Probleme des Doppelblindversuches in der Homöopathie

Wie ich im Artikel "Doppelblind bei alternativen Heilverfahren" (Deutsches Ärzteblatt Nr. 13, 30.3.01) dargelegt habe, bin ich der Überzeugung, dass das normale Setting des Doppelblindversuches aus formalen Gründen nicht auf die Homöopathie und einige andere Heilverfahren angewendet werden kann. Natürlich ist auch für die Homöopathie ein doppelblindes Versuchssetting konzipierbar. Man stößt dabei aber auf einige methodologische und ethische Probleme, die ein solches Setting praktisch undurchführbar erscheinen lassen. Wieder ist bemerkbar, dass der Dopelblindversuch, der auf dem Konzept der spezifischen Heilung beruht, also auf einer bestimmten Beobachtungsstrategie, die Beobachtungen in der Medizin nicht ausreichend erklären kann.

Da die Homöopathie ein abweichendes Beobachtungsschema besitzt, ist es notwendig, ein paar Grunddaten zur homöopathischen Therapie darzulegen, um die Probleme aufzuzeigen, die entstehen, wenn ein Instrument aus einer Beobachtungsstrategie auf eine andere Beobachtungsstrategie angewendet wird.

1. Der Mensch wird als ein in sich verbundenes Ganzes betrachtet, was gelegentlich unreflektiert mit dem Begriff Ganzheitsmedizin bezeichnet wird. Jede Krankheit und jedes Symptom kann somit nicht als isolierter Ausdruck eines Organs oder einer Untereinheit betrachtet werden, sondern sie sind Ausdruck einer generellen Fehlregulation. Kopf- und Magenschmerz sind ebenso eine Störung wie Ekzem, Asthma und Phobien, wenn sie bei einer Person auftreten.

2. Die Behandlung ist individualisiert. Das heißt, es wird eine Therapie gewählt, die als Therapie der grundlegenden Fehlregulation verstanden wird. Es gibt also für einen bestimmten Symptomenkomplex keine einheitliche Behandlungsweise. Ein homöopathischer Arzt, der von seinem Patienten gefragt wurde, ob er einen Fall wie den seinen schon einmal gesehen habe, antwortete: "Ich hoffe nicht!"

3. Es handelt sich um eine Reiz - Regulationstherapie. Es wird durch das Medikament ein Reiz gesetzt und beobachtet, ob es zu einer Regulation des Körpers kommt, die entsprechend den Heilungskriterien der Homöopathie abläuft. Diese Heilungskriterien sind andere als in der Schulmedizin. Kommt es zu keiner entsprechenden Reaktion, wird ein anderer Reiz gesetzt. Mein persönlicher "Rekord" war eine Patientin mit starker allergischer Rhinits, Konjunktivitis und Pruritus vulvae, deren Zustand sich immer nur kurzfristig verbesserte (Placeboeffekt?). Erst nach über 2 Jahren Behandlung kam es mit dem 22. Mittel zu einer vollständigen Heilung der allergischen Beschwerden und des Pruritus vulvae.

4. Typische Heilungsverläufe sind neben einer schlichten Besserung charakterisiert durch:

a) Erstverschlechterung, die sich bei chronischen Erkrankungen und nicht bedrohlichen Krankheitsverläufen sehr lange hinziehen können

b) Wiederauftreten alter Symptome

c) chronische Zustandsbilder werden durch akute abgelöst (aus chronisch asthmatischen Beschwerden werden akute, fieberhafte Bronchitiden)

d) bedrohliche Symptomenkomplexe werden durch weniger bedrohliche Symptomenkomplexe abgelöst (nach einem Magenulkus entsteht eine Lumbalgie)

Durch diese andere Art, Krankheiten zu beobachten und zu klassifizieren, muss ein anderes Konzept der Beurteilung gewählt werden. So macht die Selektion eines Krankheitsbildes, z.B. Kopfschmerz, keinen Sinn, denn fast jeder, der einer Gruppe zugeteilt wird hat noch andere Probleme wie Magenschmerz, Allergien, Rückenschmerzen, chronische Bronchitis oder anderes. Da es keine Therapie für den Kopfschmerz gibt ist die Frage der Besserung dieses einen Symptoms von nachrangiger Bedeutung. Wenn die Bronchitis sich bessert kann der Kopfschmerz sogar noch über längere Zeit zunehmen.

