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Literatur


Die meisten Bücher sind über Bücher.

Oft ist die Präsentation eines Buches eine Zumutung, ohne Respekt vor dem Leser. Wenn wir dafür das Bild einer Mahlzeiten verwenden, so wird uns oft schlecht Gekochtes und schwer Verdauliches vorgesetzt. Andererseits sollte man sich auch vor Vorgekautem hüten. Spätestens wenn man dem Krabbelalter entlaufen ist, sollte man Wert auf eine gut beißbare Nahrung legen. Vorgekautes schmeckt nicht nur zweifelhaft, es hindert auch an der eigenen Assimilation. Besonders im systemischen Bereich: Wenn Bücher ordentlich linear vorgekaut sind, ist kaum noch Nahrhaftes drin. Deswegen als Faustregel: Was leicht verständlich, ordentlich logisch und klar aufeinander aufgebaut scheint, ist meist nicht systemisch. Hier also spannende Empfehlungen zum selber Lesen:

Systemisches Denken allgemein:

Bateson, Gregory Ökologie des Geistes Frankfurt 1990 (Suhrkamp)

Der absolute Klassiker! Nicht einfach. Mehr in Schismogenese und in der Suche nach dem verbindenden Muster.

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Foerster, Heinz von und Bröcker, Monika Teil der Welt Heidelberg 2002 (Auer)

Alle Bücher von Foersters sind irgendwie spannend und auch irgendwie ähnlich. Manche mehr wissenschaftlich, manche mehr erzählend. Teil der Welt stellt für mich einen guten Mittelweg dar. Vielleicht gefällt es mir aber nur deshalb so gut, weil ich daran mitgearbeitet habe.
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Bertalanffy, L.v. General System Theory, Erstveröffentlichung 1969, Paperback New York 1998 (George Braziller)

Das Standardwerk. Ist schon heavy stuff. Eine Quelle der Inspiration, wenn man Mathematik mag.
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Winter, Wolfgang Theorie des Beobachters, Frankfurt 1999 (verlag neue wissenschaft)

Hier handelt es sich um ein liebevoll angerichtetes Menü, gut gewählte Abbildungen, ein Schatz von Zitaten, in dem ich gerne nachschlage. Zwar für Wirtschaftswissenschaftler gedacht, ist es dennoch ein guter Einstieg. Bietet viel Raum zum eigenen Nachdenken.
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Simon, Fritz B. Unterschiede, die Unterschiede ausmachen, Frankfurt 1995 (suhrkamp)

Ausführlicher und umfangreicher als Winters Theorie. Eher ein Handbuch verschiedener Ansätze. Lässt dafür weniger Spielraum für eigene Kreativität.
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Fukuoka, Masanobu Der große Weg hat kein Tor 1999 (Pala)

Wer sich mit ökologischem Anbau beschäftigt lernt schnell die Grenzen des linearen Paradigmas kennen. Leider steht die lineare Form der Landwirtschaft heute im Vordergrund - mit all ihren Nebenwirkungen (Verarmung der Böden, Ausrottung vieler Arten, Anfälligkeit gegen Schädlinge, Verseuchung des Grundwassers, schlecht schmeckende Erzeugnisse von minder Qualität). Wie anders, wenn man sich in so komplexe Gedanken wie Fukuokaschen einfühlen muss (die ganz unscheinbar daherkommen). Oder: Ein eigener Garten ist einer der besten Lehrer in systemischem Denken, wenn man ihn nicht linear bebaut..
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Spencer-Brown, George Laws of Form Lübeck 1997 (Bohmeier)

Tja, die LoF. Was soll man dazu sagen. Wenig ist zu wenig, viel sagt nicht mehr. Es ist dröge mathematische Logik, aber was für eine! Sie scheint kreative Wissenschaftler, Künstler, aber auch jede Menge Spinner anzuziehen. Leider beschäftigt sich die traditionelle Wissenschaft meist mit logischen Konzepten, die aus dem 19. Jh. stammen.
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Seidl, Achim Das Weisheitsbuch des Zen München 1993 (Diederichs)

Der Zen hat viele Strategien entwickelt, lineares Denken zu untergraben. Der Versuch, ein Koan zu lösen, lohnt sich allemal.
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Liedloff, Jean Auf der Suche nach dem verlorenen Glück München 1992 (Beck’sche Reihe)

Gehört zwar in die Rubrik Sozialromantik. Schildert aber sehr schön die systemische Sozialisation. Das hat kaum jemand nach ihr so hingekriegt. Dass wir ständig unsere Kinder herumgeschleppt haben, ist zu einem großen Teil diesem Buch zuzuschreiben.



