Die Objektivität der Photographie




Ist ein Photo objektiv?

Eine Frage, die leicht beantwortbar scheint. Und doch zeigt sich bald, dass sie auf so spannenden und komplexe Wege führt wie: Wie funktioniert die Wahrnehmung? Was ist Wahrheit? Wo finden wir die Wirklichkeit? Und: Wie lassen wir uns verführen?


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Daniel Statz Homunkulus

Photos sind schon seit einigen Jahren bei Gericht nicht mehr als Beweismittel zugelassen. Im Prinzip seit man am PC aus einem Photo genau das machen kann was
man will, wie diese Arbeit von Daniel Statz zeigt, wo aus einer ganz normalen Paprika ein Homunkulus wurde.

Ein Photo ist, und eigentlich ist das schockierend, nicht mehr verlässlich. Es ist genau so
wenig verlässlich geworden wie eine Zeugenaussage. Dabei waren Photo und Film über Jahrzehnte hinweg die „sicheren“ Dokumente. Die Bilder aus dem Vietnamkrieg waren
viel bedeutsamer als irgendwelche Worte. Erzählungen und Berichte sind zwar recht und
schön. Aber Bilder sind doch etwas ganz anderes.
Dies zeigte sehr eindrucksvoll die Ausstellung Die Verbrechen der Wehrmacht. Die
Ausstellung, die zunächst eher unauffällig durch Deutschland tingelte und bei Fachleuten als wortlastig galt, wurde aufgrund der Photos immer berühmter. Sie wurde gelobt, gefeiert, angefeindet, es wurde sogar ein Bombenattentat verübt. Und dabei ging es nicht um den Text, um ‚die Wahrheit’ oder um das sogenannte Fa
ktum, dass Armeen
verrohen und dass die deutsche Wehrmacht davon keine Ausnahme war. Das war alles schon bekannt. So gab es in Griechenland eine ganze Reihe von gut dokumentierten Massakern der deutschen Wehrmacht, die sich in nichts von denen der Amerikaner im Vietnamkrieg oder der Russen im 2. Weltkrieg unterschieden. Ein griechisches Gericht hatte sogar in den 90ern den deutschen Staat zu Entschädigungszahlungen verurteilt, was dieser natürlich nicht anerkannte. Von dem Vorgang wurde öffentlich nicht einmal Notiz genommen. Es fehlten einfach die Bilder.
Wenn man sich die Berichte und Interviews zur Wehrmachtsausstellung durchliest, dann ging es dabei nicht wirklich darum, die geschichtliche Dimension der Wehrmacht zu beurteilen. Es ging darum, was lösen die Photos in dem Beobachter aus. Es wurde nicht die Gewalt von Armeen diskutiert. Es wurde gefragt: Ist das Photo richtig datiert? Sind die Toten wirklich von der Wehrmacht getötet worden? Spiegelt das Verhalten der deutschen Soldaten auf dem Photo wirklich einen allgemeinen Trend wider? Es waren Fragen zu den Photos, nicht zur Wehrmacht. Folgerichtig wurde die Ausstellung vorübergehend geschlossen, als bei einer ganzen Reihe von Photos Zweifel aufkamen, ob sie richtig betitelt waren, ob abgebildete Tote wirklich von Deutschen getötet wurden.


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Das Einzigartige an der Photographie ist die Illusion einer Wirklichkeit. Sie vermittelt uns den Eindruck einer Objektivität, die manchmal intensiver ist als das persönliche Leben.
Was macht diese Verführungskraft aus, die so ganz anders ist, als die Verführung des Wortes, der Zeichnung oder der Musik.

