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Sacks, Solaris und die Wirklichkeit der Kommunikation

1. Die Kommunikation

Sacks und die Zwillinge

„Die Zwillinge“ von Oliver Sacks ist eine der faszinierendsten Fallbeschreibungen in der Medizingeschichte. Wie jede gute Fallbeschreibung (und wie jedes gute
Kunstwerk) ermöglicht sie eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten, bietet Raum für eigene Denkansätze.

Sacks beschreibt die Zwillinge folgendermaßen: „Sie sind eine groteske Variante von Zwiddeldei und Zwiddeldum, nicht voneinander zu unterscheiden, Spiegelbilder, identisch im Gesicht, in den Körperbewegungen, in der Persönlichkeitsstruktur und in ihrem Wesen, identisch auch in Art und Ausmaß ihrer Hirn- und Gewebeläsionen. Sie haben zwergenhafte Körper mit beunruhigend unproportionierten Köpfen und Händen, Steilgaumen, hochgewölbte Füße, monotone, piepsende Stimmen, eine Vielzahl sonderbarer Tics und Eigenarten, dazu eine starke fortschreitende Kurzsichtigkeit, die sie zwingt, so dicke Brillen zu tragen, dass auch ihre Augen überdimensional erscheinen, wodurch sie aussehen wie absurde kleine Professoren, die mit einer unangebrachten, besessenen und lächerlichen Konzentration hierhin und dorthin starren und deuten.“
Sie besaßen einen IQ um die 60, konnten kaum addieren und subtrahieren, beherrschten also gerade mal die Grundzüge von zwei der vier Grundrechenarten, waren unfähig die elementaren Handhabungen des täglichen Lebens auszuführen und waren immer auf Unterstützung angewiesen. Aus diesem Grund befanden sie sich ab dem Kindesalter in irgendwelchen Heimen. Kurz es handelte sich praktisch um Idioten.
Nun hatten diese Idioten eine besondere Begabung: Wenn man ihnen ein Datum innerhalb der letzten oder der kommenden vierzigtausend Jahre sagte, so konnten sie angeben, um welchen Wochentag es sich handelt.
Sacks schildert zwei Ereignisse mit ihnen, die ihn sehe beeindruckt haben:
Einmal fiel eine Streichholzschachtel vom Tisch und die Streichhölzer verteilten sich auf dem Fußboden. Sofort konnten die Zwillinge die Anzahl von einhundertelf angeben, wobei sie auf Nachfragen sagten, dass sie die Zahl gesehen hätten, die sich aus drei mal siebenunddreißig zusammensetze.
Die zweite Begebenheit ist noch bemerkenswerter. Sacks sah wie sich die Zwillinge auf der Station des Krankenhauses, wo sie lebten, gegenseitig Zahlen zuriefen, sechsstellige Zahlen. Einer sagte eine Zahl, der andere hörte sie sich an, schien sich darüber zu freuen und sagte seinerseits eine Zahl. Sacks notierte die Zahlen und fand heraus, dass es sich um sechsstellige Primzahlen handelte, also Zahlen die nur durch eins und durch sich selbst geteilt werden können. Am nächsten Tag gesellte er sich zu ihnen und, als sie ihr Spiel wieder aufgenommen hatten, sagte er eine achtstellige Primzahl. Nach einer Zeit der Verblüffung freuten sie sich, fordert ihn auf sich zu ihnen zu setzen. Sie begannen, sich immer größere Primzahlen zu sagen. Der Bann nach oben schien gebrochen. Bei zwölfstelligen Primzahlen musste Sacks aussteigen, da seine Tabelle das nicht mehr hergab. Er beobachtete aber, dass die Zwillinge am Abend bei zwanzigstelligen Zahlen angekommen waren, die vermutlich immer noch Primzahlen waren. Und das bei geistig Behinderten, die keine Grundrechenarten beherrschten.

Wenn wir davon ausgehen, dass dieser Bericht stimmt (Sacks ist immerhin einer der renommiertesten Neurologen des letzten Jahrhunderts), stellt sich die Frage: Wie kommt denn das? Wie ist das überhaupt möglich?
Man kann zunächst einmal eine Sonderbegabung annehmen, also etwas, das nur die beiden hatten wie Mozart seine musikalische Begabung. Aber irgendwie scheint dies eher eine Notlösung zu sein, ein Versuch, das Phänomen wegzuerklären, aus dem Beobachtungsrahmen zu entfernen, indem man ihm einen Namen gibt.
Natürlich hat Sacks versucht, eine Erklärung zu finden. Er nimmt an, dass die Zwillinge eine innere Zahlenwelt sahen, dass ihre Welt sozusagen aus Zahlen, genauer aus Primzahlen, aufgebaut war. Und dafür gibt er in seinem Bericht viele Belege an. Sacks’ These ist (für mich) überzeugend. Sie klärt aber nicht die Frage, wie es dazu kam und ob es nicht eben doch eine „Sonderbegabung“, eine Art Fehlfunktion des Nervensystems bei geistiger Behinderung war.

