Klassentreffen

Vorabend: Ich war schon am Abend vorher zu unserem 30 jährigen Abiturstreffen angereist. Ich durchstreifte die Straßen und Kaffees unserer Kleinstadt, in der Hoffnung, vielleicht ein bekanntes Gesicht zu treffen. Aber wie sollte so ein Gesicht denn aussehen. Wie sehen Menschen (und ich selbst ja auch) mit 50 aus, wenn man sich 30 Jahre nicht gesehen hat? Ich versuchte meine Wahrnehmung auf diese magische 50 einzustellen. Aber ich entdeckte keinen meiner alten Klassenkameraden.

Erster Eindruck: Es war ein Gefühl wie nach einem langen, intensiven Film, wo man zunächst Schwierigkeiten hat, sich wieder an die normale Welt zu gewöhnen, oder wenn man nach dem Wochenenddienst im Akutkrankenhaus (drei Tage kaum geschlafen, ständig in Hochspannung, mit der gesamten Verantwortung) das Krankenhaus verlässt und sich über diese Welt da draußen wundert.

Meine alten Klassenkameraden zu sehen hatte dieses Unwirkliche. Die Gesichter erschienen mir nicht nur faltig, sondern seltsam unproportioniert. Gewisse Züge erschienen mir geradezu phantastisch hervorzustechen. Bei manchen Hollywood-Filmen wird das gemacht, um Charaktere deutlicher werden zu lassen.

Da ich ziemlich früh da war, sah ich viele der Kameraden und Kameradinnen hereinkommen: Manche erkannte ich sofort. Bei manchen ging das Geraune herum: Wer ist das? Ach so die! Ach so der! Manche schienen mir gänzlich unbekannt und es dauerte einige Zeit, bis ich mich auch nur ungefähr an Vergangenes erinnern konnte. Aber irgendwann war die Erinnerung wieder da. So schien es mir zumindest. Wir plauderten, streiften durch die Schule, machten Unsinn. Dabei wurden wir immer jünger. Einer sagte: Ich habe das Gefühl, wir könnten uns wieder in die Bänke setzen und da weitermachen, wo wir aufgehört haben.

Abend: Für den Abend war geselliges Beisammensein in einem Gasthaus vorgesehen. In der Zwischenzeit hatten wir uns aneinander gewöhnt, mir kamen alle wieder vertraut vor, auch jene aus der Parallelklasse, die ich zunächst gar nicht erkannt hatte. Wir sahen gut 10-15 Jahre jünger aus und es bestand in mir eine klare Verbindung zwischen den alten Erinnerungen und der jetzigen Person. Nur bei einer Frau nicht. Sie war so sehr verhärmt, vom Leben verändert, dass ich die alten Erinnerungen (und die waren durchaus lebhaft) nicht mit ihrer jetzigen Erscheinung in Übereinstimmung bringen konnte. Sie machte den Verjüngungsprozess, den ich bei allen Klassenkameraden bemerkte, nicht mit. Sie blieb älter. Für mich waren die Junge und die Alte so verschieden, dass sie in mir zwei verschiedene Bilder (sozusagen Kore und Hekate) aktivierten.

Dann schauten wir uns alte Photos an, Photos, die ich mir in derselben oder anderer Form ein paar Wochen vorher angesehen hatte. Ich war wie vom Schlag gerührt. Alle Personen auf den Photos waren viel, viel jünger wie noch vor ein paar Wochen. Die Bilder hatten sich verändert...

Fazit: Man kann sich jetzt viele Gedanken zu diesen Beobachtungen machen und ich habe sie mir gemacht. Man kann neurophysiologisch argumentieren und irgendwelche Abgleiche des Gesichts-Erkennungs-Zentrums im Gyrus fusiforme mit anderen Hirnbereichen zur Herstellung einer Realität postulieren. Da ich ein sehr ‚gesichtsbetonter’ Mensch bin, war es vor allem die Änderung der Gesichter, die mich beeindruckte. In dem Augenblick, in dem zu einem Gesicht eine zugehörige Erinnerung auftauchte, veränderte es sich auch schon. Ich kann gut verstehen, dass Betrüger sich in ein altes Schema einfügen können, und die Stelle eines Verschwundenen einnehmen. Sobald ein Abgleich stattgefunden hat, verändert sich Gegenwart und Vergangenheit und es entsteht eine neue Realität.

Man kann lerntheoretisch argumentieren oder mit Archetypen hantieren. All das ist sehr kurzweilig. Was für mich am deutlichsten war:
Während ich früher den radikalen Konstruktivismus eher theoretisch fand, zutreffend allenfalls für Randbereiche der Wahrnehmung, so glaube ich seit diesem Klassentreffen, dass unsere Wahrnehmung nur entfernt etwas mit dem zu tun hat, was vor unserer Nase ist.



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