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Schismogenese

oder

Gefahr für den Innenminister


Bateson und das Konzept der Schismogenese

Gregory Bateson war einer der ganz großen Denker des 20. Jahrhunderts und sehr viele seiner Ideen haben Einzug in das abendländische Denken gehalten. Er war Engländer und von Beruf Anthropologie, lebte aber überwiegend in den USA oder wo ihn seine Studien hinverschlugen, forschte über Naturvölker, Delphine, Schizophrenie, Alkoholiker, Evolutionstheorie, Kybernetik und anderes. Wobei er wohl sehr häufig von Geldproblemen geplagt war. Er hat nie ein Lehrbuch geschrieben, nie eine System entwickelt. Am bekanntesten ist sein Konzept des Double Bind, das einen Stammplatz in der Forschung in der Schizophrenie gefunden hat. Sein Hauptwerk Ökologie des Geistes ist eine Sammlung von Aufsätzen, die er in seinem Leben zu seinen ganz verschiedenen Forschungsthemen geschrieben hat. Seine Aufsätze sind schwierig. Es wird oft nicht klar, worauf er hinaus will. Er scheint logisch zu argumentieren, aber worüber?

Ich stieß auf die Ökologie des Geistes als das Buch in den Achtzigern in bestimmten Kreisen zum Kultbuch wurde. Ich kaufte es sogar. Mehrmals nahm ich es in die Hand und klappte es nach ein paar Seiten wieder zu mit der Bemerkung: "Es ist eine Frechheit, so zu schreiben." Das war zu einer Zeit, als ich noch glaubte, dass es Wissen gibt und dass Wissen in Büchern existiert und dass dieses Wissen in meinen Kopf übergehen könne. So funktionieren Batesons Texte nicht. Sie erfordern eigenes Denken. Aber dann sind sie eine fast unerschöpfliche Quelle.

Sein erster bedeutender wissenschaftlicher Beitrag war das Konzept der Schismogenese, ein Konzept, auf das er im Laufe seines Lebens immer wieder zurück griff. Die Frage nach der Schismogenese ist die Frage nach dem Entstehen von Zerwürfnissen, eine sehr brennende Frage als sein Aufsatz 1935 erschien. Es war die Zeit als sich der Faschismus in Deutschland und Italien vollständig durchgesetzt hatte, die Zeit kurz vor dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, die Zeit der großen stalinistischen Schauprozesse. Aber was konnten Politiker und Wissenschaftler mit den diffizilen Gedankenführungen Batesons anfangen, der seine politischen Vorstellungen mit so seltsamen Beispielen untermauerte, dass ein Stamm dem anderen Fisch, der andere dem einen Sago verkauft.

Dabei ist das Prinzip ganz einfach. Jede Handlung von uns führt zu einer Reaktion und die Reaktion des oder der Anderen führt wieder zu einer Reaktion unsererseits, was wieder zu einer Reaktion der Anderen führt usw. Die Art der Reaktion, das war Batesons Ansatz, kann entweder symmetrisch oder komplementär sein. Was bedeutet das? Eine symmetrische Reaktion ist eine gleichartige. Jemand beschimpft mich und ich schimpfe zurück. Oder: Einer erzählt einen Witz, der andere erzählt wieder einen Witz, worauf der erste wieder einen erzählt. Oder: zwei Freundinnen gehen zusammen zum Tanzen aus, wobei der energetische Tanzstil der einen, die andere mitzieht und eventuell noch andere Frauen ansteckt. Das Ganze kann sich weiterentwickeln, zu einem Wortgefecht, zu einem Witzabend, zu einer ereignisreichen Nacht. Es handelt sich dabei um eine symmetrische Differenzierung. Aus einer Handlung entsteht gleichsam ein ganzes Spektrum gleichsinniger Verhaltensweisen.

Zur symmetrischen Schismogenese kommt es, wenn sich aus diesem Verhalten Streit entwickelt: Wenn sich die zwei Männer immer mehr beschimpfen, der eine dann mit der Faust auf den Tisch haut, worauf der andere den Bierkrug nimmt und ihn über den Schädel seines Mitstreitenden schlägt. Oder die Witze werden immer übler, Türken-, Juden-, Naziwitze und alle streiten hinterher. Oder die Frauen überbieten sich darin denselben Mann anzumachen und sie gehen tödlich beleidigt auseinander.

