Die Kunst des Sehens

Ein Abend beim Maler






Wenn ich, was ja gelegentlich vorkommt, gefragt werde, was ich für meine größte Qualität halte, so antworte ich: "Daß ich nichts weiß". Und so photographiere ich.

Ich photographiere gerne Künstler und Kunsthandwerker und nie weiß ich, was ich eigentlich machen möchte. Das hat seine ganz eigene Faszination. Ich betrachte Gegenstände, Personen, Situationen mit ganz anderen Augen, fast so als sähe ich sie zum ersten Mal. Was ist ein Pinsel, ein Farbkasten, ein herumstehendes Glas? Sie sind Ausdruck eines Prozesses, den ich nicht kenne und den ich durch mein schwarz-weißes Auge auf ganz neue Weise entdecken möchte.

Ich arrangiere nichts. (Wer arrangiert, der weiß und verändert den Prozeß). Gelegentlich nehme ich eine Flasche oder einen Stuhl aus dem Blickfeld. Das sind die einzigen Eingriffe in den Ablauf, die ich mir gestatte.

Natürlich habe ich zu den Vorgängen, die ich festhalten möchte, eine Meinung, Vorurteile. Aber ich weiß ja nicht, was Urteile und was Vorurteile sind. Das läßt sich ja immer erst im Nachhinein feststellen. Heinz von Foerster sagt: "Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen."

Und beim Photographieren besteht immer die Gefahr, das Nichtsehen zu photographieren, vor allem, wenn man versucht, eine Situation abzubilden. Aber das funktioniert nie. Es ist immer ein Ausschnitt, eine Stimmung, ein Charkaterzug, der abgebildet wird. Und da ich weiß, daß es unmöglich ist, das Ganze zu erfassen, suche ich Details, Ausschnitte, in denen ich das, was ich finde, suche.
Was gibt es bei einem Maler zu photographieren und dann noch in Schwarzweiß?
Ich war bei Allgaiers zu einem Malabend eingeladen. Dort treffen sich einmal die Woche Kollegen und Freunde um zu malen. Das Modell sollte eine Schwangere im letzten Monat sein. Die hatte aber am Morgen entbunden, so daß nur die Allgaiers (Susanne und Richard), ein Freund und ich da waren.

Ich hatte zu Richards Malerei immer ein distanziertes Verhältnis, konnte nicht so recht was damit anfangen. Das störte unsere gute persönliche Beziehung jedoch nicht. Nur zwei Bilder fand ich phantastisch, ein Bild hatte er uns geschenkte, als wir aus Deutschland wegzogen. Es waren einfach ein paar farbige Linien, die er, wie er später sagte, in zehn Minuten hingemalt hatte. Sie drückten die Gefühle der damaligen Situation für mich sehr gut aus. Ein anderes war das Bild eines Dorfes in Oberschwaben, was in mir das Gefühl von Heimat auslöste. Seine anderen Bilder: Na ja.
An diesem Malabend standen sich die drei Künstler gegenseitig Modell, d.h. einer stand, die anderen beiden malten. Das ging so 5-10 Minuten, dann wurde die Pose oder das Modell gewechselt. Was mir auffiel war eine dichte Stimmung, eine kreative Spannung, die mich ein wenig an Bohème erinnerte. Ich suchte nach meinen Motiven. Woran konnte ich diese Spannung konkretisieren? In den Beinen des Malers! Welch interessanter Gedanke. Das Bild entsteht nicht im Kopf oder in der Hand, es braucht den richtigen Stand.




Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der beste Platz, um die Maler zu photographieren der Platz des Modells ist. Also stand ich mit Kamera Modell und machte währenddessen meine Photos.

Nachdem dieser Wechsel von Modell und Maler etwa zwei Stunden weitergegangen war und sich die Bilder allmählich stapelten, kam mir das ganze Geschehen immer seltsamer vor. Und ich fragte: "Was macht Ihr da eigentlich? Wozu ist das Ganze gut?"

Richard antwortete: "Das ist reines Training. Wenn es mal darauf ankommt muß ich schnell sein. So bleibe ich in Übung. Wenn ich ein halbes Jahr nicht so trainiere, dann macht die Hand nicht mehr, was der Kopf will".

Irgendwann verabschidete ich mich und erhielt von Richard noch das Aquarell von mir, wie ich photographiere.

Von den entwickelten Photos, war ich begeistert. Noch nie, schien mir, hatte ich so intensive Photos gemacht. Ich zeigte sie einer Freundin, die von den Photos so fasziniert war, daß sie sofort ein Bild von Richard kaufte, weil sie plötzlich die Spannung der Photos in seinen Bildern wiedersah. "Ich dachte immer", sagte sie, "daß Richard so da sitzt und vor sich hinmalt." Das war genau das Vorurteil, das ich vor dem Malabend bei Allgaiers auch hatte. Das hatte ich abgelegt, aber noch immer sah ich nicht, daß ich nicht sah.

Einige Abende später saßen wir wieder beisammen, um uns die Photos anzusehen, und da war sie wieder, diese kreative Spannung.

Richard erzählte von einer Kustakademie, bei der Modelle bis zu einer Stunde die gleiche Position einnehmen. "Wie langweilig, wenn man so viel Zeit hat", meinte er. "Und was sind das für Posen, die man so lange aushalten kann?".

Und Susanne meinte: "Es benötigt schon ein ungeheures Training, um dem Menschen näher zu kommen." Sie meinte damit die Magie des Augenblicks, die ich ja auch auf meine Art einzufangen trachte. Sie sagte: "Jeder Abend hat seine ganz eigenen Charakter, seine eigene Farbe."

Erst dann begann ich zu sehen, was ich die ganze Zeit nicht gesehen hatte: Die Intensität des Augenblicks, die Faszination am Moment des Geschehens, war, was Richard in seinen Bildern festzuhalten versucht. Er sagt: "Wenn ich eine Landschaft male, so ist es ja gar nicht moglich, ein einfaches, zusammenhängendes Bild zu malen. Denn nach einer Stunde oder gar nach einem Tag ist es ja nicht mehr dieselbe Landschaft, das Licht, das Wetter,die Stimmung haben sich verändert.

Und plötzlich sah ich auch in Richards anderen Bildern: einen vergänglichen Punkt im Zeitstrom, den nie gelingende Versuch, eine Gegenwart festzuhalten. Etwas, das mit dem Photo so wenig möglich ist wie mit einem Gemälde, auch wenn die Verschlußzeit der Kamera noch so kurz ist. Was bleibt ist die Beschreibung eines Augenblicks, ein Aquarell, ein Photo, eine Erinnerung, vielleicht ein Geschmack?









Den Text als PDF-Datei mit anderen Photos und Bildern von Richard gibt es auf Allgaiers Homepage

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