Die helmintho-bakterio-virale Flora




Zusammenfassung: Die Bedeutung der bakterielle Flora zur Aufrechterhaltung der Gesundheit ist seit langem bekannt. Dass auch Helminthen dabei eine Rolle spielen, wird derzeit diskutiert. Für eine entsprechende Funktion der Viren gibt es jedoch kein ausreichendes Wissen. Meist beschränken sich Modelle auf ein einfaches Ursache-Wirkungs-Prinzip, das dem komplexen Geschehen nicht gerecht wird. Derzeit besteht kein ausreichendes Verständnis der Mechanismen, die entweder zu einer erfolgreichen Adaptation an die Umwelt oder zum Entstehen von chronischen Erkrankung führen. Der Artikel skizziert einige wesentliche Faktoren, die für die Entwicklung einer adäquaten Immunantwort erforderlich sind.

Schlüsselwörter: Erregerflora, Adaptation, Impfungen, Epigenetik, chronische Erkrankungen

Abstract: The bacterial flora is an important condition for the maintenance of health. Also helminths might be important. However, there is little knowledge what role viruses play in this context. Most models are based on a simple cause-and-effect relationship which is not suitable to describe the complexity of the germ flora. Therefore, the current approach is unable to model neither a successful human adaptation to a living environment, nor the emergence of chronic diseases. The article gives a brief outline of factors that contribute to an adequate immune response.

Keywords: germ flora, adaptation, vaccination, epigenetics, chronic diseases

Darmflora: eine bekannte Neuentdeckung

Die Bedeutung der bakteriellen Darmflora für die Gesundheit des Menschen ist der empirischen Medizin schon lange bekannt und es bestehen bereits detaillierte Konzepte. Allmählich findet dieses Thema auch Eingang in die medizinischen und biologischen Grundlagenforschung. Das Nachrichtenmagazin Science widmete dem Darm kürzlich sogar ein Schwerpunktheft [31]. Bei den entsprechenden Forschungen kommt es dann zur ‚Neuentdeckung’ von bekannten Tatsachen. So konnte gezeigt werden, dass bereits die DNA von probiotischen Bakterien eine immunstimulierende Wirkung besitzen [28]. Aber dieses Prinzip wird in der empirischen Medizin schon lange angewandt (Prosymbioflor®) und der Empfehlung der Grundlagenforscher, probiotischer DNA generell der Nahrung zuzusetzen, muss von empirischer Seite widersprochen werden. Dies würde bei empfindlichen Organismen zur Überstimulierung führen. Prinzipiell sind solche linearen Modelle eher von zweifelhaftem Nutzen und meist schädlich.

Lineares Denken und Störungen des ökologischen Gleichgewichts

Ein typisch lineares Vorgehen ist die Eradikation von Helicobacter, der als Ursache des Magengeschwürs angesehen wird, da er beim Ulcus in der Regel vorhanden ist (Suerbaum/Michetti 2002). Jedoch ist das Konzept einer kausalen Verbindung problematisch, denn das Risiko von Helicobacterträgern in ihrer Lebenszeit an einem Magengeschwür zu erkranken liegt zwischen 3 % (USA) und 25 % (Japan) [17]. Die Vermehrung und Pathogenität des Keims hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise der lokalen Abwehrlage, und/oder des exogenen Cholesterols [17]. Inneres Gleichgewicht und Ernährung sind also ebenso als ‚kausal’ anzusehen wie der Keim.

Manche Forscher halten inzwischen die Eradikation von Helicobacter nicht mehr für so eine gute Idee. Es gibt Hinweise, dass dieses Vorgehen mit einer Zunahme von Ösophagus-Erkrankungen und kindlicher Diarrhoe einhergeht [40]. Als Grund wird vermutet, dass durch das Verschwinden des Helicobacters das evolutionäre Gleichgewicht im Darm gestört wird. Solche Gedanken wurden bisher, abgesehen von den Naturheilverfahren, allein von der darwinschen oder evolutionären Medizin vertreten [32]. Es scheint jedoch ein allmähliches Umdenken in der Grundlagenforschung stattzufinden, wobei Krankheitserscheinungen nicht mehr prinzipiell als eine Fehlentwicklungen verstanden werden. Es wird ihnen durchaus ein adaptiver Sinn zugebilligt [36]. Solche eher komplexen Gedanken, die ökologische Gesichtspunkte miteinbeziehen, sind unerlässlich, will man chronische Erkrankungen verstehen.

