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Warum versteht das keiner?

Vom Sinn und Unsinn der Information
Vortrag auf der LEARNTEC, Karlsruhe, 31.1.2001




Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen heute einen Vortrag über Information halten. Das ist insofern spannend, da ich selbst eigentlich keine Ahnung habe, was Information ist. Ziel meines Vortrags ist es darüber hinaus, dass Sie am Schluss auch nicht mehr so genau wissen, was Information eigentlich ist.

„Wozu soll das gut sein?“, werden Sie fragen. Nun. Ein klares Konzept was Information nicht ist und was es sein könnte führt zu überraschenden Resultaten und ist ein gutes Werkzeug, Lehr- und Lernkonzepte, einschließlich all dieser computergestützten Programme, auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Probieren Sie es aus!


Ich möchte Informationskonzepte in triviale und nicht triviale Konzepte einteilen.


Triviale Konzepte

Das klassische Modell der Informationstheorie geht auf Claude Shannon zurück, der in den Fünfziger Jahren bei den Bell Laboratories, also einer Telephongesellschaft, dieses Modell entwickelte:



Die Idee ist, dass eine Information von einem Sender ausgeht und in einem Transformator in eine andere Form gebracht wird. Dann wird sie durch einen Kanal geschickt, in einem anderen Transformator retransformiert, um dann zum Empfänger zu kommen. Das Modell passt ideal für das Telephon. Die Schallwellen des Sprechers werden im Telephongerät in elektrische Impulse umgewandelt, durch ein Kabel geschickt, im anderen Telephongerät wieder in Schallwellen umgewandelt, um so beim Hörer anzukommen.

Alles was diese Übertragung stört wird als Rauschen bezeichnet. So können, wenn ich mich mit einem Freund verabreden will, meine Kinder im Hintergrund ständig Schreien und die Frau meines Freundes kann ihn dauernd fragen, mit wem er spricht. Außerdem haben meine Kinder das Telephon mehrfach hingeworfen, so dass es ununterbrochen knackt. All das ist Rauschen, das verhindert, dass mein Freund versteht, dass wir uns heute treffen wollen und mich morgen erwartet.

Etwas schwieriger ist das Modell auf den Brief anzuwenden, den ich meiner Tante schreibe: Ich schreibe (Transformation), die Post (Kanal) transportiert den Brief zu meiner Tante, die ihn liest (Transformation). Nun schreibe ich sehr unleserlich, der Briefträger passt nicht auf und es regnet auf den Brief und darüber hinaus kann meine Tante nur noch sehr schlecht lesen. All das ist Rauschen und kann zu einer Vielzahl von Missverständnissen führen.

Die spannende Frage ist jetzt: Wo steckt eigentlich die Information


Es ist wie bei dem Witz, des Mannes, der sagt: „Das Rezept meines Arztes ist phantastisch. Ich repariere damit das Radio, meine Frau kocht danach, mein Sohn bekommt damit eine Verbilligung bei der Buslinie und meine Tochter spielt es auf der Geige.“

In der Informationstheorie wird allgemein akzeptiert, dass das was beim Empfänger ankommt die Information ist. Das was beim Sender weg geht kann man als Signal bezeichnen. Das ist auch leicht verständlich. Wenn Sie einen Satellit in eine Umlaufbahn um den Jupiter bugsieren sollen, er aber in Richtung Wega abdriftet, wird es Ihnen nichts nützen, wenn Sie sagen, dass Sie das richtige Signal abgeschickt haben. Ein Untersuchungsausschuss, der den Verlust der 40 Mio. $ teuren Sonde klären soll, wird ihnen haargenau nachweisen, wo Sie nicht ausreichend auf das Rauschen der Sonnenflecken, der Planetengravitation usw. geachtet haben.
Dieser Ansatz entsprich dem „hermeneutischen Prinzip“ Heinz von Foersters das lautet: Der Hörer und nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Aussage.

Wer sich nur annähernd auf die Bedeutung dieses Informationskonzept einlässt, kommt zu völlig neuen Ergebnissen. Wenn man mit diesem Konzept z. B. untersucht, was ein Schultest ist oder die Abfrage von Wissen in einem computergesteuerten Programm kommt man informationstheoretisch zu einem überraschenden Schluss:



Es ist nicht nur so, dass der Lehrer seine eigene Fähigkeit testet, Wissen zu vermitteln. Es soll eigentlich gar keine Information kreiert werden, sondern die Signale sollen möglichst ohne durch Rauschen gestört zu werden durch den Kanal des Schülers hindurchgehen.

Doch damit nicht genug. In einem Familienstreit kommt es ja immer wieder zu der Situation: „Das hast Du gesagt – Nein, das habe ich nicht gesagt“. Das haben Sie wohl alle schon erlebt. Dabei stellt sich oft heraus, dass der Auslöser des Streites gar nicht das war, was gesagt wurde, sondern was gemeint wurde. Noch komplizierter wird es, wenn wir akzeptieren, dass Männer und Frauen einen anderen Sprachtransformator besitzen, dass also eine Aussage für beide einen ganz anderen Informationsgehalt haben.
Sie: Gehst Du heute mit mir aus? Er: Ja. Sie: Das hört sich aber gar nicht überzeugend an! Er: Doch, mache ich aber gerne! Sie: Das letzte mal hast Du es auch so gesagt, warst aber den ganzen Abend schlecht gelaunt.
Dieses komplexe Gefüge von Interaktion, in dem Information nicht nur aus der scheinbaren Aussage sondern auch aus der Metainformation besteht, die geschlechtsspezifisch verschieden interpretiert wird und darüber hinaus noch vergangenheitsabhängig ist, lässt sich mit dem Shannonschen Modell kaum noch beschreiben.