Ich möchte dem eine ganz andere These entgegensetzen: Die Zwillinge waren in ihrer geistigen Entwicklung reduziert. Sie hatten keine Sonderbegabung sondern allenfalls eine Minderbegabung. Aus ihrer speziellen Lebenssituation heraus entwickelten sie eine andere Art der Wahrnehmung, die sich eben von der unseren unterscheidet. Jeder von uns hat als Anlage die Fähigkeit, die Welt in dieser oder in anderer Form wahrzunehmen. Wir entwickeln aber im Rahmen unserer Sozialisation eine bestimmte Wahrnehmung, eine Wahrnehmung die wir für die Wirklichkeit halten. Damit sind wir kommunikationsfähig. Der Preis den wir dafür zahlen ist, dass wir alle anderen Möglichkeiten der Wahrnehmung nicht verwirklichen. Aus Tausenden von möglichen Arten, die Welt zu sehen, verwirklichen wir eine oder zwei. Die anderen bleiben schlicht ungesehen. Künstler, Wahnsinnige, Propheten und ein paar anderen Menschen scheint eine andere Sicht erhalten geblieben zu sein.

Wie könnte nun die aus Zahlen aufgebaute Welt der Zwillinge aussehen? Ich stelle mir das so vor: Wir kommen in einen Raum mit einem gedeckten Tisch. Wir sehen den Tisch, die Stühle, die Teller, das Besteck. Beim Nachfragen könnten wir sagen oder abzählen, wie viele Stühle, wie viele Teller, wie viele Messer und Gabeln da liegen. Wir sind es gewohnt, die Gegenstände wahrzunehmen, die Anzahl ist nicht so wichtig. Die Zwillinge könnten beispielsweise in ein Zimmer kommen eine eins (den Tisch) sehen, um die eins eine fünf (die Stühle), auf der eins eine fünf (die Teller) und eine zehn (das Besteck) usw. Erst beim zweiten Nachdenken könnten sie die Gegenstände bezeichnen. Das würde auch ihre Ungeschicklichkeit im Umgang mit der Umwelt erklären. Denn die fünf würde sich demnach nicht nur zum Trinken, Schneiden eignen; die eins nicht nur zum Zähneputzen, zum Fahren, zum Sitzen. Diese Art, die Welt zu sehen, ist nicht besonders günstig für einen gegenständlichen Gebrauch. Versuchen Sie es einmal. Betrachten Sie die Umgebung nicht nach ihrer Gegenständlichkeit sondern nach ihrer Zahl. Das mag vielleicht zu einer gewissen Verwirrung führen, ist aber ein spannendes Unterfangen und hat eine gewisse Ästhetik. Natürlich ist das ganz anders als uns die Welt erklärt wurde. Man gibt dem Kind immer ein Gegenstand und sagt: das ist ein Löffel (nie das sind drei Löffel), „sag: Löffel“ (nie drei) und das Kind sagt brav „öffe“. Achten sie darauf: So wird die Wahrnehmung der Kinder geformt.

Ist es aber tatsächlich möglich, dass sich eine so andere Art der Wahrnehmung entwickelt, wie ich bei den Zwillingen vermute?
Ich will ein paar Puzzelsteine zusammentragen, die zeigen sollen, dass unsere wahrgenommene Wirklichkeit nur im Rahmen unseres Zusammenlebens wirklich ist. Dass es allerhöchstens die Wirklichkeit der Kommunikation gibt. Das ist nun nichts Neues und von Piaget schon sehr deutlich formuliert, durch den radikalen Konstruktivismus Allgemeingut geworden.
Mein Einstieg ist in das Thema der Versuch, die Wahrnehmung der Zwillinge zu verstehen.

Zwillinge und Sprachentwicklung

Es ist bekannt, dass Zwillinge eine sogenannte Zwillingssprache entwickeln können. Eine Sprache, die nur sie sprechen, und welche die Mutter (oder die erste Erwachsenenbezugsperson, denn die erste Bezugsperson ist immer der andere Zwilling) in der Regel nur teilweise versteht, wenn überhaupt. Diese Zwillingssprachen entstehen spontan.
Überhaupt entstehen Sprachen spontan, wenn Kinder beieinander sind. Eine wissenschaftliche Sensation waren die Vorgänge an einer Schule für taube Kinder in Managua in Nicaragua. Es wurde als Sprach-big-bang bezeichnet. Dort entwickelten Kinder in frühem Lebensalter eine eigene Zeichnsprache mit vollständiger Grammatik. Sie wurden zwar in einer Zeichensprache unterrichtet, die war aber für Spanisch nicht effektiv. So ersannen die Kinder untereinander eine vollständig neue Zeichensprache, die einer erdachten Sprache wie dem Esperanto deutlich überlegen ist.
Diese Beobachtungen werden als Beweis dafür genommen, dass Kinder unter allen Umständen, wenn sie in Gesellschaft sind, eine Verständigungssystem entwickeln. Es ist dies die grundlegende Fähigkeit zur Kommunikation und Sozialisation. Je abgeschirmter Kinder von der Umwelt sind, desto persönlicher wird das Verständigungssystem, wie im Fall der Zwillingssprache oder der tauben Kinder in Nicaragua.

Ich selbst bin Vater von zwei mal Zwillingen. Meine Kinder hatten keine Tendenz, eine eigene Sprache zu entwickeln. Ich vermute, dass dies an unserer sehr starken emotionalen und vor allem sprachlichen Präsenz lag. Aber wir beobachteten ein anderes Phänomen, das in diesem Zusammenhang erwähnenswert ist. Den Abend verbrachten die Kinder zusammen im eigenen Zimmer, wo sie oft noch 1-2 Stunden alleine spielten oder sich „unterhielten“ Wir saßen oft stundenlang an der Zimmertür und hörten diesen Unterhaltungen zu. Es waren Gespräche aus Glucks- und Brabbellauten. Der eine sagte da-da-da. Der andere wiederholte es. So ging es mehrmals hin und her. Dann änderte einer die Betonung. Was der andere mit Lachen quittierte. Er griff die Änderung auf und wiederholte dasselbe mit der veränderten Betonung. Nach einiger Zeit wechselten sie auf ga-ga-ga. Jede dieser Änderungen wurde ausgiebig belacht. So konnten sie stundenlang fortfahren. Sie redeten, lachten, tranken vom bereitgestellten Saft, krabbelten umher und machten dabei noch Vieles, was wir durch das Schlüsselloch nicht beobachten konnten. Gelegentlich schlief dann einer ein und der andere machte müde und etwas verloren alleine weiter, bis auch er einschlief, oder er schrie dann aus Langeweile nach uns. Wenn wir lachen mussten und sie uns hörten, brachen sie ihr Spiel ab und verlangten nach uns. Dieses Spiel erforderte unsere Abwesenheit.