Die Schlussfolgerung ist, dass eine placebokontrollierte Studie nur mit unselektierten Patienten durchgeführt werden kann und einen relativ langen Beobachtungszeitraum benötigt. Ein Zeitraum von 18 Monaten erscheint mir angemessen. Ein Teil dieser Gruppe darf in dieser Zeit nur mit Placebo behandelt werden, der andere nur mit homöopathischen Mitteln.

Das ist nun der springende Punkt. Jede interkurrente Erkrankung, was immer es auch sei, darf nur entsprechend der Studie behandelt werden, z.B. eine Otitis media. Das wird kein Patient und auch ein Arzt mittragen. Bei einem hochfiebrigen Infekt, bei einem Krupp- oder Asthmaanfall wird kein niedergelassener Arzt (denn stationär lässt sich eine solche Studie nicht durchführen) bereit sein, ein Medikament zu geben, das auch ein Placebo sein kann. Die einzige Lösung wäre, alle Patienten, die tiefgreifende akute Erkrankungen entwickeln, aus der Studie herauszunehmen. Das würde aber eventuell bedeuten, alle Responder herauszunehmen. Es ist eine recht häufige Erfahrung, dass beispielsweise ein Patient mit Asthma nach der Gabe eines homöopathischen Mittels eine akute hochfiebrige Bronchitis entwickelt (von chronisch zu akut). Diese Patienten dürfen also nicht aus der Studie entfernt werden. Ich werde aber einem asthmatischen Kind, das eine Bronchitis mit über 40 Fieber bekommt nicht mit einem Mittel behandeln, von dem ich nicht weiß, ob es wirkt. Wer davon überzeugt ist, dass die homöopathischen Mittel sowieso nicht wirken, muss spätestens an diesem Punkt den Patienten eine Therapie zukommen lassen, die er für wirksam hält.

Dazu kommt, dass in einer solchen Situation das Doppelblindsetting nicht aufrechterhalten werden kann. Am Wochenende oder nachts kann ich nicht die mit dem Versuch beauftragte Apotheke dazu veranlassen, die Doppelblindroutine ablaufen zu lassen. Vor allem, wenn das Mittel nicht ausreichend wirkt (falscher Reiz), bin ich gezwungen, ein anderes Mittel zu geben, eventuell noch ein drittes. Bei sehr akuten Zuständen muss das Mittel innerhalb von kurzer Zeit, also während der Anwesenheit des Arztes wirken.

Dies ist doppelblind praktisch nicht durchführbar.

Die einzige gangbare Möglichkeit, die ich sehe, ist, zwei Gruppen mit unselektierten Patienten zu bilden, wobei die eine Gruppe schulmedizinisch behandelt wird die andere Gruppe homöopathisch. Nach einem längeren Zeitraum (18 Monate bis 2 Jahre) wird untersucht, welche der Gruppen sich in einem besseren Gesundheitszustand befindet. Diese Untersuchung kann nur prospektiv sein. Eine retrospektive Studie ist nicht möglich, da durch die entsprechende Behandlung eine Änderung des Krankheitsverlaufes eintritt. (Der Kritiker: Homöopathen behandeln nur leichtere Erkrankungen. Der Homöopath: Die Erkrankungen sind leichter, weil ich sie homöopathisch behandle)

Nicht zu übersehen ist aber, dass eine solche Studie schon fast Framingham-Ausmaße annimmt. Denn damit sie über einen solchen Zeitraum aussagekräftig bleibt, müssen sehr viele Patienten daran teilnehmen und es spielen Faktoren mit hinein, die alle berücksichtigt werden müssen, z.B. wie sehr glaubt ein Patient an seine Therapie? Gibt es da wirklich einen Unterschied zwischen schulmedizinischer und homöopathischer Therapie? Oder ist diese Standardaussage, dass diejenigen, die sich mit alternativen Heilverfahren behandeln lassen mehr an ihre Therapie glauben, als diejenigen, die sich schulmedizinisch behandeln lassen, einfach falsch.

Eine solche Studie hätte als zusätzliches Ergebnis durchaus die Möglichkeit einer Vielzahl von Fragen näher zu kommen, die wichtig zum Verständnis der Arzt-Patienten-Beziehung und ihres Einflusses auf die Heilung sind, aber vor allem würde sie die Frage näher beleuchten, wie Heilungsprozesse vor sich gehen. Aber eine solche Studie wäre nicht doppelblind.

Home Veröffentlichungen English Texte Werkstatt Literatur Bio Kontakt Impressum