso (so erzählt Heinz von Foerster) wurde von einem Amerikaner gefragt, warum er nicht male, wie die Dinge wirklich seien. Darauf antwortete Picasso, dass er nicht wisse, was damit gemeint sei. Der Amerikaner zog ein Photo aus seiner Frau aus der Brieftasche, und sagte, so sei seine Frau wirklich. Unschlüssig drehte Picasso das Bild in seiner Hand herum und sagt: „Seltsam. So klein ist sie und so flach.“
In anderem Zusammenhang wurde diskutiert, ob Picassos Bild Guernica überhaupt etwas mit der gleichnamigen Stadt zu tun habe. Die Stadt war von einer Vereinigung der spanischen, italienischen und deutschen Faschisten bombardiert worden. Doch was hat sein Bild damit zu tun?

Es geht bei beiden Beispielen um dasselbe Prinzip. Wenn wir das Kriterium der Wiedererkennbarkeit nehmen, dann ist ein Photo geeigneter als ein Bild von Picasso. Picassos Anliegen war wohl nicht die Wiedererkennbarkeit der Person und es ging ihm in Guernica nicht um eine historische Darstellung. Sein Anliegen war ein anderes.

Und damit zurück zur Geographie: Auch bei den Landkarten gibt es verschiedene Anliegen, verschiedene Landkarten mit ganz unterschiedlicher Legende. So gibt es geographische Landkarten, klimatische Landkarten, Landkarten der Bodenschätze, Vegetationskarten, Straßenkarten, Wanderkarten. Theoretisch müssten so viele Landkarten möglich sein, wie es Anliegen an die Landschaft gibt. So wäre zum Beispiel eine Landkarte der Gerüche denkbar, ganz unabhängig davon, ob dies technisch durchführbar ist. Die Landkarte ist sozusagen eine Trivialisierung der Landschaft auf einen Gesichtspunkt hin, entsprechend der Legende.
Natürlich (und hier kommt ein ganz wichtiger Gesichtspunkt hinzu) kann jemand, der Erfahrung mit gewissen Landschaften hat, sich vorstellen, wie eine bestimmte Gegend riecht. Ein Geologe kann aus der Landschaftsformation bestimmte Bodenschätze vermuten. Ein erfahrener Zelter kann ebenfalls aus einer topographischen Landkarte schließen, wo es gute Zeltplätze gibt. Er benötigt dazu keine spezielle Zelter-Landkarte. Es ist also die Erfahrung mit Landschaft und Landkarte, die uns hilft unser Ziel zu verfolgen. Wir müssen beides im Vergleich erlebt haben. Oder anders ausgedrückt, wir finden auch Informationen in Modellen, die nicht genau auf uns zugeschnitten sind. Das hilft, die Anzahl der Landkarten auf ein brauchbares Maß zu reduzieren. Das heißt aber auch, dass man auf die Erfahrung anderer Geometer zurückgreifen kann und nicht jedes Mal das ganze Prinzip neu erfinden muss. Die Beschränkung auf gewisse Abbildungsprinzipen (oder sagen wir es hier ruhig: gewisser Arten der Kommunikation und des Umgangs miteinander) ist die einzige Möglichkeit Erfahrung zu weiterzugeben. Man muss nicht bei Null anfangen, sondern kann auf dem aufbauen, was andere als Abbildungsprinzip erfolgreich praktizierten. (Eine typische Beschränkung besteht darin, dass wir uns in bestimmten Gruppen auf dieselbe Sprache einigen.) Natürlich kann durch ein anderes Anliegen und durch neue technische Möglichkeiten, ein neuer Weg gewählt werden. Erst durch Straßen benötigt man Straßenkarten, erst durch Satelliten sind Satellitenkarten möglich usw.

Theoretisch gibt es so viele Kunstarten wie es Künstler gibt. Aber auch die Künstler bedienen sich zum Teil erprobter Abbildungsprinzipien, um ihre Anliegen darzustellen. Und gerade mit dem Aufkommen der Photographie entfernte sich die Malerei sozusagen von der „topographischen“ Darstellung.
Dazu gehörte Picasso. Er hat keine „topographischen Landkarten“ gestaltet, also solche, in denen ein Objekt in seiner üblichen Struktur erkennbar wäre. Es sind andere Abbildungsprinzipien, die ihn beschäftigt haben. Wenn wir jetzt erklären müssten, was für eine Art von Landkarte Picasso gemalt hat, kämen wir in einen gewissen Erklärungsnotstand. Wir könnten in der üblichen Art sagen, dass es kubistische oder abstrakte Landkarten waren. Wir würden damit sozusagen die Legende zu seinen Bildern liefern: So sind sie zu lesen. Und hier wird ein Unterschied zu den Geometern deutlich. Während Landkarten eine Trivialisierung sind und nichts weiter sein wollen, schaffen Künstler eine eigene Landschaft, und in dem wir diese wahrnehmen erzeugen wir in uns wieder eine neue Landschaft. Nur wenn wir sie interpretieren („Der Künstler will damit sagen....“) erzeugen wir eine Landkarte. Die Landkarte ist sozusagen das trivialisierte Austauschmedium, wo wir uns mit dem Gegenüber auf eine Legende (Sprache, Mimik, Gestik) festgelegt haben, um eine einzelne Aussage zu machen. Aber natürlich nimmt unser Gegenüber nicht nur das wahr, was wir wollen, dass er wahrnimmt. Er nimmt ein komplexes Geschehen wahr. Also sozusagen wieder eine Art von Landschaft. Es ist also fraglich, ob es in der Kommunikation Landkarten überhaupt gibt.
In dieser Richtung interpretiere ich Heinz von Foersters Aussage: Die Karte ist das Territorium. Oder korrekter: die Karte der Karte ist nicht das Territorium. Das ist zwar alles irgendwie folgerichtig, aber unübersichtlich. Und trotzdem ist es wichtig.