So ähnlich können sich die Sacks'schen Zwillinge unterhalten haben, vor allem, da sie sich seit frühester Kindheit in Heimen befanden und nur sich selbst als Bezugsperson hatten. Das Zuwerfen von Zahlen und das Lachen darüber erinnert mich sehr an das Verhalten meiner Zwillinge. Mit den Jahren könnten sie ihr System verfeinert und erweitert haben.

Eine Welt aus Musik

Oder nehmen wir Mozart als ein anderes Beispiel. Kind einer Musikerfamilie, von frühester Kindheit an trainiert zu musizieren, zu spielen, zu komponieren. Seine Wahrnehmung muss von Klang, von Rhythmus geprägt gewesen sein. Was mag er gesehen haben, wenn er die Augen aufgemacht hat, was mag er gehört haben, wenn er den Geräuschen des Alltags zugehört hat? Sicher etwas ganz anderes als wir. Einen Eindruck davon, dass seine Wahrnehmung so ganz anders funktioniert haben muss als unsere, geben seine Briefe. Seine Briefe klingen, auch wenn dieser Klang manchmal etwas sonderlich ist. Hier ein in Klang und Ausdruck eher gesitteter Brief:


Ma trés chére Niéce! Cousine! fille!

Mére, Sœur, et Epouse!

Poz Himmel Tausend sakristey, Cruaten schwere noth, teüfel, hexen, truden, kreüz = Battalion und kein End, Poz Element, luft, wasser, erd und feüer, Europa, asia, affrica und America, jesuiter, Augustiner, Benedictiner, Capuciner, minoriten, franziscaner, Dominicaner, Chartheüser, und heil; kreüzer herrn, Canonici Regulares und iregulares, und alle bärnhäüter, spizbuben, hundsfütter, Cujonen und schwänz übereinander, Eseln, büffeln, ochsen, Narrn, dalcken und fexen! was ist das für eine Manier, 4 Soldaten und 3 Bandelier? - - so ein Paquet und kein Portrait? - - ich war schon voll begierde - - ich glaubte gewis - - denn sie schrieben mir ja unlängst selbst, daß ich es gar bald, recht gar bald bekommen werde. Zweifeln sie vielleicht ob ich auch mein wort halten werde? - - das will ich doch nicht hoffen, daß sie daran zweifeln! Nu, ich bitte sie, schicken sie mir es, je ehender, je lieber. es wird wohl hoffentlich so seyn, wie ich es mir ausgebeten habe, nemlich in französischen aufzuge.

wie mir Mannheim gefällt? - - so gut einen ein ort ohne bääsle gefallen kan. Verzeihen sie mir meine schlechte schrift, die feder ist schon alt, ich scheisse schon wircklich bald 22 jahr aus den nemlichen loch, und ist doch noch nicht verissen! - und hab schon so oft geschissen - - und mit den Zähnen den dreck ab=bissen.

Ich hoffe auch sie werden in gegentheil, wie es auch so ist, meine briefe richtig erhalten haben, nemlich einen von hohenaltheim, und 2 von Mannheim, und dieser; wie es auch so ist, ist der dritte von Mannheim, aber im allen der 4:te, wie es auch so ist. Nun muß ich schliessen, wie es auch so ist, denn ich bin noch nicht angezogen, und wir essen iezt gleich, damit wir hernach wieder scheissen, wie es auch so ist; haben sie mich noch immer so lieb, wie ich sie, so werden wir niemahlen aufhören uns zu lieben, wenn auch der löwe rings = herum in Mauern schwebt, wenn schon des zweifeis harter Sieg nicht wohl bedacht gewesen, und die tirranney der wütterer in abweg ist geschliechen, so frist doch Codrus der weis Philosophus oft roz für haber Muß, und die Römmer, die stüzen meines arsches, sind immer, sind stehts gewesen, und werden immer bleiben - - kastenfrey.

Adieu, j'espére que vous aurés deja pris quelque lection dans la langue française, et je ne doute point, que - - Ecoutés: que vous saurés bientôt mieux le français, que moi; car il y a certainement deux ans, que je n'ai pas ecrit un môt dans cette langue. adieu cependant. je vous baise vos mains, votre visage, vos genoux et votre - - afin, tout ce que vous me permettés de baiser. je suis de tout mon cœur

votre

Mannheim le 13 Nomv: trés affectioné Neveu et Cousin

1777. Wolfg: Amadé Mozart




Sprache und Wahrnehmung

Offensichtlich ist, dass wir entsprechend der Umwelt, ganz verschiedene Formen der Kommunikation entwickeln können. Sprache ist das auffälligste, denn einem kleinen Kind ist es möglich, jede Art der Sprache, einschließlich der Zeichensprache zu lernen. Es ist nicht nur so, dass das Kind dies lernen kann, es muss die Sprache erlernen. Es kann nicht davon abgehalten werden. Es wird sich an die bestehenden Verhältnisse anpassen. Und wenn nicht genügend Reize zur Sprachbildung von außen kommen, dann schaffen sich Kinder eine eigene Sprache, eine eigene Form der Kommunikation.