Symmetrischen Verhältnisse sind leicht zu erkennen. Der Film Der Rosenkrieg stellt einen solchen Ablauf drastisch dar. Das symmetrisches Verhalten in Wirtschaft und Politik sind uns allen geläufig. Das Wettrennen um den Mond war eine typische symmetrische Angelegenheit. In der Zeit des kalten Krieges, des Wettrüstens wurde das symmetrische Muster der beiden Supermächte auf eine friedliche Weise ausgelebt. Vielleicht hat der Antagonismus um den Mond die Welt vor dem 3. Weltkrieg bewahrt. Natürlich sind Weltmeisterschaften, olympische Spiele, Streitgespräche am Stammtisch, der Austausch von Kochrezepten, der Kegelabend eine symmetrische Angelegenheit.

Komplementäres Verhalten ist schwieriger zu verstehen. Wenn zwei zusammensitzen, der eine erzählt und der andere schweigt, so verhalten sie sich komplementär. In den 60er Jahren gab es die Fernsehserie "Polizeiwagen 53". Die beiden Polizisten Toody und Maldoon, waren die einzigen, die es miteinander aushielten. Der eine redete dauernd und der andere schwieg dauernd. So kamen sie wunderbar zurecht, regten aber jeden anderen damit auf. Jede Beziehung ist durch eine solche komplementäre Differenzierung geprägt. Die traditionelle Rolle lässt den Mann mit Werkzeug umgehen und reparieren, während die Frau für die Wäsche zuständig ist. Arbeitsteilung ist immer komplementär, Konkurrenz ist symmetrisch.


Die komplementäre Schismogenese, also die Entstehung von Zerwürfnissen aus komplementärem Verhalten ist nicht leicht zu verstehen. Sie entspricht nicht unserem üblichen Denken von Ursache und Wirkung, von Täter und Opfer.

Bateson hat dafür folgendes Bild geprägt:
Ein Ehepaar liegt in einem Bett, wobei jeder mit einer Heizdecke zugedeckt ist. Fatalerweise sind die Schalter für die Heizdecken vertauscht. Der Mann möchte es etwas kühler haben und reduziert die Wärme, verringert aber nur die Temperatur bei seiner Frau. Die erhöht wieder die Temperatur beim Mann usw. Keine Schuld, aber eine einfache Aktion löst eine komplementäre Kettenreaktion aus.

In der Praxis schaut das so aus: Ein Ehepartner, sagen wir die Frau, ist gerne lebhaft und redet (ist es nicht meistens so?), während es der Mann eher etwas ruhiger hat. Sobald die Frau lauter wird, wie sie es gerne mag, wird der Mann leiser, wie er es vorzieht. Das ist der Frau zu leise und sie wird lauter, eventuell, um den Mann anzuregen, worauf der Mann noch leiser wird. Zum Schluss schreit und keift die Frau, während der Mann versteinert und zurückgezogen schweigt. (Ein bekanntes Bild?). Das Interessante dabei ist, dass beide immer gereizter und unglücklicher werden. Natürlich gibt jeder dem anderen die Schuld. Von außen ist die Frage der Schuld jedoch Unsinn. Es ist eine gemeinsame Entwicklung, die nach einem klaren Prinzip zum Streit führt. Das heißt aber in diesem Fall, dass der Täter (die Redende) dieselbe Verantwortung für die Situation hat wie das Opfer (der Schweigende). Ein unerhörter Ansatz.

Zwei Beispiele einer komplementären Familienstruktur aus meiner psychotherapeutischen Praxis:

Eine deutsche Frau Mitte 40 lebt mit einem Griechen verheiratet auf einem griechischen Dorf. Sie kam zu mir, weil sie es nicht mehr aushielt, wie sie sagte. Sie wollte weg, konnte sich aber irgendwie nicht losreißen. Ihre Verhältnisse waren geradezu ärmlich, selbst für ein griechisches Dorf. Der Mann arbeitete nicht, sondern verbrachte den ganzen Tag im Kafenion. Sie bekam gelegentlich Geld von ihrer Mutter aus Deutschland, das kaum reichte, die Kinder zu ernähren. Daneben betrieb sie noch eine kleine Nähstube, die wenig abwarf.