Wahrnehmung:

Sacks, Oliver Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte Reinbek 1990 (rororo)

Sacks Bücher sind geradezu ein Muss! Obwohl Sacks durchaus einer traditionellen Wissenschaft verpflichtet ist, gehören seine Berichte zu den besten Beobachtungen der Wissenschaftsgeschichte. Seine exzellenten Beschreibungen werfen die üblichen, eng gefassten Theorien glatt über den Haufen. Sie zeigen die Lücken auf, die entstehen, wenn man versucht lineare Konzepte zusammenzustückeln.
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Sacks, Oliver Stumme Stimmen Reinbek 1997 (rororo)

Ein Buch über Gehörlosen. Es geht aber bis auf den Grund (und in die Abgründe) des Spracherwerbs und zeigt, wie Denken ein Produkt der Sprache ist, so wie Sprache ein Produkt des Denkens ist.
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Podvell, Edward Verlockung des Wahnsinns München 1997 (Irisiana)

Die genau Beobachtung des Wahns lässt unsere Art der Wirklichkeitskonstruktion deutlich werden. Die Beschreibungen dieses Buches zeigen eine präzise Fülle, wie sie die traditionelle Wahrnehmungsforschung selten erreicht.


Medizin

Hahnemann, Samuel Organon der Heilkunst (derzeit eine ganze Reihe von Ausgaben)

Hahnemanns Konzept von Gesundheit und Krankheit ist wohl (nach Hippokrates) der erste konsequent systemische Ansatz. Sein Denken ist zwar vom Vitalismus geprägt, aber das lässt sich relativ leicht in systemische Terminologie umsetzen. Bertalanffy war zwar ständig bemüht, sich vom Vitalismus abzugrenzen. Dabei schaffte er es jedoch nie zu erklären, wo denn nun die besonderen Unterschiede sind. Hahnemanns Schlussfolgerung, Therapien auf dem Ähnlichkeitsprinzip aufzubauen, hat seine Entsprechung in der systemischen Psychotherapie (Haley, Watzlawick) gefunden, die aus theoretischen und praktischen Erwägungen „das Symptom verschrieben“.
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Ansonsten ist Systemik in der Medizin nicht sehr vertreten.



Psychotherapie

Die Psychotherapie hat sich recht frühzeitig und intensiv mit der systemischen Theorie auseinander gesetzt. Man kann ihr das Verdienst einer Vorreiterrolle zuschreiben. Die entsprechenden Klassiker von Haley, Watzlawick, Minuchin, Selvini Palazzoli usw. sind überall gut beschrieben.

Bioy-Casares Morels Erfindung, Frankfurt 1975 (Suhrkamp)

Welches Spiel spielen wir für wen? Den Bioy-Casares-Effekt zu verstehen, heißt an Beziehung zu (ver)zweifeln. Zwei andere Südamerikaner (Maturana und Varela) haben das später wissenschaftlich zu definieren versucht (Baum der Erkenntnis).
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Cervantes Saavedra, Miguel de Don Quijote de la Mancha Frankfurt o.J (Zweitausendeins)

Die Fülle des wirklichen Lebens mit all ihren Spiegelungen. Freud soll sogar Spanisch gelernt haben, um es zu lesen. Das macht den Unterschied zu all jenen aus, die nur Freud gelesen haben und keine Fülle kennen. Inzwischen gibt es sogar eine gute Übersetzung (siehe oben), die genüsslich lesbar ist. Vielleicht wäre Spanisch noch besser?
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Krakauer; Jan In eisigen Höhen 2002 (Malik)

Da wir in der Psychotherapie mit unseren Patienten immer in eisigen Höhen herumkraxeln oder Empfehlungen geben, wie jemand sich in diesen Gefilden aufhalten soll, ist das eines der besten Lehrbücher über die Katastrophen., in die eine Psychotherapie führen kann. Zum Glück bleiben viele Therapeuten mit ihren Klienten in der Ebene und erörtern nur theoretisch den Aufstieg.
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Yalom, Irvin Und Nietzsche weinte München 2001 (Piper)

Wie betritt man in einer Therapie Neuland? Kann man überhaupt Therapien machen, ohne Neuland zu betreten? Auch die anderen Bücher Yaloms sind voll von solchen Neulandbeschreitungen. Mein weiterer Favorit: ‚Die Handtasche’ in: Die Liebe und ihr Henker



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