Bateson hat eine schöne Definition von Information geprägt, die weitgehend akzeptiert worden ist: Der Unterschied, der einen Unterschied ausmacht. Dass aber auch diese Definition nicht stimmt, darauf hat Bateson selbst ständig aufmerksam gemacht, indem er sagte: Ein nicht geschriebener Brief kann eine größere Information sein als ein geschriebener Brief. Also ein Nicht-Unterschied macht einen Unterschied aus. Auch kann es sein, dass eine Nachricht, ein gelesenes oder gehörtes Fakt über viele Jahre in den Tiefen unseres Gedächtnisses schlummert, um dann bei einem bestimmten Anlass eine Änderung unseres Verhaltens zu bewirken.


Rekursivität – Abschied vom Trivialen


Um in einem Empfänger eine bestimmte Information zukommen zu lassen, also eine Änderung in ihm zu erzeugen, muss ich zunächst einmal wissen, wo er sich befindet, was und wie er denkt. Ich benötige also Informationen vom Empfänger, um als Sender tätig zu werden. Das gilt für den Lehrer, der einem Schüler etwas vermitteln will ebenso wie für den Offizier, der, wenn er den Befehl: „Rechts um! Marsch!“ gibt, wissen muss, dass rechts kein Abgrund ist, dass es die richtigen Soldaten sind und sie auch bereit sind, ihm zu folgen.

Der Sender wird zum Empfänger und der Empfänger zum Sender. Diese Rekursivität, die ja das Grundprinzip kybernetischer Abläufe ist, stellt die Voraussetzung für die Erzeugung von Information dar. Der Sender lässt sich vom Empfänger nicht mehr in trivialer Weise trennen sondern beide sind Teil einer Interaktion.



Nicht triviale Konzepte



Sie sehen hier zwei Photos von dem selben Vogel. Es ist ein Gänsegeier, einer der größten Vögel Europas:

Bitte entscheiden Sie für sich, welches dieser beiden Photos mehr Information enthält.

Es gibt vier Möglichkeiten sich zu entscheiden, wobei keine richtiger ist als die andere.


  1. Beide Photos enthalten keine Information: Das heißt, Sie spielen das Spiel einfach nicht mit. Da Sie als Empfänger ja über den Informationsgehalt eines Signals entscheiden, haben Sie natürlich recht. Es ist sozusagen eine self fulfilling prophecy. Sie wollen, dass diese Photos keine Information besitzen, also besitzen sie keine.

  2. Beide Photos enthalten dieselbe Menge an Information: Sie können z.B. sagen, dass beide Photos dieselbe Menge an Pixels haben. Sie nehmen also ein Kriterium und anhand dieses Kriteriums kommen Sie zu dem Schluss, dass beide Photos denselben Informationsgehalt haben. Es gibt eine ganze Kategorie von Witzen, die nach diesem Prinzip aufgebaut ist. „Was ist der Unterschied zwischen einer Blondine und einer Bierflasche?“ Und Sie werden ein Kriterium finden, weshalb beide gleich sind. Dasselbe Prinzip funktioniert auch umgekehrt. „Was ist der Unterschied zwischen einem Auto und Klopapier? Autos kann man gebraucht kaufen.“ Es ist also ein von Ihnen angelegtes Kriterium, das über Information und Nicht-Information entscheidet.

  3. Das rechte Photo enthält mehr Information: Das ist die häufigste Wahl. Dabei wird ebenfalls wieder ein Kriterium vorausgesetzt, das über Information und Nicht-Information entscheidet. Das rechte Photo hat mehr Information, wenn es um die Taxonomie geht, um die Wiedererkennbarkeit. Es entspricht unserer Zeit, dass Signalen der Einordenbarkeit den höchsten Informationsgehalt zugeschrieben wird.

  4. Das linke Photo enthält mehr Information: Dieser Minderheit gehöre ich an. Dieses Photo drückt für mich die majestätische Art aus, wie ein Geier segelt. Es ist eher ein Stimmungsbild. Für mich persönlich ist diese Stimmung die größere Information


Das Interessante an dieser Betrachtung ist, dass wir schon entschieden haben, was eine Information ist, bevor wir die Bilder betrachten. Es ist meine Fragestellung, mein Ansatz, der entscheidet, ob ich aus einem Bild oder einer Aussage eine Information mache. Ich sende sozusagen eine Frage an das Bild, das mir eine Antwort gibt. Information ist das, was ich für eine Information halte. Daraus folgt, dass jede Wahrnehmung schon ein rekursiver Prozess des Sendens und Empfangens ist.

Information, gleichgültig nach welchem Modell, kann erst durch dieses Zusammenspiel von Sender und Empfänger entstehen.

Und wenn es um die Frage des Titels des Vortrags geht: „Warum versteht das keiner?“. So ist diese Frage im Rahmen des Zusammenspiels nur umzuformulieren: „Warum verstehe ich nicht?“



zitierbar: Ivanovas G (2001): "Warum versteht das keiner!" - Vom Sinn und Unsinn der Information. Beck U, Sommer W (Hrsg) Learntec 2001, Tagungsband 2,, Kasrlsruher Kongreß- und Ausstellungs GmbH: Karlsruhe 445-450


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