Atopik und probiotische Helminthen

Beispielsweise findet sich beim atopischen Symptomenkomplex eine Erhöhung des IgE. Entsprechend des linearen Ansatzes wurde teilweise versucht, das IgE zu senken. Aber da auch Mäuse mit einem genetischen IgE – Mangel allergisch werden können [22], ist dieses Konzept nicht stichhaltig. Atopik muss etwas mit dem Abwehrprozess zu tun haben, für den das IgE zuständig ist.

Es war schon immer aufgefallen, dass auch Wurmerkrankungen mit einem erhöhten IgE-Titer einhergehen. Daher stellte es im Grunde keine Überraschung dar, als herauskam, dass die Reduktion von helminthischen Erkrankungen mit einer Zunahme von atopischen Erkrankungen verbunden ist [41]. Das heißt, ein bestimmter Abwehrmechanismus des Körpers kann selbstschädigend werden. Es wurde diskutiert, ob durch die Wurminfektion bestimmte Rezeptoren besetzt werden, die, wenn unbenutzt, allergische Erkrankungen induzieren. Sicher ist diese Hypothese zu vereinfachend. Rezeptoren mögen bei der individuellen Adaptation eine Rolle spielen, aber das Geschehen ist komplexer. Ein entsprechendes Beispiel aus dem viralen Bereich: Das Poliomyelits- und das Coxsackievirus sind strukturell sehr ähnlich, obgleich sie unterschiedliche Symptome hervorrufen (häufige Lähmung versus meist blanden grippalen Infekt). Dies wurde dadurch erklärt, dass sie an verschiedenen Rezeptoren andocken. Wurden jedoch bei Mäusen gentechnisch die ‚Poliorezeptoren’ eliminiert, so verursachten plötzlich Coxsackieviren das klinische Bild einer Poliomyelitis, wenn sie parenteral appliziert wurden [8]. Die Ausstattung einer Zelle mit bestimmten Rezeptoren ist demnach nicht alleine ausschlaggebend und die Manipulation an den Rezeptoren oder an den an die Rezeptoren andockenden Substanzen wird vermutlich keine dauerhafte Lösung eines Problems mit sich bringen.

Für das Gespann Atopik/Wurminfekt wurde eine andere Strategie ersonnen. Es wurde vermutet, dass die Verabreichung von Würmern einen positiven Effekt auf den Verlauf der Erkrankung haben müsste [4; 19]. Im Grunde ist das eine einfache probiotische Behandlung, die im weiteren Zusammenhang der Darmökologie zu sehen ist. Die ersten Ergebnisse dieser Strategie erscheinen auch durchaus erfolgreich zu sein [34]. Dennoch ist auch dieses Konzept viel zu linear, um der Komplexizität der Geschehnisse im Darm gerecht zu werden.

Virale Flora, Immunstimulierung und polykontextuale Infekte

Mindestens genau so bedeutsam, dafür viel weniger bekannt, sind die Prozesse, in denen die ‚virale Flora’ involviert ist. Die Besiedlung des Organismus mit Viren besitzt ganz eigene Charakteristika.

So konnte gezeigt werden, dass bestimmte Viren im Organismus persistieren, selbst wenn eine ausreichende zelluläre Immunität besteht. Das gilt beispielsweise für das Respiratory-Syncytial-Virus (RSV), das bei Kleinkindern Bronchiolitis hervorrufen kann. Seine Persistenz wird (linear) mit einer erhöhten Prävalenz von Asthma bronchiale in Verbindung gebracht [30]. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Metapneumovirus (HMPV), das erst 2001 entdeckt wurde [35]. Das RSV wird auch für Infekte im fortgeschrittenen Lebensalter verantwortlich gemacht [9]. Die meist vorgeschlagene Strategie besteht darin, diese Viren zu bekämpfen, in der Regel durch entsprechende Impfungen.