Die überwältigende Rolle der Sprache bei der Entwicklung der Wahrnehmung zeigt Oliver Sacks in einem anderen Buch (Stumme Stimmen), in dem er sich mit dem Problem der Taubheit auseinandersetzt. Kinder, die keine Bezeichnung (kein Wort) für einen Gegenstand kennen (und sei es in einer Gestensprache), entwickeln eine „flache Wahrnehmung“. Sie können vielleicht einen Stuhl verwenden, um darauf zu sitzen, können aber kein Konzept einer „Stuhlheit“ entwickeln, keine komplexen Zusammenhänge erfassen. Es ist ein Zustand, der der Imbezilität ähnelt. Die Fälle, die Sacks beschreibt zeigen die Vielfalt der Störungen, wenn durch fehlende Sprache keine Kommunikation zustande kommt. Ähnlich, aber nicht ganz so ausgeprägt ist es, wenn die Sprache ungenügend ist, wenn dem Kind zum Beispiel eine Zeichensprache beigebracht wird, die ungeeignet ist, zum Beispiel von Hörenden ausgedacht oder von einem Kulturkreis in einen anderen übertragen.

Sacks folgert, dass es das Wort und die Syntax ist, die ein tieferes Denken ermöglichen. Diese Schlussfolgerung stimmt in gewisser Weise mit Naom Chomskys Konzept der generativen Transformationsgrammatik überein. Chomsky und nach ihm viele Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass jeder Mensch eine angeborene Grammatik in sich trägt, sozusagen eine innere Sprache. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt muss sozusagen die innere Sprache mit der äußeren Sprache in Einklang gebracht werden.

Ich habe meine Zweifel, ob dies so stimmt, da es sich um eine lineare Denkweise handelt. Das Wesentliche des linearen Konzeptes ist immer, dass es irgendwo eine Ursache gibt, die für den Zustand verantwortlich ist. In Chomskys Konzept ist es eine angeborene Sprache. Dies geht aber von der Vorstellung aus, dass es eine Sprache an sich gibt. Aber das ist natürlich Unsinn. Wenn einem Kind die Sprache beigebracht wird und sei es nur der einfache Begriff „Löffel“, so steckt gleichzeitig in diesem Wort die Funktion des Löffels, den das Kind beim Breiessen in der Hand hält und den Brei auf dem Tischchen verteilt. „Löffel“ (und nicht vergessen: ein Löffel) hat etwas mit sich austoben, Verschmieren und Dreck im Gesicht zu tun. Im 17.Jh mag „Löffel“ den Beigeschmack von Zucht und Ordnung oder auch von Hunger (wenn nicht genug zum Essen da war) gehabt haben. Für einen Japaner hat ein Löffel wieder eine ganz andere Bedeutung. In der Übermittlung des Begriffs Löffel steckt aber auch die Art, wie wir miteinander umgehen, also all das, was Watzlawick über die Kommunikation und Bateson über den Rahmen gesagt hat. Es wird nicht die Sprache weitergegeben wie ich dem Nachbarn einen Löffel gebe. Das Wer und Wie ist viel entscheidender als das Wort, das übermittelt wird. Wenn also ein Kind keine Sprache hat, dann hat es nicht nur keine Sprache. Es fehlen ihm Millionen von anderen sozialen Kontakten.


Das Kontinuum

Jean Liedloff hat für dieses Phänomen des Übergangs in einem vorgegebenen Sozialsystem den sehr treffenden Begriff „Kontinuum“ geprägt. Wir leben alle in diesem Kontinuum, in dem wir unsere Sprache und unser Selbstverständnis von früheren Generationen übernehmen. So entsteht Wahrnehmung.
Die Aufrechterhaltung des Kontinuums erfolgt weitestgehend durch Nachahmung, in die die eigenen Bedürfnisse eingebettet werden. Kennenlernen erfolgt durch Nachahmung. Wenn zwei Kinder erstmals miteinander spielen, so imitieren sie sich: Ein Kind wirft Blätter hoch, das andere auch. Es ist wie eine Art Tanz, wo die Schritte aufeinander abgestimmt werden. Ist das Kommunikationssystem erst eingefahren, dann sind diese Mechanismen kaum noch sichtbar. Aber achten Sie einmal darauf, wie in einer Unterhaltung zwei Leute, die wirklich Wert auf eine Verständigung legen ganz ähnliche Gesten ausführen. Sie legen beide die Hand in die Hüfte oder einen Finger ins Gesicht oder schlagen die Beine übereinander, etwas das man als Synchronisieren der Körpersprache bezeichnen kann. Ein frisch verliebtes Paar redet sehr viel. Haben sie sich viel zu erzählen? Ja natürlich. Das ist die individuelle Deutung. Ich deute es in diesem Zusammenhang (durchaus evolutionspsychologisch) als Synchronisieren, als Aufbau eines eigenen Kontinuums, als Konstruktion einer gemeinsamen Wahrnehmung. Ein altes Ehepaar hat ein so festgefügtes System entwickelt, dass sich selbst die Haustiere dem anpassen sollen. Das schlimme beim Tod des Partners ist oft nicht der Verlust der Person, mit der man eventuell seit Jahren nichts mehr anfangen konnte. Es fehlt plötzlich jemand, der das System der eigenen Wahrnehmung stützt.