Relativ bald wurde ein komplementäres Muster der Eheleute deutlich. Während der Mann sehr viel Freude am Sex und weniger Freude am Geldverdienen hatte, hatte die Frau keine besondere Freude am Sex, wollte dafür aber ein sicheres Auskommen haben. Je weniger Geld der Mann nach Hause brachte, desto weniger Lust hatte sie auf Sex mit ihm, desto weniger Lust hatte er zu arbeiten und ging ins Kafenion. So entstand ein streitendes Paar ohne Geld, ohne Sex und mit verhaltensgestörten Kindern. Sie straften sich gegenseitig durch Enthaltung.

Es ist wichtig, solche Beziehungen als komplementär zu verstehen. Der Zwist hat keine Ursache. Es ist ein sich verselbständigendes Muster. Wer in einem solchen Verhältnis Partei ergreift, verschärft nur den Konflikt. Hätte ich die Frau in ihrer Enttäuschung und ihrem Vorwurf an den Mann unterstützt (was ja nahegelegen hätte, da er ja scheinbar der Täter ist), so wäre die Gefahr groß gewesen, dass die Familie auseinander bricht, da die komplementäre Balance zerstört worden wäre. Sie wollte im Grunde nicht weggehen. Sie wollte auch den Mann nicht verlassen. Sie wollte nur etwas mehr Geld und Ansprache haben.

Faszinierend an komplementären Beziehungen ist, dass man vom Verhalten des Einen ganz leicht auf das Verhalten des Anderen schließen kann. Was der eine Teil des komplementären Verhältnisses über den anderen sagt, gibt ein phantastisches Bild davon, was der andere über den einen sagt.

Ich hatte in Deutschland eine schöngeistige Dame mit unspezifischen Beschwerden (so sagt man medizinisch, wenn jemand unter seinem/ihrem Unglück leidet) in Behandlung. Sie beklagte sich heftig über ihren Mann und seine Passion für Lokalfußball und Stammtisch. Kein Interesse für ihr Wesen, für ihre Bedürfnisse. Und sehr bildhaft schilderte sie die muffige Atmosphäre der oberschwäbischen Stammtische, die verschwitzt-spießbürgerliche Gemütlichkeit des Fußballclubhauses. Es war eine Freude ihr in den Beschimpfungen zuzuhören. Dann fragte ich sie, was ihr Mann zu ihren Vernissagen meint und zu den Leute, die dort zusammenkommen. Ebenso lebendig schilderte sie mit den Worten ihres Mannes das gezierte und affektierte Gehabe der besseren kleinstädtischen Gesellschaft. Wir verbrachten eine lebhafte, fast fröhliche Stunde damit, dass wir jede Klage über ihren Mann (und sie war darin praktisch unerschöpflich) in die komplementäre Klage ihres Mannes über sie zu übersetzten. Sie meinte am Ende, nachdem sie in der Diskussion aufgeblüht war: "Sehen Sie, wir passen überhaupt nicht zueinander!", eine Behauptung, die sie regelmäßig wiederholte. Und indem sie dies sagte, versteinerte sich ihr fröhliches Gesicht und sie versank wieder in den vorhergehenden Zustand. "Nein! Nein!", antwortete ich, "Sie passen ganz hervorragend zusammen!"
Das komplementäre Muster war deutlich geworden: Sie beklagten sie sich gegenseitig übereinander. Sie ging nicht mehr zu Vernissagen, er nicht mehr zum Fußball. Jeder stellte seine eigenen Wünsche zurück und strafte den Anderen für dessen Bedürfnisse ab.

Das Unverständnis dieser Zusammenhänge ist insofern schädlich, dass man durch die Unterstützung eines "unrecht Behandelten" den Zustand verschärft. Watzlawick vergleicht es mit einem Segelboot. Wenn der eine sich weiter hinauslehnt, muss sich der andere auch weiter hinauslehnen, sonst kentert das Boot. Bei symmetrischen Zuständen lässt sich das leicht verstehen, da beide als Täter dingfest gemacht werden. Man bittet beide weiter hereinzukommen. Bei komplementären Verhältnissen gibt man oft einem die Schuld und unterstützt ihn darin, sich noch weiter hinauszulehnen.

