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Das Paradigma der Naturheilverfahren


Es wird viel vom Paradigmawechsel gesprochen, wobei oft im Dunkeln bleibt, was damit eigentlich gemeint ist. Das Wort ist in seiner unpräzisen Verwendung nur noch mit dem Wort „ganzheitlich“ zu vergleichen. Dabei ist gerade für die Naturheilverfahren das Wissenschaftskonzept des Paradigmas von besonderem Interesse. Es ermöglicht einen Vergleich mit und eine Abgrenzung zur universitären Medizin oder zur Schulmedizin und es schafft eine Basis für Vergleiche innerhalb der naturheilkundlichen Verfahren.

Der Begriff des Paradigmas geht zurück auf Thomas Kuhn, der Paradigma (griech. für Beispiel) definiert als die übliche Herangehensweise an ein Thema, wie es in den Lehrbüchern vermittelt wird, also eine Vorgehen, das schlicht als normal empfunden wird. Die Wissenschaft, die auf diesen Prinzipien, auf diesen beispielartigen Ansätzen beruht, nennt er die normale Wissenschaft. Ist ein Paradigma etabliert und allgemein akzeptiert, so kommt es zu keinen neuen Entdeckungen, die das Paradigma in Frage stellen könnten, sondern die Wissenschaft ist mit dem Lösen von Problemen beschäftigt (Kuhn nennt es Rätsellösen), die das Paradigma vorgibt.(1) Solche Fragen wären beispielsweise: Gibt es ein nebenwirkungsärmeres Antihistamin? Gibt es einen biochemischen Mechanismus der Allergienentstehung, der noch nicht bekannt ist und der eventuell medikamentös besser zu beeinflussen ist? Welche DNS-Codes verursachen eine allergische Diathese?

Kuhn entwickelte das Konzept des Paradigma für Physik und Chemie, also für die klassischen Naturwissenschaften. Diese Naturwissenschaften versuchen Modelle für beobachtbare Vorgänge zu entwerfen wie Atommodell, Licht, Oxydation usw. Eingriffe in das beobachtete System (Experimente) sind dazu da, diese Systeme besser zu verstehen. Ganz anders die Medizin. Die Medizin beschäftigt sich per definitionem mit einem Änderungsprozess, mit einem Zustand der für nicht normal gehalten wird und der beeinflusst werden soll. Das Wesen der Medizin ist gerade nicht die Beschreibung eines Zustandes sondern die Änderung eines Zustandes. Der Astronom kann jahrlang die Sterne beobachten, der Physiker immer wieder Kerne mit bestimmten Teilen beschießen und abwarten. Der Arzt kann nicht beobachtend abwarten. Die Beobachtung ohne Eingriff zu Heilzwecken ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Dies soll an zwei Beispielen aufgezeigt werden. Die hippokratische Krankheitslehre wird in der Regel belacht, weil sie von bestimmten krisenhaften Tagen (4., 7., 11., 14. usw.) ausgeht. Dies wird als versponnene Zahlenmystik ausgelegt.(2) Wenn das Ganze aber unter „wissenschaftlichem“ Gewand daherkommt und sich Chronobiologie nennt, so lässt sich feststellen, dass in der Kurmedizin Krisen, akute Erkrankungen, Zahnwurzelabszesse, selbst Todesfälle um den 7., 14. bzw. 21 Tagen eine deutliche Häufung aufweisen. Dabei sind zwei Dinge zu bedenken. Zum einen besitzen Ärzte, die an „so etwas“ nicht „glauben“ kein Beobachtungskriterium. Es ist nicht Teil des Paradigmas solche Rhythmen zu bemerken. Zum anderen werden ja in der Regel Medikamente gegeben, die solche Rhythmen unmöglich machen. Und gerade Hippokrates, der als exzellenter Beobachter gilt, legte stets Wert darauf, dass Krankheitsverläufe nicht unnötig beeinflusst werden sollen.