Dass das Kontinuum nicht nur eine sprachliche sondern eine generell soziale Angelegenheit ist, zeigt das Beispiel der Wolfsmädchen. In Indien wurden 1922 zwei Mädchen aufgefunden, die augenscheinlich bei einer Wolfsfamilie aufgewachsen waren. Sie aßen nur rohes Fleisch und fühlten sich nur in der Gesellschaft von Hunden und Wölfen wohl. Wenn sie sich schnell vorwärtsbewegen wollten, liefen sie auf allen Vieren. Sie machten nie einen „menschlichen“ Eindruck. Wie haben sich diese beiden Mädchen unterhalten? Wölfisch? Oder entwickelten sie untereinander eine eigene, neue Sprache?

2. Die Projektion

Genetik oder Umwelt?

Sozialisation verwirklicht sich in Systemen mit Untersysteme. Ein Kind in Deutschland wird anders sozialisiert als ein chinesisches, ein togolesisches oder ein Eskimo-Kind. Die lineare Frage, welche Rolle dabei die Umwelt und welche die Genetik spielt, ist je nach Blickwinkel zu beantworten. 100% genetisch, wenn wir argumentieren, dass die Fähigkeit, sich anzupassen, angeboren ist. Im Sinne Chomskys lässt sich eine angeborene generative Kommunikationsstruktur postulieren, die für alles verantwortlich ist. 100% Umwelt, wenn wir davon ausgehen, dass Leben sich nur in einer „Umwelt“, einem Reizzustand entwickeln kann. Kaspar-Hauser-Kinder sterben, also Kinder, die keine sozialisierenden Reize erhalten, nur Essen und Trinken. Kinder, die zu wenigen Reizen ausgesetzt werden, entwickeln kein adäquates Nervensystem. Computertomographisch zeigt sich eine Hirnstruktur, wie sie sich sonst nur in extremen Abbauphasen entwickelt. Ohne soziale Reize kein Menschsein. Wir können jetzt noch ganz Reihe anderer Kriterien ersinnen, um die Frage „Genetik oder Umwelt?“ so oder so zu beantworten. Es kommt dann zu einem lustigen Verschieben von Prozentzahlen, womit ganze Professuren aufgebaut werden können. Die Frage ob Angst genetisch bedingt ist, ist schlicht Unsinn. Derzeit haben die Wissenschaftler sozusagen eine DNA-Brille auf der Nase, durch die alles gesehen wird. Die Frage ob Genetik und die DNA überhaupt identisch sind, wird derzeit kaum gestellt. Auch der Streit, ob Darwin oder Lamarck recht hatte, ob es also eine Vererbung erworbener Eigenschaften gibt ist nur deswegen ausdiskutiert, weil niemand darüber redet. Aber natürlich lässt sich überlegen, ob eine Frage, die nicht gefragt wird, überhaupt existiert.

In systemischer Sicht (oder besser: in meiner systemischen Sicht) treten diese Fragen gar nicht auf. Wir entstammen alle einem Kontinuum körperlicher, genetischer, sozialer, geschichtlicher Systeme, die ineinander verschachtelt sind und einander bedingen. Land, Familie, soziale Position, geschichtlicher Kontext und Konstitution greifen ineinander und die Tuberkulose eines Urgroßvaters kann immense Auswirkungen auf meine Kinder haben. Die Frage, warum wir so geworden sind, wie wir sind, ist interessant, kurzweilig und nicht beantwortbar. Wir wissen ungeheuer wenig von uns und von den anderen.
Aber natürlich haben wir Vorstellungen, Theorien, Konzepte. Diese Vorstellungen helfen uns in dieser Welt klar zu kommen. Relativ einfach geht es in der Familie. Vor allem dann, wenn die Verhaltensweise der Familienmitglieder konstant ist. Dies gibt ein Gefühl der Sicherheit, auch wenn wir nicht mit ihnen klarkommen. Dieser Wunsch nach Sicherheit ist vielleicht einer der Gründe, warum McDonalds so erfolgreich ist. Ob Stockholm, Moskau oder Tokio, McDonalds ist überall gleich. Keine unerwarteten Überraschungen. Auch Hotels der gehobenen Klasse zeichnen sich überall auf der Welt durch einen gewissen Standard aus, eine Art von Gleichförmigkeit, um es anders zu nennen. Ein Manager fühlt sich in jedem solchen Hotel zu Hause, familiär. So wird durch eine Trivialisierung der Kulturschock umgangen.

Wer den familiären Verband verlässt, trifft auf Schwierigkeiten. Das Leben da draußen ist nicht so, wie man erwartet hatte. Es erfordert Pioniergeist. Leider ist der derzeitige Pioniergeist eher darauf angelegt, eine Art von Weltfamilie zu gründen, so dass wir überall zu Hause sein können. Nehmen wir deutsche Städte: Lohnt es sich in die Fußgängerzone einer Stadt zu gehen? Kennt man eine, kennt man alle. Es sei denn man ist ein Freund von Brunnen oder Dachzinnen, die historisierend wiederhergestellt wurden.
Das Fremde wird verbannt und damit wohl auch die Fähigkeit, sich mit Fremdem gebührend auseinander zusetzen. Das Informationszeitalter wurde als die 3. Welle bezeichnet. Informationen könnten von der ganzen Welt bekommen werden. Wenn es aber auf der ganzen Welt gleich aussieht? Wo bleibt dann die Information? Ist es der Unterschied des NIKKEI vom DAX und vom DOW-JONES?