Aber um die Adaptation des Organismus in seiner Umwelt zu verstehen, ist es erforderlich, den Denkrahmen ein wenig zu erweitern. Was bedeutet es, wenn Viren trotz einer ausreichenden Immunantwort persistieren? Entweder ist die Immunantwort doch nicht so ausreichend, wie es die Laborparameter nahelegen, oder es ist die (evolutionäre) Absicht, dass diese Viren im Organismus fortbestehen. Beides hat eine gewisse Plausibilität und ist in gewisser Weise miteinander verknüpft. Im ersten Fall (unzureichende Immunabwehr), müssen noch andere Faktoren eine Rolle spielen und die Elimination des Virus wird keine stabilere Abwehrlage erzeugen. Im anderen Fall (gewollte Viruspersistenz) besteht eine andauernden Stimulierung, die die ganze immunologische Adaptation verändert [13]. Das bedeutet, dass die Anwesenheit eines Virus jene Abwehrlage erzeugt, die zur Kontrolle desselben Virus und/oder zur Kontrolle und Eliminierung anderer Vieren führen kann. Solche selbstbezüglichen Prozesse erfordern eigene logische Werkzeuge. Untersuchungen, die sich nur auf ein Virus und/oder eine Erkrankung beziehen, müssen notwendigerweise unzureichend sein.

Die neuere Forschung liefert einige Beispiele, die diese Sichtweise stützen: Eine Infektion mit dem GB Virus, einem Verwandtem des Hepatitis C Virus, führt zu einer deutliche Überlebenschance bei HIV [27]. Gleichermaßen sind bei AIDS Maserninfekte lebensverlängernd [23], während eine Infektion mit dem Zytomegalievirus mit einer schlechten Prognose einhergeht [7].

Maserninfekte scheinen auch einen protektiven Effekt bei Asthma zu haben [2]. Dasselbe gilt auch für Hepatitis A, die jedoch nur bei entsprechender genetische Veranlagung, präventiv für Asthma zu sein scheint [21].

Das bedeutet, dass durchgemachte und persistierende Virusinfektionen die Reaktion auf andere virale Erkrankungen in positiver und negativer Richtung verändern. Sie können andere Infekte mildern oder verstärken. Sie können chronischen Erkrankungen vorbeugen, aber auch auslösen. Im Grunde gilt das auch für bakterielle Infekte. Beiden wird zur Last gelegt, dass sie für alle möglichen schwerwiegende Erkrankungen – von häufigen der Hirnschädigung bei Neugeborenen [12] bis hin zu psychiatrischen Syndromen von Erwachsenen [11] – kausal verantwortlich sind.

Aber das Ganze ist ein polykontextuales Geschehen, das mit einfachen Ursache-Wirkungs-Zuweisungen nicht hinreichend beschreibbar ist. Das Konzept einer ‚kausalen’ Schädlichkeit von Infekten ist ebenso falsch wie das einer ‚kausalen’ Nützlichkeit. Deswegen ist die Hygiene-Hypothese, also die Erkenntnis, dass Kinder, die in einer erregerreichen Umwelt aufwachsen, seltener chronische Krankheiten entwickeln, umstritten. Es muss so sein, da die Daten zwangsläufig widersprüchlich sind [39].

Die Erkenntnis, dass eine korrekte Relation von Th1/Th2 Helferzellen erforderlich ist, um eine angemessene Immunantwort zu gewährleisten ist sicher ein wesentlicher Schritt zu einem besseren Verständnis von Immunprozessen. Ein Überwiegen der Th1-Helferzellen (Typ1 Erkrankung) führt zu Autoimmunerkrankungen wie RA, multiple Sklerose, Hashimoto, ein Typ2 zu chronischen Erkrankung wie systemischer Lupus erythematodes, Vasculitis und der atopischen Erkrankung, die mit einer verminderten Infektabwehr einhergehen [20].