Die Frage nach der Schuld, nach der Ursache und nach der Verantwortung ist nicht Teil dieser Betrachtungsweise. Zuweisung von Verantwortung ist geradezu zerstörerisch bei so fein gewebten Verhältnissen. Dies mag im ersten Augenblick wie Hohn klingen, wenn man an Gewalt in der Familie denkt, an Alkoholismus, an politische Radikale. Man möchte doch den Opfern helfen. Und selbstverständlich ist es wichtig, jemandem zu helfen, der in Not ist. Wichtig ist aber auch, dadurch den Konflikt nicht zu verschärfen. Er tritt später sonst in noch gewaltsamerer Form zum Vorschein.

Therapeutisch wirksam ist in solchen Fällen mehr Autonomie. So empfahl ich der schöngeistigen Frau, sie solle mehr für sich tun, worauf sie meinte, dass dies doch nur dann klappen würde, wenn ihr Mann mehr für sich täte, womit sie vollkommen Recht hatte. Sofort versuchte sie aber ein Konzept zu entwickeln, wie ihr Mann mehr Autonomie bekäme. Und genau damit gab sie ihre Autonomie wieder auf. Jede Handlung in einem solchen System schlägt unbarmherzig auf sich selbst zurück, ist rekursiv.
Das ist das überaus Schädliche am Helfersyndrom. Ein Fehlverhalten wird dadurch gestützt, dass man den Partner, der zum Beispiel Alkoholiker ist, kurieren will. Man nimmt ihm die Verantwortung unter Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse ab. Dies verschärft das Problem. Löst es nicht.

Das Konzept der symmetrischen und komplementären Differenzierung ist sicher nicht geeignet, zwischenmenschliches Verhalten ausreichend zu beschreiben. Jede komplementäre Beziehung hat symmetrische Elemente und umgekehrt. Dieses Bild ist eher eine Faustregel, ein Merksatz für komplexen Erscheinungen. Es hat aber Vorteile.

  1. Es erklärt einem Beobachter relativ schnell Abläufe, die sonst vollständig rätselhaft wären.

  2. Es vermeidet die fatale Suche nach einer Ursache. Jede Handlung ist Folge einer Ursache, die wieder Folge einer Ursache ist, bis eine Ursache nicht mehr festzustellen ist. Oder: Jede Handlung ist Ursache von sich selbst, weil sie sich über die (unvorhersehbare) Reaktion des anderen selbst verstärkt. Der Fokus der Beobachtung liegt also nicht auf Ursache und Wirkung sondern auf zusammengehörigen Entwicklungsmustern.

  3. Es zeigt, dass jede Handlung eine Wirkung hat, die wieder Ursache einer Wirkung ist. Diese Wirkungsketten können zu eingespielten Abläufen führen. Wenn man das Muster dieser Abläufe verstanden hat, kann man das weitere Geschehen relativ leicht vorhersagen.



Vom konstruierenden System

Dafür, dass im zwischenmenschlichen Zusammenhang ein Geschehen sich selbst verursachen kann, zwei Beispiele:

  1. Stellen Sie sich einen Morgen vor, an dem sie noch nicht so richtig in die Gänge gekommen sind, stimmungsmäßig solala, nicht Fisch nicht Fleisch. Ihr(e) Partner(in) fragt: "Sag mal, bist Du heute schlecht gelaunt?" "Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Warum fragst Du?" "Ach, Du siehst nur so aus". Die Frage Ihres Gegenübers bleibt sicher nicht ohne Folgen auf Ihre Stimmung. Und es kann gut sein, dass allein die Frage nach Ihrer Stimmung die Stimmung erzeugt, nach der gefragt wurde. Die Frage nach der schlechten Laune erzeugt die schlechte Laune.

  2. Mütter von alleinerzogenen Kindern wissen, dass Kinder von alleinerziehenden Müttern oft "psychologische Probleme" haben. Das haben sie gehört und akzeptiert. Denn das Kind braucht doch den Vater. Und fast alle alleinerziehenden Mütter haben deshalb ein schlechtes Gewissen. Das erzeugt in der Familie den Eindruck, dass am bestehenden Zustand etwas nicht in Ordnung wäre, eine Atmosphäre der Unsicherheit. Auf diese Atmosphäre reagiert das Kind mit ungewöhnlichem Verhalten. Es entspricht damit den Erwartungen der Mutter. Um es ihr Recht zu machen, muss es auffällig sein. Die kleinste Auffälligkeit wird aber das schlechte Gewissen der Mutter verstärken, was wieder zu einem auffälligeren Verhalten des Kindes führt, was das schlechte Gewissen der Mutter wieder verstärkt. Die Erwartung erzeugt das erwartete Verhalten.