Die Welt des Anderen

Dabei muss man gar nicht weit gehen, um das Fremde zu erleben. Nach meiner Meinung ist das fremdeste überhaupt das andere Geschlecht. „Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus“, dieser Spruch hat eine Wahrheit, nämlich die der extremen Unterschiedlichkeit, und eine Unwahrheit, nämlich die, dass da jemand wissen will, woher diese beiden Spezies stammen. Entsprechend der wissenschaftlichen Mode wird bei der Untersuchung dieser Unterschiede hauptsächlich gefragt: genetisch oder Umwelt? Beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang eine Aussage Freuds, wobei ich den alten Herrn insgesamt schätze, weil er, zum Teil unter Qualen, viele neue Wege gegangen ist, sich intensiv mit der Fremdheit auseinandergesetzt hat, während viele seiner Nachfolger keinen Schritt mehr aus der guten Stube der Psychoanalyse wagten und wagen. Freud schrieb gegen Ende seines Lebens, dass er viel im Leben gesehen habe, aber eines habe er nie verstanden: „Was will das Weib?“ Ich halte dies für einen Ausdruck des Wissens, nicht des Unwissens.
Fast alle meine Bekannten lachen über den Satz: „Ja, der alte Patriarch! Natürlich hatte der keine Ahnung!“ Oder ähnlich. Aber ist die scheinbare Selbstverständlichkeit zwischen Männern und Frauen, diese Gleichmacherei (ich meine nicht die GleichbeRECHTigung) eine Art MacDonaldisierung der Geschlechterbeziehung? Ein Ausweichen vor dem Fremden? Und ist die Unfähigkeit zusammenzuleben, der Preis dafür, Fremdheit nicht mehr aushalten zu können?

Wir erleben eine gleichförmige Welt, in der alles vertraut ist, alles familiär.

Solaris und Begegnung

Der Roman Solaris von Stanislaw Lem und der gleichnamige Film von Andreij Tarkovski gehen diesen Fragen mit einer eindringlichen Radikalität nach. In dem Klassiker des Science Fiction treffen die Menschen auf einen Planeten, der hauptsächlich aus einer Masse besteht, die wie ein Ozean aussieht und dieser Ozean ist intelligent. Natürlich braucht es viele Jahre, bis die Menschen verstehen, dass er intelligent ist, denn wie ist Intelligenz feststellbar? Schon innerhalb des menschlichen Kontinuums gibt es keine klare Definition davon. Und wie soll man Kontakt aufnehmen, wenn man keine Vorstellung hat, wie ein solcher Kontakt aussehen soll?
Erklärungen zu Buch und Film füllen Bände. Eine „sichere Deutung“ gibt es bei einem Kunstwerk sowieso nie. Erschwerend kommt bei Solaris noch hinzu, dass das Anliegen des Buches die Undeutbarkeit ist. Lem selbst entwirft unzählige Deutungen, lässt aber keine gelten.

Was passiert auf der Solaris? Nachdem die Menschen viele Jahre damit zugebracht haben, alle Verhaltensweisen des Ozeans zu beobachten, zu analysieren und zu beschreiben, aber ihnen immer noch keine Idee gekommen ist, wie sie nun Kontakt aufnehmen könnten, beschießen den Ozean mit harter Strahlung. Dies führt schließlich zu einer Reaktion.
Einige Tage nach der Bestrahlung des Ozeans erscheinen auf der Station Lebewesen. Jedem der anwesenden Männer sein eigenes Lebewesen, eines, das tief in den verdrängten, abgespaltenen Tiefen ihrer Seele verborgen war und sich jetzt materialisiert. Diese Gestalten sind unzerstörbar und untrennbar mit ihren Urhebern verbunden. Und die Männer sind vollauf beschäftigt sich mit diesen Wesen auseinander zusetzen. So sehr, dass sie zu nichts anderem mehr kommen. Natürlich stellt sich die lineare Frage, ob der Ozean der Schöpfer dieser Gestalten ist oder die Männer der Station. Und wie immer bei linearen Fragestellungen können wir die Antwort je nach ausgesuchtem Kriterium mal so der so geben. Diese Wesen sind sozusagen die Kontaktstelle der beiden Welten. Buch und Film handeln von der Auseinandersetzung mit diesen Wesen, wobei der Hauptperson seine Frau erscheint, die vor Jahren Suizid begangen hat.

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Vom Wesen der Projektionen

Die Wesen der Solaris-Station sind Projektionen. Projektion ist ein psychotherapeutischer Fachbegriff, der im Prinzip meint, dass eigene Vorstellungen, Bilder auf jemand anderen projiziert werden. Wenn ich auf meinen Partner wütend bin, es mir aber nicht eingestehe, so kann mir scheinen, dass mein Partner wütend auf mich ist. Oder jemand ist mir lästig und ich fühle mich von ihm belästigt.