Das andere Beispiel, das ich anführen möchte, ist geradezu unglaublich. Es geht auf Hahnemann zurück. Auch Hahnemann war ein sehr genau beobachtender Arzt und seine präzisen Darlegungen sind in der Regel verlässlich, völlig gleichgültig, ob man seinem Therapiesystem der Homöopathie folgen mag oder nicht. In seinen „chronischen Krankheiten“ schreibt er, dass das syphilitische Primärgeschwür, wenn es nicht behandelt wird, bestehen bleibt und es zu keiner sekundären oder tertiären Syphilis kommt.(3) Dies widerspricht völlig unserem Wissen. Sollte es tatsächlich so sein, dass die Lehrbücher sich deshalb über die Syphilis täuschen, weil sie von Ärzten geschrieben wurden, die den Schanker nie in Ruhe gelassen haben? Hahnemann hat viel Syphilitiker behandelt. Seine Aussage haben Gewicht und auch er legte Wert darauf, natürliche Regulationsmechanismen nicht zu unterbinden.

Beide Beispiele zeigen, dass selbst sichere Beobachtungen in der Medizin mit dem „Makel“ behaftet sind, dass sie einen Prozess beschreiben, in den ändernd eingegriffen wurde. Deshalb benötigt die Medizin andere wissenschaftliche Strategien, die den klassischen Naturwissenschaften fremd sind. Allenfalls die Grundlagenwissenschaften der Medizin (Anatomie, Biochemie, Physiologie) entsprechen dem naturwissenschaftlichen Paradigma. Erstaunlicherweise werden Nobelpreise am ehesten Forschungen zuerkannt, die dem naturwissenschaftlichen Paradigma folgen und nicht dem eigentlich medizinischen. Die Medizin ist letztlich komplexer als die Naturwissenschaften. Aus der Sicht der Naturwissenschaften gilt das als minderwertig, wird zum Beispiel abwertend als Erfahrungswissenschaft bezeichnet.(4)


Versuch einer Definition des medizinischen Paradigmas

Die Grundlage unserer heutigen Forschung illustriert ein Satz, der Galilei zugeschrieben wird: Messen was, was messbar ist. Was nicht messbar ist, messbar machen.

Auf die Medizin übertragen könnte man sagen: Die wissenschaftliche Grundlage ist die standardisierte Beobachtung körperlicher Zustände und physiologischer Vorgänge. Aufgrund dieser Beobachtung kommt es zur Definition und Klassifizierung von pathologischen Zuständen. Ziel des Eingreifens (medikamentös oder chirurgisch) ist es, soweit möglich, einen Ausgangs- oder Normalzustand wieder zu erreichen.

Dieses Vorgehen hat ungeheure Vorteile. So sind alle Interventionen vergleichbar, wenn sie auf denselben Standards aufbauen. Es hat aber den entscheidenden Nachteil, dass alle Aussagen nur für den definierten Standard gültig sind. Der selbstgesetzte Beobachtungsrahmen ist gleichsam die Aussagegrenze der medizinischen Wissenschaft. Dies wird immer wieder übersehen. So ist die Behandlung des Magengeschwürs mit H2-Antagonisten nicht für die Gesundheit gut, sondern nur für den beobachteten Magenzustand (Schmerz, gastroskopischer Befund usw.). Das Auftreten von Nebenwirkungen einer Therapie liegt, wie schon der Name sagt, außerhalb des beobachteten Rahmens und ist eine lästige Begleiterscheinung, die möglichst minimiert werden sollte. Offensichtlich ist, dass es für die Beobachtung von Nebenwirkungen kein in der gleichen Weise standardisiertes Vorgehen gibt wie bei der Wirkung. Dies ist selbstverständlich, da in der Behandlung eines Menschen so viele Faktoren im Spiel sind, dass eine Vergleichbarkeit immer nur unter bestimmten Gesichtspunkten (z.B. im Magenschmerz) beobachtet werden kann.

Ob also eine bestimmte Behandlung gut für die Gesundheit ist, ist nicht Teil des derzeitig medizinischen Paradigmas, da es keine Kriterien besitz, Gesundheit zu messen. Es gibt zwar die Definition der WHO („Gesundheit ist körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“). Es gibt aber kaum eine medizinische Studie, die dieser Definition gerecht wird. Man müsste untersuchen (obwohl es sich seltsam anhören mag, ist aber wissenschaftlich korrekt), ob die Gabe eines H2-Hemmers zu vermehrter Arbeitslosigkeit führt. Das scheint zunächst absurd. Ich könnte aber postulieren, dass der H2-Hemmer die Psyche beeinflusst und deshalb so behandelte Personen häufiger die Arbeit verlieren. Da diese Dinge nicht gemessen werden ist auch keine Aussage darüber möglich und die Psyche ist immer als Erklärungsprinzip gut, um Ungereimtheiten zu glätten oder hervorzurufen.