Es fehlen jedoch Kenntnisse, wie das Gleichgewicht aufrecht erhalten kann, denn zwischen den beiden Zelltypen besteht ein negativer Feedbackmechanismus. Th1 hemmt Th2 und umgekehrt [26]. Wenn es keine anderen, entscheidenden Faktoren gäbe, würde die geringste Abweichung vom Gleichgewicht zu einer schwerwiegenden chronische Erkrankung führen. Es kann also nur ein unzulässige Vereinfachung sein, wenn einen Typ 2 Pathologie als kausal für das Asthma bronchiale angesehen wird [5]. Noch unsinniger ist beispielsweise die Frage, ob Allergien gegen Krebs schützen oder nicht. Beide Erkrankungen sind Ausdruck einer unzureichenden Funktion des Immunsystem.

Impfungen und viralen Flora

Unter diesen Gesichtspunkten ist das Problem der Impfungen nochmals zu überdenken. Eine solche Reflektion stößt gezwungenermaßen auf Schwierigkeiten, denn wohl kein Thema in der Medizin wird so emotional geführt. Argumente werden leider zu oft durch plumpe Überzeugungen ersetzt. Dennoch führt kein Weg daran vorbei, dieses Thema im Rahmen der viralen Adaptation zu erörtern, denn es bestehen Probleme und Risiken, die weit über die derzeitigen Konzepte hinausgehen [29].

Nehmen wir die jetzt propagiert Varizellenimpfung. Durch die Impfung sinkt die Mortalität der Erkrankung von 0,41 pro Million auf 0,14 pro Million [24] und das Risiko für Herpes zoster auf die Hälfte [25]. Eine solche Reduktion ist sicher wünschenswert. Doch das Problem liegt woanders.

Herpes zoster tritt bei manchen Personen auf, bei denen das Virus persistiert. Wir haben nun nicht die geringste Ahnung, in wie weit der immunstimulierende Effekt des persistierenden Varizellen-Virus protektiv gegen andere Viruserkrankungen wirkt. Genau so wenig wissen wir, ob der durchgemachte Infekt chronischen Erkrankungen vorbeugt. Es könnte also gut sein, dass durch die Herausnahme eines relativ milden Erregers aus dem viralen Spektrum eine Tendenz zu anderen, schwerwiegenderen Virusinfekten entsteht und/oder dass es zu einer Zunahme chronischer Erkrankungen kommt.

Wenn ein Virus völlig neu in einer Population auftritt, so kann er verheerende Folgen haben.

Als die Europäer erstmals nach Amerika kamen, brachten sie dort unbekannte Viren mit. Millionen starben an Windpocken, Masern und Röteln. Nach einiger Zeit verloren die Erreger ihren Schrecken. Das mag daran liegen, dass besonders empfindliche Personen starben. Diese selektive Wirkung der Viren soll die Selektion durch sexuelle Partnerwahl sogar noch übertreffen [37]. Dennoch ist eigentlich nicht vorstellbar, dass beim Neuauftreten eines Virus erst alle empfindlichen Personen sterben müssen, bis sich ein stabiler Zustand einpendelt. Es muss andere Mechanismen geben, die eine Population schützen, auch wenn keine spezifische Antikörper bei einem bestimmten Individuum vorhanden sind.

Ein Schlüssel zum Verständnis ist, dass die schweren Verlaufsformen beim Neuauftreten eines Virus nicht durch eine unzureichenden Immunabwehr, sondern durch eine überschießenden Immunabwehr zustande kommen. Dies konnte beispielsweise für Todesfälle durch die spanische Grippe 1918/1919 belegt werden [18].

Es macht also durchaus Sinn, dass das Immunsystem ständig von einem breiten Spektrum verschiedener Viren stimuliert wird. So kann beim Neuauftreten eines Erregers eine angemessene Immunantwort zustande kommen.

Diese Form der Adaptation, die an eine bestimmte virale Flora geknüpft ist, könnte auch eine ausreichende Triggerung (oder Beschäftigung von Rezeptoren) der Helferzellen verursachen, so dass dadurch gleichzeitig ein Schutz gegen chronische Erkrankungen besteht. Aber natürlich spielen dabei auch Bakterien und Helminthen eine Rolle, wobei von einer gegenseitigen Beeinflussung der verschiedenen Erregerarten auszugehen ist.