Es lohnt sich, diesen Mechanismus genauer zu untersuchen. Dazu muss man wissen, dass wissenschaftliche Untersuchungen in der Medizin oft falsch oder unzulänglich sind, oder die Ergebnisse können in anderen Experimenten nicht bestätigt werden. Es kann sein, dass die Anzahl der untersuchten Personen zu klein war, dass die Personen falsch ausgewählt wurden, dass die Untersuchungs-methode unzureichend war, die Statistik kann nicht stimmen. Die Fehlermöglichkeiten sind unendlich groß und es ist bei gewissenhaftem Vorgehen keine Schande, zu einem Ergebnis zu kommen, das sich bei späteren Untersuchungen nicht bestätigt. Ärgerlich sind allenfalls grobe Nachlässigkeiten oder Betrug. So wurden zwei Generationen von Kindern mit Spinat geplagt, weil in einer Untersuch ein Komma falsch gesetzt wurde. Man vermutete zehn mal so viel Eisen in ihm. Mindestens ein Mal die Woche sollte jedes Kind Spinat essen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis der Irrtum bemerkt wurde. Und auch als er bemerkt wurde dauerte es sehr lange bis Spinat nicht mehr als ein Eisenlieferant betrachtet wurde. Ein anderes bedeutsames Forschungsergebnis war die Erblichkeit der Intelligenz, die ab den dreißiger Jahren als gesichert galt. Es war eine wichtige Erkenntnis, die die Schulpolitik in Amerika, aber auch in Europa beeinflusst. Das Besondere daran war jedoch, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse, die bis in die siebziger Jahre dazu veröffentlicht wurden, alle gefälscht waren.

Zurück zu den Problemen alleinerzogener Kinder. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen besitzen ein Eigenleben. Durch die Verbreitung der Ergebnisses in den Medien, durch den unermüdlichen Einsatz aller Helfer, sei es der Verwandten, der Nachbarn, der Lehrer oder der Kindergärtnerinnen, wurde dieses Ergebnis Gemeingut. Jeder weiß, dass es so ist. Man weiß es ebenso sicher wie, dass Spinat eisenhaltig, Intelligenz erblich und Salz schlecht für den Blutdruck ist. Und wie Hypertoniker salzarm leben oder Kinder Spinat essen müssen, so benötigen alleinerzogene Kinder unser ganzes Mitgefühl. Damit werden diese Kinder aber in die soziale Auffälligkeit gezwungen.

Dabei kommt es zu einem interessanten Phänomen: Selbst wenn die erste psychologische Studie über diese Kinder falsch gewesen sein sollte, so kam es durch ihre Verbreitung zu einer Änderung des sozialen Verhaltens. Die zweite Studie würde dann in der Tat feststellen: Alleinerzogene Kinder sind auffällig. Es wäre dies ein selbsterzeugtes Ergebnis, das im Nachhinein niemals überprüft werden kann. Im Gegensatz dazu sind dem Spinat die Untersuchungen egal. Er ändert seinen Eisengehalt nicht. Das ist der Unterschied zwischen rekursivem und linearem Geschehen. Und die Psychologie ist eine Wissenschaft, die sich in einem rekursiven Austausch mit der Gesellschaft befindet, nicht vergleichbar mit der Physik. Man kann etwas überspitzt, aber mit einem gewissen Recht sagen, dass die Psychologie die Ergebnisse erzeugt, die sie findet.

Solche Mechanismen sind unter dem Begriff der sich selbst erfüllenden Prophezeiung schon lange bekannt. Damit ist nicht das plumpe Beispiel gemeint, dass jemand sein Horoskop in der Zeitung liest, in dem steht, dass ein Unfall droht und dann vor Schreck vors Auto läuft. Das sind ausgedachte Fälle. Das klassische Beispiel der selbsterfüllenden Prophezeiung ist der Lehrer, dem gesagt wurde, dass der eine Schüler gut ist und der andere schlecht. In der Regel kommt es dann tatsächlich so, völlig unabhängig davon, wie die Schüler vorher waren. Nicht weil der Lehrer falsch bewertet. Es kommt einfach so. Der Lehrer bringt dem einen Schüler ein gewisses Vertrauen entgegen, dem anderen einen gewissen Vorbehalt. Die Schüler reagieren darauf in einer Weise, die in seine Erwartung passt, oder das Verhalten der Schüler wird entsprechend der Erwartung umgedeutet. Das verstärkt die Haltung des Lehrers, was die Reaktion des Schülers verstärkt.
Im Gegensatz zu der Selbsterfüllung beim Lesen des Horoskops kommt es im Verhältnis Lehrer-Schüler zu einem ständigen Austausch, wobei eine bestimmte Rolle sich immer stärker einspielt.