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Vielleicht ist es kein Zufall, dass Photographie zu einer Zeit entstand, als man an die Objektivität der Wahrnehmung bedingungslos glaubte und sie verliert durch die Möglichkeit der technischen Manipulation ihre Glaubwürdigkeit (zusammen mit dem Film) in einer Epoche, in der ein zusammenhängendes Weltbild auch wissenschaftlich nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
Im Mittelalter war man sich der Subjektivität der Wahrnehmung noch völlig bewusst. Man wusste ja nie in welcher Form Gott oder der Teufel erscheint. Und das Tragen von Augengläsern war lange Zeit verpönt, denn es vergrößerte nur die weltliche Illusion.
Die Präzision der Zeichnungen Leonardos, später der Photographie und des Films nährten die Illusion von Sicherheit, das unstillbare Bedürfnis nach Geborgenheit in einer wirklichen Realität.
Dass dieses Zeitalter zuende geht, erlebte ich vor einigen Jahren, als meine damals fast 5 jährige Tochter eine ordentlichen Kulturfilm sah, in dem Elefanten und Löwen vorkamen, also ein Film, wo sich Eltern freuen, wenn ihre Kinder so was ansehen. Meine Tochter fragte: „Papa, existieren die Tiere wirklich?“ „Natürlich,“ antwortete ich, „das siehst Du doch hier im Film.“ „Aber Dinosaurier gibt es doch auch nicht!“ Die neuen Medien vergrößern nur die Illusion. Sie zeigen nicht (mehr?) die Wirklichkeit. Was für Konsequenzen mag das für unsere Kinder haben, die von klein auf mit dem Bewusstsein aufwachsen, dass ein Photo oder ein Film die Aussagekraft eines Schaustellers auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt hat.

Vielleicht sind die Live-Auftritte von Politikern und Künstlern deshalb so wichtig, weil damit wahrscheinlicher wird, dass es sie wirklich gibt und dass all diese Nachrichten- und Kultursendungen nicht nur eine weitere Folge von Jurrasic Park sind, inszeniert, um uns zu unterhalten.
Aber auch schon in der Zeit, als man noch an die Objektivität der Bilder glaubte, setzte man sich vor allem im cinema noire mit Spiegelungen, Doppelgängern, Doppelagenten, eineiigen Zwillinge und all den übrigen Verwirrgestalten auseinander. So lässt Hitchcocks Vertigo an der Realität der eigenen Wahrnehmung zweifeln, ein Thema, das Hitchcock immer wieder aufgegriffen hat: Ist das alles wahr, was ich da sehe und erlebe?
Kurosawas Film Kagemusha – der Schatten des Kriegers lotet dieses Thema der Grenze zwischen diesem üblichen Gefühl der Wirklichkeit und dem Zweifel an der Wahrnehmung aus, wobei er sich scheinbar ganz auf die Seite der Realität schlägt, aber eben nur scheinbar. Denn schon dreißig Jahre vorher hat er mit Rashomon eine nachprüfbare Realität abgestritten.
Was ist wahr, wirklich, objektiv? Die meisten heutigen Thriller haben sich für die klare Version des Fiktiven entschieden. Es ist alles Fake. Eine beruhigende Gewissheit.


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Photos vermitteln auch eine beruhigende Gewissheit. Aber es ist dies die Gewissheit der Wirklichkeit. Die Kunst der Photographie besteht gerade darin, mit dem Gefühl der Objektivität zu spielen. Selbst die präzisesten Malereien (die nach Photos gearbeitet sind) rufen nicht dieses Gefühl von Realität hervor wie das schlampigste Photo. Die Photographie entspricht als Ausdrucksform am ehesten unserem Gefühl eines naiven Realismus. Nicht dass das Photo realer wäre als andere Informationsmittel. Wir glauben dem Photo einfach mehr, so wie wir bestimmten Menschen mehr glauben als anderen.

Wir lassen uns von ihm verführen. Gerne verführen.

Niemand glaubt, dass die Models im täglichen Leben so aussehen wie auf den Photos. Selbst in einer Talk-Show, wo sie genau so geschminkt sind, ist der Verführungscharakter nicht annähernd so ausgeprägt. Auch Playmates sollen anhand der Photos auf der Straße nicht wiedererkennbar sein. Und nicht nur, weil sie da bekleidet sind.
Wie Kagemusha der Schatten des Kriegers ist, so sind die Photos der Schatten der Realität. Aber oft, wie auch in Kurosawas Film, ist der Schatten lebendiger, einfühlsamer, wirklicher.
Oder vielleicht ist Schatten nicht der richtige Ausdruck. Photos sind eher die Glanzlichter der Realität. Selbst die abscheulichsten Photos haben eine Art überrealistischen Glanz.