Magie der Grenzwerte

Eine Gefahr der Mess-Standards ist, (zwar nicht in der Theorie aber in der Praxis), dass es zu einem Phänomen kommt, das ich die Magie der Grenzwerte bezeichnen möchte. Die Medizin beschreibt gewisse Grenzwerte, die aus bestimmten Beobachtungen gewonnen worden. Grenzwerte sind die unabdingbare Folge der auf Messung beruhenden Medizin. Es muss ja definiert werden, was als gesund und damit als belassbar gilt, und was als krank gilt und ein Intervention erfordert. Die Frage ist, ob solche Grenzwerte wie Blutdruck, Elektrolyte usw. im Einzelfall die Bedeutung haben, die vom Kollektiv her vermutet werden. Natürlich gibt es gewisse statistische Wahrscheinlichkeiten. Ist es aber gerechtfertigt, jeden Hypercholesterinämiker medikamentös zu behandeln? Darf der Großvater weiterrauchen? Muss der Eisenmangel behandelt werden? Muss ein Hypertoniker salzarm leben? Die Frage, ob eine Behandlung einem Patienten zugute kommt, oder ob es um eine Kosmetik eines Wertes geht, der als außerhalb der Norm liegt, stellt sich erst dann, wenn man sich die Frage der Relevanz stellt. Und diese Relevanz steckt im Paradigma.

Grenzen des normalen Paradigmas

Dass das normale wissenschaftliche Paradigma Grenzen hat, und dass wir sie regelmäßig überschreiten, ist uns nicht bewusst. Wenn wir Sonne oder Mond auf- bzw. untergehen sehen, so operieren wir mit einem „veralteten“ Konzept. Was wir sehen ist nicht das, was wir glauben. Das ist in der Medizin nicht anders. Auch dort gibt es solche Brüche.

Klar außerhalb unseres heutigen wissenschaftlichen Verständnisses ist die Frage, ob Gott die Ursache von Erkrankungen sein kann. Dabei ist es gar nicht wichtig, ob Gott Krankheiten verursachen kann oder nicht. Gott kommt in der Fragestellung, im Beobachtungsspektrum des medizinischen Denkens einfach nicht vor. Das heutige medizinische Paradigma beschäftigt sich schlicht nicht mit dieser Frage. Zu einer Zeit, als es selbstverständlich war, dass Gott Krankheiten verursacht, war der Zweifel an Gott geradezu ketzerisch.

Ketzerisch ist heutzutage die Feststellung, dass das Konzept der Psyche nicht zum medizinisch-wissenschaftlichen Paradigma gehört. Nicht nur, dass die Psyche in dem Maße zum Erklärungsmodell geworden ist, in dem Gott aufgehört hat, als Erklärung zu genügen. Es handelt sich ebenfalls um ein nicht wahrnehmbares Konzept, das nicht standardisiert werden kann. Entsprechend unseres heutigen messenden Forschungsansatzes ist „Verhalten“ das beobachtbare Kriterium, das Substrat der Forschung. Aber „Verhalten“ ist nicht hinreichend, um als Ursache irgend eines Geschehens (psychosomatisch) zu gelten.

Das Konzept der „Psyche“, so wie es heute oft im Sinne von verursachend verstanden wird, hat ganz ähnliche Charakteristika wie das Konzept „Herz“, wobei Herz eine Anatomie, eine Physiologie, eine Biochemie besitzt. Nichts Vergleichbares kennzeichnet die Psyche. Ob es eine Psyche gibt oder nicht, ist wiederum nicht die Frage.

Psychosomatik untersucht die Frage, inwieweit soziales Verhalten für ein messbare Symptomatik verursachend ist. Es wird also nicht gefragt, ob soziales Verhalten für ein Magengeschwür verantwortlich ist, sondern welches. Dies steht auch nicht im Widerspruch zu der Behauptung, dass Helicobacter das Magengeschwür verursacht. Hier handelt es sich um zwei konkurrierende Paradigmata, wobei keines für die Beobachtung des anderen Messkriterien besitzt. Das Problem ist nur zu lösen, in dem man von einem multifaktoriellen Geschehen ausgeht, was nicht ganz gerechtfertigt bist, da es sich um inkompatible Herangehensweisen handelt. Es wäre dasselbe zu sagen: Gott und der Helicobacter sind für das Magengeschwür verantwortlich. Das macht so keinen Sinn. Wahrscheinlicher ist, zumindest nach meiner Ansicht, dass die Frage der Verursachung in dieser Weise von beiden Konzepten falsch gestellt ist.