Projektionen sind gespeist von der Erfahrung und der Erwartung an eine Situation. Sie sind kein vermeidbares Phänomen sondern ein ganz normales Produkt der Wahrnehmung. Projektion ist, wenn etwas rosengleich riecht, wenn eine Stadt schläft, sich ein Kind wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt, wenn Wissenschaftler glauben, dass alles genetisch bedingt sei, wenn mir die Welt am einen Tag wie neu und am anderen ganz grau erscheint, wenn ich eine Frau schön oder hässlich finde.
Der Rorschach-Test ist ein sogenannter projektiver Test. In irgendwelchen Tintenklecks-Bildern soll man etwas erkenne. Was jemand erkennt sagt natürlich mehr über die Person aus als über das Bild. Dies gilt aber gewissermaßen für jedes Kunstwerk. Sind Schillers Gedichte interessant oder langweilig? Ich finde langweilig. Aber das hat nichts mit Schillers Gedichten zu tun sondern mit mir. So hat jede Wahrnehmung einen gewissen projektiven Anteil, etwas das ich dazu tue, meine Einschätzung, meine Assoziationen. Erst durch die Kommunikation kann ich jedoch klären, wo ich mit meiner Einschätzung alleine stehe. Das heißt aber nicht, dass Schillers Gedichte deshalb langweilig werden, weil wir uns darauf einigen, oder dass Satie schön ist, oder dass Drogen verwerflich sind. Wir schaffen nur eine gemeinsame Wahrnehmung in der wir die Dinge gleich sehen. Das heißt aber nicht, dass die Dinge so sind. Das Kontinuum ist sozusagen eine gemeinsame Projektion. Aber natürlich ist diese gemeinsam geschaffene Welt unvollkommen, hat Lücken. Dazu benötige ich nicht die Zwillinge oder die Wolfsmädchen. Es genügt schon die Auseinandersetzung mit dem andersgeschlechtlichen Partner, um zu bemerken, dass die Welt nicht so festgefügt ist, wie sie scheint. Die Übergänge zum Du sind schwierig und brüchig.
Schwerwiegende Projektionen können nur aufgehoben werden, wenn es zu einem Austausch kommt. Dazu ein Beispiel: In meiner Kindheit herrschte in Oberschwaben noch ein richtiger Glaubenskampf zwischen den Katholiken und den Protestanten. Die beiden Pfarrer verurteilten die andere Religion regelmäßig und in kräftigen Worten von ihrer Kanzel herunter. Durch irgend eine Initiative kamen sie jedoch einmal zum Kaffeetrinken zusammen. Der Kommentar des einen dazu lautete hinterher: „Seltsam, er ist irgendwie ein ganz normaler Mensch.“

Diese Art des Austausches funktioniert auf der Solaris nicht. Die Wissenschaftler dort können ihre Wesen zwar vernichten oder in den Weltraum schießen. Diese erscheinen aber unverändert wieder, so als sei nichts geschehen. „Der Prozess hat keine korrigierende Rückkoppelungsschleife“, wie einer der Forscher sagt. Denn genau die ist notwendig, um einen Kontakt, eine Kommunikation und ein Kontinuum herzustellen. So schlagen sich die Forscher der Solaris mit ihren Projektionen herum, die kein Entwicklungspotential haben. Und auch der Roman hat in gewissem Sinn kein Entwicklungspotential, da der Autor ja ebenfalls keinen Kontakt mit dem fremden Wesen aufnehmen kann und sich mit seinen Projektionen in Form der von ihm geschaffenen Figuren auseinander setzt. Die gesamte Projektion bleibt sozusagen beim Autor und beim Leser und stülpt sich nicht dem „Fremden“ über. All dies gibt dem Roman diese attraktive Unwirklichkeit.

Der Film ist anders. Dort gibt es Änderung und vor allem die Hoffnung auf Änderung. Dafür wird die jetzige Projektion als Folge der Herkunft entlarvt und der Versuch eines Kontaktes geht zwischen allen den Spiegelungen von der Vergangenheit in die Gegenwart in die Zukunft und zurück fast verloren. Was ist wirklich, wenn die Wirklichkeit von mir alleine geschaffen wird?
Im Gegensatz dazu bleiben die Science Fiction á la Krieg der Sterne völlig im menschlichen, oder besser im amerikanischen Hollywood-Kontinuum. Dort sind die fremden Welten und fremden Lebewesen reine Hollywood-Projektion. Alles ist familiär wie eine neue Burger-Kreation bei McDonalds.
Der Vorteil der künstlerischen Darstellung ist, dass sich der Künstler eine gewisse Freiheit der Wahrnehmung erlaubt. Er unterwirft sich nicht der Konvention. Er kann den Löffel auf eine andere Weise sehen, oder die Gerechtigkeit, oder die Liebe. Vielleicht weil wir selbst die Liebe in uns gern anders sehen würden, folgen wir ihm darin in eine andere Welt. Der Zweifel am Löffel lässt uns jedoch oft ratlos zurück, wenn er beispielsweise unerklärt in einer Ausstellung liegt.

Allzu schnell wird eine abweichende Wahrnehmung, die dann auch ein abweichendes Verhalten nach sich zieht, verurteilt. So wurden die Wolfsmädchen in eine menschliche Umgebung gebracht, also von ihrem Kontinuum getrennt, worauf bald eines der Mädchen starb. Auch die Zwillinge wurden getrennt und tatsächlich erlangten sie eine gewisse Selbstständigkeit. Sie lernten zum Beispiel alleine mit dem Bus zu fahren.