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Das sind aber nicht die Punkte an die man denkt, wenn man nach der Objektivität der Photographie fragt. Man meint eher, ob es eine objektive Art der Abbildung gibt. Genau so könnte man fragen, ob ein Fax und ein Scanner objektiv sind. Sie sind es. Jedem Farb- oder Schwarzweißpunkt auf dem Photo entspricht ein entsprechender Punkt vor der Kamera. Wie könnte es eine bessere Form der Objektivität geben?
Dabei ist die Frage nur falsch gestellt. Das Photo kann durchaus objektiv sein. Der Betrachter ist es nicht. Und wenn wir die scheinbare Subjektivität des Photos unter die Lupe nehmen, dann ist es unsere eigene Subjektivität, der wir da entgegensehen.


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Zunächst einmal glauben wir jedoch, dass im Photo die Subjektivität des Photographen steckt. Da ist zunächst der Ausschnitt. Wenn wir in die Landschaft schauen und zu jemandem sagen: „Da schau!“ Wird der sicher fragen: „Was denn?“ Wir können sagen: „Den Baum da.“ Aber wieder wird der andere fragen: „Was ist damit?“. Bei einem guten Photo werden wir den Baum sehen und uns nichts fragen, sondern etwas ganz Bestimmtes wahrnehmen, eine Information erhalten, auch wenn wir eventuell nicht erklären können, was für eine. Bei einem schlechten Photo werden wir fragen. „Hm. Was soll das?“ Und es weglegen, ohne dass es etwas in uns bewirkt. Keine Information. Aber natürlich sind beide Photos gleich objektiv. Es ist nicht die Objektivität, die am Photo beeindruckt. Zum Beispiel ist das Photo 3A meiner Tochter objektiv, aber es hat nicht das, was man in der Wahrnehmungstheorie Prägnanz nennt. Ein gutes Photo hat eine ungeheure Prägnanz. Aber diese prägnanten Bilder entstehen nicht auf dem Papier. Dieses Bilder entstehen nur in uns, auf unsere ganz individuelle Art und Weise. Auch Musik und Gerüche bilden keine Wirklichkeit ab. Und so individuell wie unsere Reaktion auf ein schweres, süßes Parfüm ist, so individuell ist das innere Bild, das ein Photo in uns erzeugt.

Martha Ivanovas 3A
Was für den einen prägnant ist, braucht es für den anderen nicht zu sein. Was für den einen (meist für die Jüngeren) tolle Musik ist, ist für die anderen (Älteren) oft nichts anderes als Lärm. Und eine Putzfrau wird, entsprechend ihrer Erwartung, viel mehr Schmutz sehen als der Künstler.

Was für den Künstler ganz prägnante Kunst ist, ist für die Putzfrau ganz prägnanter Schmutz. Was für den Professor Beuys ein wichtiges Kunstwerk war, das er Fettecke nannte, war für die Putzfrau nur eklig. Folgerichtig hat sie es weggewischt.

Photos haben aber eine Art der Prägnanz, die uns wirklicher scheint als die eines Geruches oder eines Geräusches. Das mag ein kulturelles Phänomen sein. Wir sehen die Photos so, weil wir photographieren können und wir photographieren, weil wir so sehen.
Aber es gibt noch andere Erklärungsmodelle für den Eindruck der Objektivität, den die Photographie hervorruft, der nicht auf reinem rekursiven Lernen beruht.



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Der erste Schritt beim Sehen ist völlig identisch mit der Aufnahme eines Photos.

Oft wird mit solche Abbildungen versucht, die Wahrnehmung zu erklären. Diese alten Erklärungsprinzipien gehen aber davon aus, dass der Mensch kein Gehirn besitzt, dass also das Bild durch den Sehnerv auf die hintere Schädeldecke oder auf eine sonstige Leinwand in einer Höhlung des Gehirns projiziert wird.
Im Gehirn gibt es aber keine Leinwand. Und den Wahrnehmungspsychologen ist natürlich schnell aufgefallen, dass Sehen und Wahrnehmen zwei völlig verschiedene Sachen sind. So hat es zunächst erstaunt, dass das Auge falsch abbildet. Wir sehen ja gar nicht richtig. Wir sehen alles auf dem Kopf. Hat man Ihnen das auch schon erzählt? Also sind ein paar findige Wissenschaftler auf die Idee gekommen, den Menschen Brillen aufzusetzen, die das Bild umkehren, so dass das Bild richtig herum ins Hirn projiziert wird. Die Versuchspersonen taten sich am Anfang etwas schwer, aber nach kurzer Zeit sahen sie mit der Brille nicht mehr alles auf dem Kopf sondern wieder richtig herum. Wie kann das gehen? Ob aufrecht oder auf dem Kopf, wir sehen nach kurzer Zeit immer richtig? Ganz einfach. Wir sehen die Dinge gar nicht so wie sie sind. Nichts wird nach dem obigen Schema abgebildet, nichts gescannt, nichts gefaxt, nichts projiziert.