Sehr viele Probleme im medizinischen Diskurs erwachsen daraus, dass wir, ohne es zu bemerken, mit inkompatiblen Konzepten arbeiten. Viele Missverständnisse lösen sich einfach auf, wenn man sich klar macht, dass man in anderen Kategorien denkt. Natürlich lassen sich viele Dinge mit dem derzeitigen Paradigma nicht erklären, weshalb ja der Begriff der Psyche (soweit er nicht in der Form der Seele das Fortwirken Gottes erklärt) benützt wird. Gefühle als Abfallprodukt einer Transmittertätigkeit zu betrachten ist sicher korrekt, aber nicht geeignet, einen Selbstmord aus Verzweiflung zu erklären. Ebenso ist das Magengeschwür nicht mit der Frage „Was hat Dir auf den Magen geschlagen“ ausreichend charakterisiert.


Paradigma der Naturheilverfahren

Da jedes Naturheilverfahren seine eigenen Lehrbücher besitzt und seine eigene beispielhafte Vorgehensweise, könnte man salopp sagen, dass es so viele Paradigmata wie Naturheilverfahren gibt. Das ist auch in gewisser Weise richtig. Sinnvoll ist jedoch, ein größeres Konzept von Heilung zu betrachten, sozusagen ein übergeordnetes Paradigma, in dem jedes Verfahren seinen Platz zugeordnet bekommt. Die Frage nach dem Paradigma der Naturheilverfahren ist die Frage, was Naturheilverfahren überhaupt sind.

Eine klassische Einteilung der Naturheilverfahren umfasst in der Regel zwei Kriterien, nämlich die Therapie mit natürlichen Mitteln und die Nutzung natürlicher, sprich: regulativer Heilungsabläufe. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze. Im einen Fall betrachtet man den Ausgangspunkt, das zu verwendende Mittel (natürliche Mittel), völlig gleichgültig zu welchem Zweck sie verwendet werden. Im anderen Fall betrachtet man die Wirkung, die man erzielen möchte, völlig unabhängig vom eingesetzten Mittel.

Die Definition der Naturheilverfahren als Therapie mit natürlichen Mitteln ist als paradigmatische Grundlage problematisch. Jede Therapie mit Spritzen, Nadeln, potenzierten Mitteln oder auch mit irgendwelchen Maschinen wären außerhalb dieser Definition. Auch die Frage wo die Natürlichkeit denn aufhört (beim alkoholischen Extrakt aus Digitalis purpurea, beim standardisierten Extrakt, beim Extrakt von Digoxin oder bei der synthetischen Herstellung von Digoxin), würde sich ständig stellen. Naturheilverfahren wären dann ein definitorisches Problem, keine handhabbare Wissenschaft.

Die Beeinflussung der körpereigenen Regulationsmechanismen ist schon viel eher das Dach, unter dem sich die Naturheilverfahren zusammenfinden können. Dabei fehlt aber das eigentliche Zugpferd der Naturheilverfahren, die Phytotherapie. Phytotherapie, wie sie heute verstanden wird, soll keine körpereigenen Vorgänge mehr steuern, sondern es geht um ein rein schulmedizinisches Behandlungskonzept. Gerade die Phytotherapie hat den medizinischen Paradigmawechsel vollständig mitgemacht. Während Kräuter in der hippokratischen und galenischen Medizin bis fast in die Neuzeit zur Steuerung der inneren Säfte („heiß und trocken im 3.Grad“) angewendet wurden, also regulativ, ist mit der wissenschaftlichen Phytotherapie die Frage entstanden, was wirkt wie. So ist die Untersuchung, ob die Kamille als Gesamtextrakt wirksamer bei Hautausschlag ist als das Azulen alleine und als Teersalben keine naturheilkundliche Überlegung sondern eine Überlegung der normalen Medizin. Die Kommission E hat der naturheilkundlichen Phytotherapie sozusagen den Todesstoß versetzt. In der traditionell chinesischen Medizin werden übrigens Pflanzen noch immer nach regulativen Gesichtspunkten gegeben.