Dies ist auch die Ähnlichkeit mit der Schismogenese. Durch eine einfache Bemerkung, durch eine scheinbar belanglose Tat können Reaktionen in Gang gesetzt werden, die sich gegenseitig verstärken und weitreichende Folgen haben können. Da jede noch so kleine Handlung zu derartigen Konsequenzen führen kann, ist die Frage von Ursache und Wirkung in einem solchen Reaktionsgewebe willkürlich. Ursache ist immer abhängig von den Faktoren, die man in Betracht zieht.

Wir können diese selbstverursachenden Meinungen gar nicht vermeiden, denn wir alle haben unsere (Vor-)Urteile. Und wir können ja gar nicht wissen, was ein Vorurteil und ein Urteil ist, weil das Vorurteil sich selbst bestätigend zum Urteil wird. Das Wort wird Fleisch, der Gedanke zur Tat. So entstehen gesellschaftliche Muster.

Vom System zum Chaos


Der Schmetterlingseffekt der Chaostheorie beschreibt genau in derselben Weise, wie es von kleinen Ursachen zu ungeheuren Effekten kommen kann.

Die Beschreibung dieses Effektes stammt aus der Wetterforschung. In Computersimulationen wurde festgestellt, dass eine geringfügige Änderung der eingegeben Daten zu ganz anderen Wettervorhersagen führte. Das alte Modell: großer Eingriff = große Änderung ist einfach falsch. Selbst minimale Unterschiede können ungeheuere Konsequenzen haben. Dies hat zu dem viel zitierten Satz geführt: "Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Peking kann einen Sturm in New York auslösen."

Auch in sozialen Systemen, das war unser Ausgangspunkt, kann die geringste Handlung eine ungeheure Wirkungen haben. Eine Übertragung des Schmetterlingseffektes auf Geschichtsabläufe könnte folgendermaßen lauten: Hätte jemand Hitlers Mutter zum richtigen Zeitpunkt einen Blumenstrauß geschenkt, wäre der zweite Weltkrieg nicht ausgebrochen oder hätte eine viel mildere Form angenommen.

Solche Zusammenhänge lassen sich konstruieren, aber, und das ist das Hauptproblem, sie lassen sich nicht beweisen. Die Beweisbarkeit des ursächlichen Zusammenhangs ist in Systemen schlicht nicht möglich Der Wettercomputer kann ausrechnen, dass eine minimale Änderung der Datenmenge in Peking ein anderes Wetter in New York verursacht. Aber das sind Spielereien am Computer. Das Wetter ist, wie es ist. Und eine Wettervorhersage wird in der Zwischenzeit so erstellt, dass verschiedene, leicht unterschiedliche Daten in das Simulationsmodell eingegeben wird. Die "richtigen" Daten gibt es nicht und kann es nicht geben, weil das Wetter viel zu komplex ist, als dass es mit Modellen beschreibbar ist. Es handelt sich hier um das Problem der Landschaft und der Landkarte.

Selbstverständlich gibt es Eingriffe ins Wetter. So wurden in der Sowjetunion vor der Maiparade die Wolken um Moskau besprüht, damit sie außerhalb der Stadt abregnen und die Parade trocken marschieren kann. Mit Sicherheit hat dies zu einer Änderung des Weltwetters beigetragen. Aber zu welcher? Das lässt sich nicht beweisen. Die Frage ist nicht beantwortbar. Die systemische Betrachtung ist von der Unwißbarkeit und der Unbeweisbarkeit der Konsequenzen geprägt.

Dazu ein paar Beispiele aus der Welt der Polizei:

Was ist ein guter Polizist? Einer der Verbrecher fasst oder einer der Verbrechen verhütet? Nach unserer heutigen Logik ist es der Polizist, der Verbrecher fasst, denn das Verhindern von Verbrechen ist nicht nachweisbar.