Michael Grossmann ist ein Künstler, der sich sehr intensiv mit dem Wort Gegenstand auseinandergesetzt hat. Er hat es in alle möglichen Richtungen vermessen, untersucht, Bedeutungen und Deutungen abgeklopft. Er hat alle möglichen theoretischen Landkarten zu diesem Thema erstellt. Seine künstlerische Umsetzung dieses Prozesses hat aber eine neue Landschaft erzeugt. Etwas, das sich nicht mit seinen Theorien deckt. Oder anders: Jede seiner Theorien zu seiner Arbeit ist eine Ebene, eine Karte. Diese Karten können helfen, die Landschaft seines Werkes besser zu verstehen, so wie eine Karte der Bodenschätze helfen kann, eine Landschaft besser zu verstehen.


Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist aber, dass in seine Abbildung seines Prozesses eine persönliche und kunstgeschichtliche Entwicklung hineinspielt, die er gar nicht überblicken kann. Er ist nicht nur Teil der Legende, er ist die Legende. So wie wir als Beobachter Teil der Legende sind.

Dies wirft ungeahnte Fragen auf. Wir betreten damit einen Bereich, den man der Kybernetik der Kybernetik (oder Kybernetik der 2. Ordnung) zurechnen muss. Und es wäre ein interessantes Unterfangen eine systemische Kunstgeschichte zu schreiben, in der diese Ansätze weiterverfolgt würden. In ihr käme es nicht darauf an zu sagen: der Soundso hat dasunddas Bild mit derundder Technik gemalt, sondern: Durch die gesellschaftliche und technische Entwicklung kam man zu anderen Formen der Darstellung und Wahrnehmung. Das sind nicht diese üblichen sozialen Überlegungen: Durch das Elend, das Goya, van Gogh und Zille sahen, malten sie ihre sozialkritischen Bilder. Das wäre lineares Denken. Der systemische Ansatz wäre, das Driften darzustellen: Durch die soziale Entwicklung kam es zu einer anderen Wahrnehmung, die zu einer anderen künstlerischen Darstellung führte und diese Darstellung führte wieder zu einer anderen Form von Wahrnehmung, die wieder zu anderen Darstellungen führt. Gerade in der Kunst ist eine viel hautnahere Entwicklung der Legenden festzustellen. Eine systemische Kunstgeschichte wäre eine Kunstgeschichte der Legenden und gleichzeitig die Reflexion wie wir uns als Beobachter in diesen Prozess wahrnehmend und erzeugend einfügen.

Für Landkarten ist das sicher leichter zu bewerkstelligen und es wäre eine faszinierende Aufgabe. Dazu nur ein paar unsystematische Gedanken. Die Geschichte der Landkarten müsste zweigleisig sein, einmal die Geschichte der Inhalte, daneben die Geschichte der Legenden. Die alten Landkarten der Griechen zeigen kaum mehr als das Mittelmeergebiet. Sie stellen also nur dar, was man kannte oder vermutete. Natürlich gibt es phantastische Landkarten, wie sie zum Beispiel Athanasius Kirchner gestaltet hat. Sie bleiben aber in ihrer Legende immer der Zeit verhaftet. So wie jede Literatur den Geist ihrer Zeit ausdrückt, so tun es auch die Landkarten. Gerade durch die Satellitenkarten der letzten Jahre wird es sicher zu grundlegenden Änderungen der Kartographie kommen.

Erstaunlich ist, dass diese photographischen Karten einen viel „künstlerischen Ausdruck“ haben als die üblichen Landkarten. War die Kartographie des letzten Jahrhunderts geprägt durch die Gleichgültigkeit gegenüber der Schönheit unseres kleinen Planeten? Dann wären wir jetzt im Aufbruch zu einer neuen Wertschätzung, auch in der Kartographie, die jetzt, wo sie ein Hauptanlegen an die Photographie abtritt, mehr künstlerische Züge annehmen kann.



Literatur:

Foerster, Heinz von 2x2 = grün, Vorträge auf CD, Köln 1999

Foerster, Heinz von & Bröcker, Monika Teil der Welt, Heidelberg 2002 (Auer)



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