Das Beispiel der Phytotherapie zeigt, dass man zunächst eine ganze Reihe von Naturheilverfahren abgrenzen kann, die in ihrer Beobachtungsstrategie der normalen Wissenschaft entsprechen. Sie verfolgen dieselben Ziele, benützen nur andere Mittel. Ein Vergleich der Wirksamkeit mit schulmedizinischer Behandlung bereitet nicht die geringste Schwierigkeit. Nach denselben Kriterien wird Wirkung bzw. Versagen einer Therapie betrachtet. Beispiele wären die Bioresonanztherapie, homöopathische Therapie mit Komplexmitteln, therapeutische Lokalanästhesie u.a.

Dann gibt es eine Reihe von Verfahren, die eine regulative Beeinflussung anstreben, deren Wirksamkeitskonzept sich aber nach den schulmedizinischen Kriterien richtet: entspannende Verfahren, die klassischen Naturheilverfahren, wie sie auch in der Kurmedizin angewandt werden, psychotherapeutische Verfahren im Rahmen der Psychosomatik. Hier handelt es sich um Therapieformen, deren Einsatz sich nicht am Symptom sondern am Gesamtzustand des Patienten orientiert, deren Zielsetzung aber in der Beseitigung der diagnostizierten Erkrankung bzw. deren Symptome liegt. Natürlich sind die Übergänge fließend und es fragt sich, ob diese Zwischenform wirklich existiert und nicht nur eine Beobachtung der dritten Gruppe mit den Kriterien der ersten Gruppe darstellt.

In der dritten Gruppe möchte ich all jene Naturheilverfahren zusammenfassen, in denen ein Symptom eine Störung eines Gleichgewichts darstellt, wobei das Einzelsymptom (oder die lokale Erkrankung) nur Hinweise auf die Art der Störung bietet. Es ist eingebettet in das Reaktionssystem der gesamten Person. Eine Behandlung kann aber niemals auf der Ebene der Symptomatik erfolgen sondern es muss stets eine Beurteilung des Gesamtzustandes erfolgen (einschließlich des Verhaltens). Solche Verfahren sind die TCM, die klassische Homöopathie und die tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapieverfahren. Sie beruhen auf einem anderen Paradigma, das ich als das systemische Paradigma im Vergleich zum linearen Paradigma bezeichnen will. Während das linearen Konzept auf einer einfachen Ursache-Wirkungsbeziehung basiert, gehen systemisch orientierte Konzepte von komplexeren Regulationsvorgängen aus.

Hier entsteht ein methodologisches Problem. Die Kriterien, wie sie für die normale, lineare Medizin formuliert wurden, treffen nicht mehr zu. Durch die grundlegend verschiedene Heilungsstrategie ist eine formale Vergleichbarkeit nicht geben. So ist beispielsweise der symptomorientierte Doppelblindversuch, wie er in der Schulmedizin verwendet wird, nicht mehr auf diese Therapiekonzepte anwendbar. Doppelblindversuche können nur lineare Ursache-Wirkungs-Beziehungen untersuchen. Komplexere Geschehen oder Systeme sind damit nicht beschreibbar. Untersuchungen die auf dem linearen Konzept erfolgen sind nicht aussagekräftig, gleichgültig zu welchem Ergebnis die Studien kommen.(5)

Diese Schwierigkeit der Vergleichbarkeit der Wirkung soll am Beispiel der Homöopathie dargestellt werden. Zunächst sind ein paar Grunddaten zur homöopathischen Therapie nötig, um die Probleme aufzuzeigen, die entstehen, wenn eine Beobachtungsstrategie auf ein ganz anderes Konzept übertragen wird.

1. Der Mensch wird als ein in sich verbundenes Ganzes betrachtet. Jede Krankheit und jedes Symptom kann somit nicht als isolierter Ausdruck eines Organs oder einer Untereinheit betrachtet werden, sondern sie sind Ausdruck einer generellen Fehlregulation. Kopf- und Magenschmerz sind ebenso eine Störung wie Ekzem, Asthma und Phobien, wenn sie bei einer Person auftreten.

2. Die Behandlung ist individualisiert. Das heißt, es wird eine Therapie gewählt, die als Therapie der grundlegenden Fehlregulation verstanden wird. Es gibt also für einen bestimmten Symptomenkomplex keine einheitliche Behandlungsweise. Ein homöopathischer Arzt, der von seinem Patienten gefragt wurde, ob er einen Fall wie den seinen schon einmal gesehen habe, antwortete: „Ich hoffe nicht!