Ein Eingriff in ein solches Spektrum, wie es mit der Varizellen - Impfungen geplant ist, wird, wenn erfolgreich, zum teilweisen Verschwinden des Virus führen. Dies wird die gesamte Adaptation mit unbekannten Folgen ändern. Vermutlich wird zunächst die Komplikationsrate der Erkrankung steigen. Aber das wesentliche Problem wird in Krisenzeiten auftreten, in Zeiten politischer Instabilität, oder während eines Krieges, mit schlechter Ernährungslage, und wenn Impfstoffe nicht vorhanden sind (allein die Schließung einer einzigen Fabrik führte im Winter 2004/2005 zu einem Mangel an Grippeimpfstoffen). Möglicherweise wird durch die Änderung des viralen Spektrums die Grundlage einer schwerwiegenden Epidemie gelegt. Die Vorstellung von dauerhaft stabilen Verhältnissen ist ebenso illusorisch wie die Hoffnung, Infektionskrankheiten endgültig ‚besiegen’ zu können.

Viren und Epigenetik

Was Viren wesentlich von Bakterien unterscheidet ist ihre enge Beziehung zum Genom. Gene und Viren können genetisches Material austauschen [29]. Viren können in die Gene inkorporiert werden, was beispielsweise für die endogenen Retroviren bekannt ist. Eingebettet ins genetische Material verhalten sich diese Viren unauffällig oder können sogar hilfreich sein. Im Falle einer anderen Virusinfektion können die Retroviren dann plötzlich Moleküle produzieren, die als körperfremd angesehen werden und so eine Autoimmunkrankheit auslösen [10]. Das heißt, bestimmte Personen werden unter bestimmten Umständen von bestimmten Viren profitieren, die sich unter anderen Umständen als schädlich herausstellen. Jeder Eingriff in dieses System kann Konsequenzen haben, die unvorhersehbar sind und nicht das Geringste mit der eigentlichen viralen Infektion zu tun haben.

Durch die Beziehung zum Genom haben solche Änderungen nicht nur Konsequenzen für das Individuum, sondern betreffen auch Folgegenerationen. Das bedeutet, dass erworbene Eigenschaften, die mit Virusinfekten verknüpft sind, weitervererbt werden können. Bis vor kurzem galt eine solche Vorstellung noch als völliger Unsinn. Doch dieses Axiom wurde in letzter Zeit mehr oder weniger still begraben. Das Wissenschaftsmagazin Science bezeichnete die Entdeckung eines entsprechenden Mechanismus (der sogenannten small RNA) als den wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2002 [6]. Die Adaptation an die Umwelt wird also nicht allein nur durch das Kontinuum des viralen Spektrums beeinflusst, das prae-, peri- und postnatal auf die folgende Generation übertragen wird.

Epigenetische Phänomene werden, seit diese Sichtweise erlaubt ist, überall beobachtet. Sie beruhen nicht nur auf der Veränderung des genetischen Materials. Die sogenannte genetische Prägung (genomic imprinting) ist ein Mechanismus bei der ein elterliches Gen sich stärker ausprägt als ein anderes [3]. Selbst reine Umweltfaktoren wie die Brutpflege können so die Genexpressivität über die Generationen verändern [38].

Epigenetik und Miasmen

Epigenetische Veränderungen können über Generationen persistieren, auch wenn der ‚verursachende’ Faktor nicht mehr besteht. Die epigenetisch vererbte Eigenschaft braucht aber in den neu vorgefundenen Verhältnissen nicht unbedingt von Vorteil sein. Sie kann sogar schaden und einen Auslesenachteil darstellen [1].

Sehr früh war es die Homöopathie, die ein entsprechendes medizinisches Konzept vorstellte. Unter dem Stichwort Miasmen wurden Krankheiten verstanden, die, obgleich erworben, zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit der Folgegenerationen führten. Neben den bakteriellen Erkrankungen Gonorrhoe und Syphilis beschrieb Hahnemann das Bild der sogenannten Psora. Dabei handelte es sich um eine akute Infektionskrankheiten mit initialen, juckenden Hauterscheinungen und einer kurzer Inkubationszeit von 6 – 14 Tage. Diese Krankheit führt, nach seinen Angaben, zu chronischem, vererbbarem Siechtum [14: 50].

