Das Mundstück der Oboistin





"Was willst du photographieren?", fragte mich die Oboistin, als ich sie dazu überredete, meine Kamera bei ihrer häuslichen Arbeit zusehen zu lassen.

"Ich weiß es selbst nicht!", mußte ich ehrlicherweise antworten.

Ich photographiere Künstler und Kunst-Handwerker bei ihrer Arbeit. Es sind eigentlich nicht die Menschen, die ich photographiere, es sind Bewegungen, Abläufe, Werkzeuge. Jede handwerkliche Tätigkeit baut auf einer langen Erfahrung auf. Jede Handbewegung ist sozusagen eine Schnittstelle zwischen einer langen Tradition und einer individuellen Ausprägung. Und irgendwie ist diese Schnittstelle mein Thema.

Ich bin ein absolut "bildlicher" Typ. Bilder (nicht Szenen) enthüllen mir ganze Geschichten. Ich sehe einen Vorgang und plötzlich hält in meiner Wahrnehmung das Geschehen kurz inne. In diesem Augenblick entsteht ein Sinn in banalen Abläufen. Diese Bilder bekommen für mich eine ungeheure Tiefe. So erlebte ich die "Wirklichkeit" lange bevor ich photographierte und ich photographiere seit ich 17 bin. Und natürlich ist die Photographie das ideale Medium für meine Art wahrzunehmen.

Da ich in der Regel nichts über Handwerke und Künste weiß, kann ich nie sagen, wo diese Schnittstelle, dieser Augenblick für mich sein wird. Es entstehen drei Bilder, eines in meinem Denken, eines als photographisches Konzept, eines dann auf dem Papier. Vielleicht benötige ich das Wort, um die zwei ersten Bilder darzustellen, obwohl es in meinem Denken immer Bilder sind.

Ich besuchte also die Oboistin. Dazu nahm ich den Nachtzug von München nach Wien. Einen Musiker in Wien zu photographieren! Ist das nicht phantastisch!

*


Ich kam sehr früh mit dem Zug an und schlenderte an diesem kalten, grauen Novembermorgen über den Naschmarkt, diesen seltsam internationalen Markt, in dem es noch Sauerkraut, saure Gurken und Wein aus dem Faß gibt, österreichische Spezialitäten, aber auch viele Spezialitäten des Balkans. Ich hatte meine Kamera in der Tasche und ließ sie auch dort, denn ich wollte mir den Genuß dieses Markt-Morgens nicht durch das kalte Ding in der Hand verderben. Außerdem, so sagte ich mir, ist dieser Markt von allen Seiten und Ecken schon photographiert, was sollte da noch ein weiters Photo und für wen? In mir bleiben die Photos gespeichert. Dafür habe ich eine fast unendlich große Festplatte.

Im türkischen Eck waren die Döner-Spieße noch über und über mit Fleisch behängt, Berge von Fleisch, die vor sich hinbrutzelten, wobei die Heizstäbe mir an diesem trüben und kalten Morgen die Seele wärmten. Ein schnauzbärtiger Türke schnitt mit einem riesigen Messer ein kleines, gut gebratenes Stück von der riesigen Fleischwalze ab, spießte es mit seinem Messer auf (und es sah so ulkig aus, wie dieses kleine Stück Fleisch an diesem übergroßen Messer steckte) und hielt es einem ebenfalls türkischen Kunden hin. Sein ganzes Verhalten drückte Freude aus und Faszination, daß dieses Stück so gut gelungen war.

Dieser Augenblick, kurz bevor der Kunde das Fleischstück vom Messer abzupft, war für mich das Bild größter Intensität. In dieser Geste, mit dieser Freude und Wärme (durch den sozialen Kontakt, durch den Dönergrill, durch die Passion an der eigenen Arbeit, durch die Stillung des Appetits) an diesem grauen Novembermorgen in dieser historischen Stadt, deren Geschichte sich in diesem Markt widerspiegelt. Genau dies wäre mein Photo gewesen. Und das Photo hätte (wahrscheinlich) nur den vordern Teil des Messers und die Hand des Kunden gezeigt. Ein gutes Photo ist für mich ein Verdichtungspunkt einer langen Geschichte und eines breiten sozialen Ausschnittes.

Aber natürlich ist das so wie bei den Anglern: "Du hättest den Fisch sehen sollen, den ich nicht gefangen habe!"


*


Was mich bei der Oboistin faszinierte, war ihr Mundstück.

Sie hütet ihre Mundstücke, die sie selber anfertigt, wie einen Schatz. Sie sagt: 50% ist Können, 50% ist das Instrument und das wichtigste Teil des Instrumentes ist das Mundstück. Bei keinem anderen Blasinstrument spielt das Mundstück eine so bedeutende Rolle.

Die Herstellung dieser wertvollen Teile konnte ich in ihrer Küche verfolgen:

Man nehme ein Stück Bambus, einen speziellen "Musikerbambus", der in Südfrankreich angebaut wird. Das obere Drittel ist vom Durchmesser für die Oboe geeignet, das mittlere Drittel für die Klarinette, das untere Drittel für das Fagott. Dieses Stück Bambus wird in einer geradezu alchemistischen Weise gewässert, geschnitten, geschabt, gefaltet, wieder gewässert, umgeklappt, dann um ein Eisen gewickelt und unter einer Flamme gehärtet, wieder gewässert und geschabt (oder erst geschabt und dann gewässert und dann wieder geschabt - irgendwann habe ich den Überblick verloren). Zum Schluß wird es in die richtige Länge gebracht und mit einem Farbzwirn kenntlich gemacht, individualisiert. Das ist nötig, da jedes Mundstück dem Instrument einen anderen Klang gibt und sie wählt je nach Aufführung ein anderes Mundstück aus.

Um ihr Kästchen mit den verschiedenfarbigen Mundstücken zu photographieren (eines der wenigen Male, wo ich traurig war, nur schwarz-weiß zu arbeiten) schaltete ich ihre Schreibtischlampe an und richtete das Licht darauf. Sofort kam sie und sagte: "Nicht zu lange unter dem Licht lassen". Überhaupt kontrollierte sie mich ständig, so lange ich mich mit ihren Mundstücken beschäftigte. Besser kann man mit einem "Alten Meister" nicht umgehen.

Ein weiterer Punkt, der eine große Fasziation für mich hatte, war, daß es eine "Wiener Oboe" gibt, also ein Instrument, das nur in Wien existiert. Ein Dirigent, der zum Gastspiel nach Wien kommt, muß sich mit einem ihm nicht vertrauten Instrument und einem Musiker auseinandersetzen, der anders als erwartet funktioniert. Und, viel schwerwiegender, die Oboistin ist an Wien gebunden. An keiner anderen Stelle der Welt ist dieses Instrument akzeptiert. Für sie gibt es also nur die Möglichkeit in Wien zu leben oder den Beruf aufzugeben, was nicht nur aberwitzige Folgen im persönlichen Leben haben kann (und hatte), sondern es prägt das Bewußtsein in einer einzigartigen Weise.


Wie dies alles festhalten?

Für mich kommt dies am besten zum Vorschein in Photos, die nichts davon darzustellen scheinen.







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