3. Es handelt sich um eine Reiz - Regulationstherapie. Es wird durch das Medikament ein Reiz gesetzt und beobachtet, ob es zu einer Regulation des Körpers kommt, die entsprechend den Heilungskriterien der Homöopathie abläuft.

4. Typische Heilungsverläufe sind neben einer schlichten Besserung charakterisiert durch:

a) Erstverschlechterung, die sich bei chronischen Erkrankungen und nicht bedrohlichen Krankheitsverläufen sehr lange hinziehen können

b) Wiederauftreten alter Symptome

c) chronische Zustandsbilder werden durch akute abgelöst (aus chronisch asthmatischen Beschwerden werden akute, fieberhafte Bronchitiden)

d) bedrohliche Symptomenkomplexe werden durch weniger bedrohliche Symptomenkomplexe abgelöst (nach einem Magenulkus entsteht eine Lumbalgie)

Durch diese andere Art, Krankheiten zu beobachten und zu klassifizieren, muss ein anderes Konzept der Beurteilung gewählt werden. So macht die Selektion eines Krankheitsbildes, z.B. Kopfschmerz, keinen Sinn, denn fast jeder, der einer Gruppe zugeteilt wird hat noch andere Probleme wie Magenschmerz, Allergien, Rückenschmerzen, chronische Bronchitis oder anderes. Da es keine Therapie für den Kopfschmerz gibt ist die Frage der Besserung dieses einen Symptoms von nachrangiger Bedeutung. Wenn die Bronchitis sich bessert kann der Kopfschmerz sogar noch über längere Zeit zunehmen.

Eine doppelblinde Studie, die die homöopathische Therapie beurteilen soll, kann sich nur auf „unselektierte“ Patienten beziehen, da eine krankheitsspezifische Zusammenfassung nicht möglich ist. Sie muss lange genug sein, um die Entwicklungen der Therapie, auch die Sackgassen zu ermöglichen. Ein Zeitraum von 18 Monaten erscheint mir angemessen. In dieser Zeit, und hier beginnt das Problem, darf jede interkurrente Erkrankung, was immer es auch sei, nur entsprechend der Studie behandelt werden, z.B. eine Otitis media. Das wird kein Patient und auch ein Arzt mittragen. Bei einem hochfiebrigen Infekt, bei einem Krupp- oder Asthmaanfall wird kein niedergelassener Arzt (denn stationär lässt sich eine solche Studie nicht durchführen) bereit sein, ein Medikament zu geben, das auch ein Placebo sein kann. Die einzige Lösung wäre, alle Patienten, die tiefgreifende akute Erkrankungen entwickeln, aus der Studie herauszunehmen. Das würde aber eventuell bedeuten, alle Responder herauszunehmen. Es ist eine recht häufige Erfahrung, dass beispielsweise ein Patient mit Asthma nach der Gabe eines homöopathischen Mittels eine akute hochfiebrige Bronchitis entwickelt (von chronisch zu akut). Diese Patienten dürfen also nicht aus der Studie entfernt werden. Ich werde aber einem asthmatischen Kind, das eine Bronchitis mit über 40 Fieber entwickelt nicht mit einem Mittel behandeln, von dem ich nicht weiß, ob es wirkt. Wer davon überzeugt ist, dass die homöopathischen Mittel sowieso nicht wirken, muss spätestens an diesem Punkt den Patienten eine Therapie zukommen lassen, die er für wirksam hält.

Dazu kommt, dass in einer solchen Situation das Doppelblindsetting nicht aufrechterhalten werden kann. Am Wochenende oder nachts kann ich nicht die mit dem Versuch beauftragte Apotheke dazu veranlassen, die Doppelblindroutine ablaufen zu lassen. Vor allem, wenn das Mittel nicht ausreichend wirkt (falscher Reiz), bin ich gezwungen, ein anderes Mittel zu geben, eventuell noch ein drittes. Bei sehr akuten Zuständen muss das Mittel innerhalb von kurzer Zeit, also während der Anwesenheit des Arztes wirken.

Dies ist doppelblind praktisch nicht durchführbar.