Die liebste Spielwiese der Wahrnehmungstheoretiker, um diesen seltsamen Geschehnissen auf die Spur zu kommen, sind die optischen Täuschungen und die Kippbilder. Warum man den Necker-Würfel mal so rum oder so rum sieht und das auch noch mit einem Auge; oder warum man mal die junge und die alte Frau sieht, aber nie beide und nie keine; warum eine gerade Linie krumm erscheint, darüber wird lang diskutiert. Aber im Grunde ist das ziemlich langweilig. Zumindest für den Photographen. Denn in der Natur kommen Kippbilder und optische Täuschungen praktisch nicht vor. Die sind in der Regel gemalt und selten hat ein Photo einen Kippbild-Effekt.


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Spannender für unser Thema ist da schon das Photo der Kirche. Objektiv (zumindest in der Objektivität des Photos) sind die schwarzen Flächen in der Sonne von derselben Lichtintensität wie die weißen Stellen im Schatten. Sie sind genau so hell. Und trotzdem erscheint uns das eine schwarz und das andere als weiß. Dazu kommt, dass es weiß als Farbe gar nicht gibt. Man erzählt uns zwar: Ja, das ist eine Mischung von verschiedenen Lichtfrequenzen. Aber was heißt das? Aber alle anderen Farben bestehen doch aus einer einzigen Lichtfrequenz. Wo mischt sich das Weiß zusammen? Probieren Sie es aus: Schauen Sie sich um und machen Sie sich klar, dass alles was weiß ist in ihrer Umwelt gar nicht weiß ist sondern eine Mischung aus Farben. Es ist ein Trick der Wahrnehmung. Eine Täuschung. Andererseits ist blau auch nicht realer. Auch blau gibt es nur in unserer Wahrnehmung. Eine Biene und ein Frosch sehen kein blau.

Man kann es noch krasser ausdrücken: Biene, Frosch und wir sehen die Dinge nicht nur verschieden, wir sehen im Grunde überhaupt nicht, wenn man Sehen als die objektive Punkt für Punkt-Umsetzung eines Bildes betrachten. Wir erschaffen aus Nervenimpulsen, die von der Netzhaut kommen einen Eindruck, der uns als Bild erscheint. Ein Bild, das irgendwie praktikabel ist, das aber nur entfernt (wenn überhaupt) etwas damit zu tun hat, wie Gegenstände auf der Netzhaut oder auf einem Film abgebildet werden.



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Den extrem Unterschied von Sehen und Wahrnehmung zeigt das Krankheitsbild der visuellen Agnosie. Menschen mit diesem Phänomen können einen Gegenstand, zum Beispiel einen Kamm, zwar in Form, Farbe und Struktur beschreiben, sie sind aber nicht in der Lage zu sagen, was das eigentlich für ein Ding ist. Sobald sie den Gegenstand in die Hand nehmen und tasten können, wird es ganz klar: Das ist ein Kamm.


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Wahrnehmung von Bildern ist eine Angelegenheit der Emotionen. Das ist inzwischen Allgemeingut und genau untersucht. Am bekanntesten ist der Rorschach-Test, bei dem durch die Deutung einer nicht prägnanten Zeichnung die Gefühlslage des Testling geprüft werden soll, seine Projektionen. Diese Tests sind wie schon die optischen Täuschungen und die Kippbilder gezeichnet. Während die Kippbilder uns eine bestimmte Sichtweise aufzwingen, sind die projektiven Tests individueller. Wir sehen entsprechend unserer Erfahrung, unsere augenblicklichen Gestimmtheit. Im Grunde ist die Beurteilung von jedem Gemälde ein projektiver Test. Dali hat mit der ganzen Palette von dieser „Wahrnehmungsgesetze“ experimentiert. Überhaupt hat die Malerei sehr viel mit den Prinzipien zu tun, wie eine prägnante Wahrnehmung oder eine Gestalt in unserem Bewusstsein entsteht.