Die Konsequenz der festgefügten Wirklichkeit, die ja die schlimmste Form der Sklaverei ist, beschreibt Samuel Beckett in seinem Endspiel. Im Monolog des Clov heißt es:

Man sagte mir: das ist Liebe. Doch, doch, glaub es nur. Du wirst schon sehen. Man sagte mir: Ja, das ist Freundschaft, doch, doch, ganz bestimmt, Du brauchst nicht weiter zu suchen. Man sagte mir: Da, bleib stehen, Kopf hoch, schau Dir diese Herrlichkeit an. Man sagte mir: Sieh doch, mit welcher Kunst sie gepflegt werden, all diese tödlich Verletzten. Ich sage mir.... manchmal, Clov, Du mußt noch besser leiden lernen, wenn Du willst, dass man es satt kriegt, Dich zu
strafen.....eines Tages. Ich sage mir.....manchmal, Clov, du mußt noch besser da sein, wenn Du willst, dass man Dich gehen läßt....eines Tages. Aber ich fühle mich zu alt und zu weit weg, um neue Gewohnheiten annehmen zu können. Gut, es wird also nie enden, ich werde also nie gehen. Dann, eines Tages, plötzlich, endet es, ändert sich, ich v erstehe es nicht, stirbt es......oder ich bin es, ich verstehe es nicht, auch das nicht. Ich frage es die Wörter die übrig bleiben – Schlafen, Wachen, Abend, Morgen. Sie können nichts sagen...Ich öffne die Tür meiner Zelle und gehe. Ich gehe so gebeugt, dass ich nur meine Füße sehe und etwas schwärzlichen Staub zwischen meinen Beinen. Ich sage mir, dass die Welt erloschen ist, obgleich ich sie nie glühen sah. Es geht von selbst. Wenn ich falle, werde ich weinen, vor Glück.


Der Bioy-Casares-Effekt

Wie aus der Wirklichkeit der Kommunikation die Unwirklichkeit der Projektion wird, hat ein anderer Autor, Adolfo Bioy-Casares aus Argentinien konsequent in seinem phantastischen Roman Morels Erfindung zu Ende gedacht. Die Hauptfigur des Romans ist (wie so viele von uns) auf der Flucht, wobei nie klar ist, vor was er geflohen ist. Er wird auf eine Insel verschlagen, auf der Dinge vor sich gehen, die er erst ganz allmählich versteht. Der Erfinder Morel hatte es geschafft, eine Maschine zu konstruieren, in der eine bestimmte Zeit aufgenommen und wieder abgespielt werden konnte. Eine Woche lang wurde das Leben einer kleinen Gesellschaft aufgenommen. Unglücklicherweise starben die Leute als Folge dieser Aufnahme. Da die Maschine durch die Energie von Ebbe und Flut gespeist wird, spielt sie die aufgenommene Woche wieder und wieder vor. Immer dieselbe Sequenz. Die Hauptfigur, die sich lange verborgen hielt, also abgeschnitten von der Kommunikation, versteht schließlich, dass es sich um eine Reproduktion handelt. Unglücklicherweise hatte er sich, bevor er den Ablauf verstanden hat, in eine der Frauen verliebt, die er in ganz verschiedenen Lebenssituationen beobachtet hatte.

Wie soll es gehen, dass er mit dieser Frau Kontakt bekommt, die doch schon gar nicht mehr existiert und nur noch von einer naturgespeisten Maschinerie immer wieder projiziert wird? Er ersinnt ein Verfahren, das ich in der psychotherapeutischen Praxis seither immer wieder gesehen habe, das als solches aber nicht beschrieben ist. Ich möchte es den Bioy-Casares-Effekt nennen, eine häufige Art, das Leben zu verbringen.

Der „Held“ der Geschichte wirft Morels Aufnahmemaschine nochmals an. Er gesellt sich zu der Gesellschaft und verhält sich so, als ob die von ihm verehrte Frau tatsächlich seine Geliebte wäre. Er spricht zu ihr und setzt sich so in Position, dass das, was sie sagt, ihm gelten könnte. All dies wird von der Maschine aufgezeichnet. Jemand der diese Aufnahme zu Gesicht bekommt, wird glauben, dass die zwei ein echtes Liebespaar seien, dabei sind sie nur eine fortwährende Re-Projektion zweier Menschen, die niemals Kontakt hatten. Und beide ließen für die Projektion ihr Leben.

Vielleicht haben Maturana und die radikalen Konstruktivisten ja recht: Keine Kommunikation, nur Projektion.

Let me take you down

‘cause I’m goin’ to

Strawberry Fields

Nothing is real

And nothing to get hung about

Strawberry Fields forever

















Nachtrag 2003:

Natürlich war es spannend, die amerikanische Neuverfilmung von Solaris zu sehen. Und es war schockierend zugleich. Als unverbesserlicher Romantiker glaube ich noch immer, dass es so etwas wie Kontakt tatsächlich geben kann. Durch alle die Bilder hindurch, die uns Morels Erfindung, durch die ‚Gezeiten’ gespeist, über Generationen hinweg, vorspielt. In Camrons und Soderberghs Film ist nichts davon übrig geblieben. Die Forderung: „Gib mir eine 2. Chance!“ verlangt danach, das eigene neurotische Muster weiterzuspielen, ohne von der dahinter liegenden Struktur wirklich etwas wissen zu wollen. Sozusagen der freiwillige Beginn eines unaufkündbaren Endspiels.



Literatur

Sacks, Oliver Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte Reinbek 1990 (rororo)
Sacks, Oliver Stumme Stimmen Reinbek 1997 (rororo)
Piaget, Jean & Inhelder, Bärbel Die Psychologie des Kindes, München 1998 (dtv)
Hildesheimer, Wolfgang Mozart Frankfurt 1980 (Suhrkamp)
Liedloff, Jean Auf der Suche nach dem verlorenen Glück, München 1992 (Beck’sche Reihe)
MacLean, Charles The Wolf Children, New York 1978 (Hill and Wang)
Lem, Stanislaw Solaris, München 1998 (dtv)
Beckett, Samuel Endspiel, Frankfurt 1969 (edition suhrkamp)
Bioy-Casares Morels Erfindung, Frankfurt 1975 (Suhrkamp)



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