Die einzige gangbare Möglichkeit, die ich sehe, ist, zwei Gruppen mit unselektierten Patienten zu bilden, wobei die eine Gruppe schulmedizinisch behandelt wird die andere Gruppe homöopathisch. Nach einem längeren Zeitraum (18 Monate bis 2 Jahre) wird untersucht, welche der Gruppen sich in einem besseren Gesundheitszustand befindet. Diese Untersuchung kann nur prospektiv sein. Eine retrospektive Studie ist nicht möglich, da durch die entsprechende Behandlung eine Änderung des Krankheitsverlaufes eintritt. (Der Kritiker: Homöopathen behandeln nur leichtere Erkrankungen. Der Homöopath: Die Erkrankungen sind leichter, weil ich sie homöopathisch behandle)

Nicht zu übersehen ist aber, dass eine solche Studie schon fast Framingham-Ausmaße annimmt. Denn damit sie über einen solchen Zeitraum aussagekräftig bleibt, müssen sehr viele Patienten daran teilnehmen und es spielen Faktoren mit hinein, die alle berücksichtigt werden müssen, z.B. wie sehr glaubt ein Patient an seine Therapie? Gibt es da wirklich einen Unterschied zwischen schulmedizinischer und homöopathischer Therapie? Oder ist diese Standardaussage, dass diejenigen, die sich mit alternativen Heilverfahren behandeln lassen mehr an ihre Therapie glauben, als diejenigen, die sich schulmedizinisch behandeln lassen, einfach falsch.

Schlussfolgerung

Es gibt in der Medizin zwei paradigmatisch verschiedene Herangehensweisen, die ich als linear und systemisch bezeichnen möchte. Die lineare Betrachtungsweise, auf die sich weitgehend die universitäre Medizin und eine ganze Reihe von Naturheilverfahren gründen, gehen von einer standardisierten Beobachtung von Krankheit aus. Dieses Verfahren kann man Generalisieren nennen. Therapien sind darauf angelegt, diese Krankheiten zu beseitigen.

Die systemische Betrachtungsweise geht davon aus, dass Symptomatik nur im Gesamtkontext betrachtet werden kann. Sie ist Ausdruck eines zusammenhängenden Geschehens. Diagnostik ist nicht primär Krankheitsdiagnostik sondern Diagnostik der Reaktionslage des Einzelnen. Dieses Verfahren kann man Individualisieren nennen. Therapien sind darauf angelegt, das Reaktionssystem zu verbessern. Mit der Verbesserung der Reaktionslage kommt es zum verschwinden der Symptome.

Die therapeutische Vergleichbarkeit beider Verfahren ist problematisch. Während es für die linearen Therapien eindeutige Kriterien für die Beurteilung der Wirksamkeit einer Therapie gibt, so haben die systemischen Therapien bisher noch keine klaren Beurteilungskriterien vorgelegt. Dies mag zum Teil an der Technik des Individualisierens liegen. Dennoch sollte von diesen Heilverfahren mehr Wert darauf gelegt werden, Wirkungsnachweise zu konzipieren, die ihrem therapeutischen Ansatz entsprechen, aber gleichzeitig wissenschaftlich korrekt sind.



Fussnoten:

1 Thomas Kuhn Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen Frankfurt 1976

2 Charles Lichtenthaeler Geschichte der Medizin, Köln 1975 S.130

3 Samuel Hahnemann Chronische Krankheiten, Theoretischer Teil, Leipzig 1835, Nachdruck Berg am Starnberger See 1983, S. 15: „Es kann daher weder die Lustseuche ausbrechen,, so lange der Schanker äußerlich nicht künstlich vernichtet wird......., denn diese für ihre innere Krankheit vikarirenden Lokal-Symptome bleiben für sich bis an’s Ende des Lebens stehen, ohne die innere Krankheit ausbrechen zu lassen....

4 Heinz von Foerster schreibt in KybernEthik, Berlin 1993: „Die hard sciences sind erfolgreich, weil sie sich mit soft ptoblems beschäftigen; die soft sciences haben zu kämpfen, denn sie haben es mit hard problems zu tun“ S.161

5 Georg Ivanovas Doppelblind bei alternativen Heilverfahren in: Deutsches Ärzteblatt Nr 13, 30.3.2001, B 697-700



zitierbar: Ivanovas G (2001): Das Paradigma der Naturheilkunde, Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren 9/2001, (650-659)

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