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Diese Dinge spielen in der Photographie auch eine Rolle, aber eine untergeordnete. Ich vermute, dass es um eine andere Form der Bewusstwerdung handelt, wie sie in der Malerei angewandt wird oder von den früheren Gestaltpsychologen untersucht wurde.

Wenn man Photos von Körperausschnitte betrachtet, werden einige Grundprinzipien der Wahrnehmung deutlich. Gefühle, Assoziationen, innere Bilder sind schon vorhanden, bevor wir erkennen. (Mit freundlicher Genehmigung von Roland Gaspar.)


Roland Gaspar Simona



Gerade solche Ausschnitte des menschlichen Körpers sind für solche Experimente gut geeignet, da sie leicht Emotionen auslösen können (natürlich wird ein Autoliebhaber auch solche Reaktionen bei Ausschnitten von Autophotos haben). Aus einem kleinen Ausschnitt oder einer leicht strukturierten Aufnahme erahnen wir eine prägnante Gestalt. Es entwickelt sich ein Bild in unserem Kopf. Durch leichte Andeutungen, durch Muster angeregt vervollständigen wir ein größeres Muster. Jede bildende Kunst arbeitet mit solchen Techniken. Das ist besonders auffällig bei Plastiken wie sie beispielsweise von Canova, Rodin oder Moore geschaffen wurden. (Mit freundlicher Genehmigung von Fjodor Helmstedt)



Fjodor Helmstedt Grenzen


Die Frage, ob wir Emotionen haben müssen, um zu erkennen oder erkennen müssen, um Emotionen zu haben, ist, wie so viele lineare Fragen, falsch gestellt. Erkennen und Emotionen entwickeln sich zusammen, bedingen sich gegenseitig, so wie Zahnräder einer Uhr die Zeitanzeige voranbringen. Meist geht diese Entwicklung so schnell, dass wir sie nicht als Ablauf erkennen. Bei manchen Gelegenheiten kann dieser Vorgang aber verlangsamt werden und wir können einen Blick auf die Wahrnehmungsmechanik werfen.

Wer schon einmal in einer Dunkelkammer war, kennt diesen Effekt. Da ist zunächst nur ein weißes Blatt. Dann entstehen die ersten Konturen, die allmählich deutlicher werden. Dann kommen die Schattierungen dazu. Diese Geburt des Photos aus dem Nichts, dieser erste Schatten lässt sich praktisch nicht festhalten. Es gibt entweder nichts oder ein prägnantes Bild. Dieser Strukturierungsprozess aus dem scheinbaren Nichts, der schließlich zu einer Mustererkennung führt, durchläuft ein ganzes Spektrum von Gefühlen und Assoziationen.

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Erstaunlich ist, dass die Mustererkennung eines Computers in einer ganz anlogen Weise abläuft, wie die Entstehung des Bildes in der Dunkelkammer. Als Beispiel eine Sequenzen, wie Hermann Hakens synergetischer Computer einen Stadtplan errechnet.


Hermann Haken Stadtplanerkennung

Mit freundlicher Genehmigung von Hermann Haken


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Möglicherweise sind die Ähnlichkeiten von Photographie und Wahrnehmung nicht nur auf die identische Art der Bilderzeugung (Linse/Auge) beschränkt. Vielleicht gibt es eine viel tiefere Analogie in der Art der Mustererkennung und –verarbeitung. Dann wäre die Objektivität der Photographie darin begründet, dass sie auf so gleichartige Weise subjektiv ist wie die Wahrnehmung des Menschen.

Natürlich entstehen damit mehr Fragen als Antworten: Gilt dies gleichermaßen für die Farb- und die Schwarzweißphotographie? Wie unterscheidet sich der Film? Oder sind das alles nur rein ausgedachte Erklärungsmodelle ohne jeden Bezug zur tatsächlichen Wahrnehmung?




Literatur

Verbrechen der Wehrmacht oder Artikel im Spiegel Nr. 23/99 S. 60-62, Nr. 29/99 S. 48-52

Rock, Irvin Wahrnehmung Heidelberg 1985 (Spektrum)

Haken, Hermann & Haken-Krell, Maria Erfolgsgeheimnisse der Wahrnehmung, Frankfurt 1994 (Ullstein)



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