Stellt man eine Blitzanlage unsichtbar hinter einer Brücke auf, so erwischt man viele Schnellfahrer. Stellt man eine Blitzanlage gut sichtbar vor dem Zebrastreifen einer Volksschule auf, so erwischt man vielleicht niemanden, rettet aber eventuell das Leben eines Erstklässlers. Welche Anlage ist effektiver? Selbst wenn man diese Hypothese unter rein volksökonomischen Gesichtspunkten sieht, ist die unfallverhütende Blitzanlage ökonomisch günstiger, weil sie Krankenhaus- und Folgekosten verhindert. Die lineare Denkweise aber sagt: Die Blitzanlage vor der Schule ist Unsinn. Da erwischen wir ja keinen! Eine unfallverhütende Wirkung ist höchstens statistisch durch eine größere Anzahl von Pilotprojekten vermutbar.

Etwas vielschichtiger ist der Fall eines 16jährigen Jugendlichen, der gerade dabei war den Motorradführerschein zu machen. An einem Abend, nachdem sie Bier getrunken hatten, entschlossen sich sein Freund und er zu einer kleine Tour auf dem Motorrad. Dabei wurden sie von der Polizei erwischt. Delikt: Fahren ohne Führerschein, Fahren mit Alkohol (1,0 Promille). Das ist ein doch ein guter Fang für die Polizei.
Dieser Junge war das, was man ein Problemkind nennt. Er war sehr eigensinnig, leicht reizbar und zog es vor, nach seinem eigenen Gutdünken zu handeln. Er war schon von mehreren Schulen gewiesen worden. Schließlich kam er in eine therapeutische Wohngemeinschaft, wo sein Entwicklung wieder eine erfolgversprechende Richtung genommen hatte. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt. Der alkoholisierte Ausflug war eher ein Rückfall in alte Zeiten.
Er schilderte, wie er von der Polizei auf die Wache mitgenommen wurde und dort mit demütigenden und provozierenden Fragen über 2 Stunden traktiert worden war. Natürlich ist nicht festzustellen, ob diese Provokation Ausdruck seiner Empfindlichkeit waren oder ob die Polizisten dem "Früchtchen" einfach zeigen wollten, wer hier das Sagen hat. Beides ist gut denkbar.

Hier möchte ich den Faden etwas weiter zu spinnen:
Hätte er bei der Polizei die Nerven verloren und wäre heftig geworden, dann wäre noch das Delikt "Widerstand gegen die Staatsgewalt" dazugekommen. Damit hätten die Polizisten einen noch besseren Fang gemacht. Er hätte tätlich werden können und ein paar Jahre vorher wäre er auch noch tätlich geworden. Es wäre es zu einer Verurteilung gekommen, die er als ungerecht empfunden hätte, weil die Polizisten ihn ja, zumindest nach seiner Wahrnehmung, provoziert hatten. Eine solche Eskalation des Zustandes hätte ihn leicht wieder auf die "schiefe Bahn" gebracht, von der er gerade runter gekommen schien.
Das Verhalten der Polizisten in dieser Situation, kann, das ist die "chaotische" These, Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben. Dieser Jugendliche könnte in eine die Spirale von Gewalt und Gegengewalt abgleiten. In seinem Gefühl, vom System ungerecht behandelt worden zu sein, könnte er Kontakt zu kriminellen Zirkeln suchen. Gerade in solchen terroristischen Gruppen fände er die Bestätigung, dass sich der Kampf gegen das System auf breiter Front lohnt. Dass eine solche Gruppe von wenigen Leuten eine ganze Gesellschaft ändern kann, haben die Aktionen der Bader-Meinhoff-Gruppe bewiesen.
Das freundliche Verhalten eines Polizisten in einer solchen Situation kann die Ermordung des Innenministers 5 Jahren später verhindern.

Es kann aber genau das Gegenteil eintreten: Durch eine zu nachlässige Behandlung des Jugendlichen wird er ermutigt, sich weiterhin ganz nach seinen eigenen Normen zu richten. So könnte er 2 Jahre später wieder eine Alkoholfahrt mit dem Auto unternehmen, bevor er den Führerschein hat und dabei einen Verkehrsunfall mit 3 Toten verursachen. Die Kinder des dabei getöteten Familienvaters könnten auf die "schiefe Bahn" kommen, sich einer kriminellen Vereinigung anschließen und den Innenminister ermorden.
Das ist der Schmetterlingseffekt: Das Verhalten der Polizisten in einer solchen Situation kann den Tod des Innenministers verursachen.