Unter Homöopathen wurde das Konzept der Psora ganz unterschiedlich gedeutet, und von vielen wurde bezweifelt, dass es so etwas überhaupt gibt.

Wenn man sich die von Hahnemann zusammengetragenen Fälle genauer ansieht [14: 23-40], so entsprechen die akuten Erscheinungen am ehesten Virusinfekten. Der wesentliche Unterschied zwischen Virusinfekten und der Psora ist, dass heutige Infekte selten mit juckenden Hauterscheinungen beginnen. Dies mag eventuell daran liegen, dass es in en letzten 200 Jahren zu einer veränderten Adaptation mit einem anderen Erregerspektrum gekommen ist. Die Veränderung der Adaptation lässt sich daran erkennen, dass seither ein stetiger Rückgang der Letalität von bakteriellen und viralen Infekten zu verzeichnen ist. Dieser Rückgang ist kontinuierlichen und völlig unabhängig von jeder medizinischen Entwicklung, Antibiotika und Impfungen eingeschlossen [15]. Es ist demnach primär nicht auszuschließen, dass Virusinfekte früher vermehrt Hauterscheinungen hervorriefen.

Das chronische Erscheinungsbild der Psora entspricht in groben Zügen dem, was heute unter Atopik verstanden wird, schließt jedoch teilweise auch andere chronische Erkrankungen mit ein. Die Psora ist im Grunde eine frühe Beschreibung des atopischen Formenkreises, wobei die Grenze zu anderen chronischen Erkrankungen des Typ 2 nicht eindeutig gezogen wurde. Aber vermutlich wird die definitorische präzise Unterscheidung von Krankheiten, die heute so bedeutsam erscheint, in Zukunft durch ein besseres immunologische Verständnis ohnehin obsolet werden.

Ein weiterer Unterschied von Atopik von der Psora besteht darin, dass es für das endogene Ekzem nicht bekannt ist, dass es durch Infekte ausgelöst wird. Zwar ist die Anzahl der Infekte im Kleinkindesalter mit der Inzidenz von atopischem Ekzem korreliert [2], aber detaillierte Erkenntnisse liegen nicht vor. Da es sich bei der Atopik jedoch um ein immunologisches Ungleichgewicht handelt, erscheint die Annahme einer viralen oder bakteriellen Auslösung nicht so abwegig. Es ist auch denkbar, dass viele Infekte, die früher mit Fieber einhergingen durch den kontinuierlichen Rückgang ihrer Intensität jetzt nur noch blande verlaufen.

Die Deutung der Psora als Typ2 Ungleichgewicht des Immunsystems erklärt ein weiteres, oft beobachtetes Phänomen, das in der Heringschen Regel als ‚von chronisch zu akut’ bezeichnet wird. Die Atopik, oder generell die Typ 2 Pathologien sind von einer Abwehrschwäche gegen Infekte gekennzeichnet. Das bedeutet, dass der Organismus mit persistierenden Viren und einer ganzen Reihe von fakultativ pathogenen Keimen besiedelt ist, die zunächst keine Krankheitserscheinungen verursachen. In dem Augenblick, in dem sich die Relation Th1/Th2 normalisiert, wird es zwangsläufig zu vermehrten, akuten Infekten kommen. Dies wird so lange anhalten bis sich ein neues Gleichgewicht in der helmintho-bakterio-viralen Flora einstellt. Das Auftreten solch akuter Infekte stellt deshalb keinen Rückschritt in der Therapie dar, sondern zeugt von einer solideren Eigenregulation.

Die Erfahrung lehrt, dass dieses Auftreten akuter Erscheinungen erst einige Monate nach dem Beginn einer erfolgreichen Therapie eintritt. Dieses Zeitintervall korreliert mit Beobachtungen aus der Chronomedizin. Chronische Krankheiten sind charakterisiert durch das Fehlen innerer Rhythmen, und das Einsetzen reaktiver Mechanismen ist im Monatsbereich zu beobachten [16].

All diese Prozesse, die die Erregeradaptation betreffen, sind bei einer korrekten Therapie in Betracht zu ziehen.


zitierbar: Ivanovas G (2006): Die helmintho-bakterio-virale Flora, Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren 47; 8: 537-542



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