All diese Dinge sind nicht wißbar. Sie sind auch nicht vorhersehbar. Dennoch sind in chaotischen Systemen Muster erkennbar, Organisationsprinzipien nachvollziehbar. Diese Prinzipien werden in der Chaosforschung Attraktoren genannt.

In sozialen Systemen bildet sich Muster heraus, weil Lebewesen aufeinander regieren. Die Attraktoren dieser Musterbildung können mit den Begriffen symmetrisch und komplementär beschrieben werden.

So habe ich eine Bekannte, die mit ihrem Freund ein komplementäres Verhältnis hat, was die Enge ihrer Beziehung betrifft. So lange ein lockerer Abstand besteht, geht alles gut. Sucht einer von beiden mehr Nähe, zieht der andere sich zurück. Das kränkt den einen und sie trennen sich. Damit ist der Abstand zu weit und man kann ganz ruhig abwarten, bis sie wieder zusammenkommen. Das geht natürlich nicht so ganz komplikationslos vor sich. Es kann sein, dass jeder ein neues Verhältnis eingeht, das aber nur kurze Zeit dauert. Schließlich kehren sie zum alten Zustand zurück. Dies wird in der Chaosforschung das Strecken und Falten des Attraktors genannt. Das Paar geht weiter auseinander (Strecken), kommt wieder näher zusammen (Falten), um wieder in eine bestimmten kurzzeitigen "richtigen" Zustand überzugehen, der einem komplementären Ziehmichschiebdich-Verhältnis entspricht. Diese Phasen des Entfernens und Zusammenkommens sind nicht vorhersehbar, chaotisch, da sie von vielen Faktoren beeinflusst sind, die nicht Teil des beidseitigen Verhältnisses sind. Das sind die finanziellen Verhältnisse, die arbeitsbedingten Abwesenheiten, die Verfügbarkeit eines anderen Sexualpartners, Reisen und anderes. Was sich jedoch gleich bleibt ist das Muster.

Wird so ein Muster graphisch dargestellt, so erhält man ein Fraktal. Eines der Kennzeichen des Fraktals ist, dass es selbstähnlich ist. Welche Sequenz wir im Leben dieses Paares beobachten ist gleichgültig. Es handelt sich immer um dasselbe Muster. Die einzelnen graphischen Punkte (auf dem Fraktal) oder die einzelnen Fakten (in der Biographie) sind völlig verschieden. Und trotzdem: alles ähnelt sich in verblüffender Weise. Die Selbstähnlichkeit der Fraktale geht aber noch einen Schritt weiter: Nicht nur ähneln sich alle Abschnitte des Fraktals, auch jedes einzelne Teil, wenn man es vergrößert, ähnelt dem Ganzen. Das traditionelle Beispiel dafür sind die Küstenformationen. Eine Steinküste schaut immer irgendwie gleich aus, gleichgültig ob man einen Ausschnitt von 100 km, von 100 m oder von 1 cm betrachtet. Vorausgesetzt es sind immer noch die gleichen Organisationsprinzipien. Sand- und Felsküste haben natürlich andere Attraktoren.

Diese fraktale Selbstähnlichkeit in der Biographie eines Menschen zu erkennen ist etwas schwieriger, aber durchaus möglich. So sind (gelegentlich) dieselben Prinzipien erkennbar, wenn man die gesamte berufliche Entwicklung eines Menschen beobachtet oder die Art, wie er ein Flugticket im Reisebüro kauft. Auch bei kleinen Kindern sieht man ein bestimmtes Verhaltensmuster, das sich im Erwachsenenalter genau so wiederfindet, obwohl nichts vergleichbar scheint.

Die Wiedererkennung von Mustern ist eine faszinierende Angelegenheit. Vielleicht liegt es an der linearen Logik unserer heutigen Zeit, dass wir eher Wert auf eine formale Identität legen als uns mit den Mustern beschäftigen.


zitierbar: Ivanovas G (2001): Schismogenese oder Gefahr für den Innenminister. http://www.ivanovas.com/texte.html

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