Auf der Suche nach dem verbindenden Muster.

The pattern that connects ist die Grundideen von Gregory Bateson. Er hat danach geforscht wie Proust nach der verlorenen Zeit. Für den war Zeit, wie er auf vielen Seiten vorführt, nichts anderes, als ein verbindendes Muster. Eine scheinbare Individualität ist symbolisch mit allen Vorgängen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft.

Bateson dagegen suchte nach homologen Ähnlichkeiten in allen Lebensbereichen. In Geist und Natur schreibt er: "Welches Muster verbindet den Krebs mit dem Hummer und die Orchidee mit der Primel und alle diese vier mit mir? Und mich mit ihnen? Und uns alle sechs mit den Amöben in einer Richtung und mit dem eingeschüchterten Schizophrenen in einer anderen?"

Dieses Zitat ist sozusagen eine Landkarte seines wissenschaftlichen Lebens. Es zeigt auch das verbindende Muster zu seinem Vater, der als Biologe ähnliche Studien gemacht hatte und immer wollte, dass sein Sohn auch Biologe werde. Gregory Bateson hat sich geweigert und wurde Anthropologe. Schließlich zeigte er den ‚späten Gehorsam', wie es die Psychoanalytiker nennen, und setzte die Studien seines Vaters fort. Vielleicht hat er auch nie etwas anderes getan und ist immer dem Weg seines Vaters gefolgt, ohne dass er selbst oder andere es gewusst haben. Und der 'späte Gehorsam' war nichts anderes, als dass er dazu gestanden hat. Aber das ist nicht wissbar.

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Wer immer sich mit Familiengeschichte, mit Stammbäumen auseinander setzte (meine Tante tat dies, und ich habe mich immer geweigert ihre Forschungen zur Kenntnis zu nehmen bis sie starb), bemerkt Ähnlichkeiten in Abläufen, in der Struktur, sozusagen eine Mustertradition über Generationen hinweg. Verflucht oder gepriesen bis ins siebte Glied versuchen Ururenkel Dinge auszuleben, die Ururgroßvater und -mutter nicht konnten oder sich nicht trauten. So stehen wir manchmal am Ende eines langen Weges und fragen uns: Was um alles Welt, hat uns hierher gezwungen? Es war ein dunkler Auftrag aus vergangenen Zeiten, der noch zu erfüllen war. Aber wir wissen es nicht und wir können es nicht wissen. Wir können das Muster nicht erkennen, nicht in uns, weil wir in Tausenden von Erklärungen ein Warum finden, nicht durch andere, denn es gibt niemand, der es bezeugen kann.

Nur manchmal, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Halbschlaf tauchen diese Muster auf, die uns beherrschen.

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Ein Schriftsteller wurde von seinem Briefpartner (oh selige unelektronische Zeit) gefragt, wie lange er für einen gut formulierten Brief benötige. Er antwortete: Eine Stunde und ein ganzes Leben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In seinem Brief steckt sein ganzes Erbe (und es ist gleichgültig, ob wir dieses Erbe als anerzeugt oder erworben betrachten). Die Sprache, die Wünsche und Hoffnungen von Generationen finden sich in diesem Brief wieder. Nur wenn wir den eingeschränkten Beobachtungsrahmen einer individuellen Entwicklung postulieren, kommen wir zum selben Ergebnis wie dieser Dichter. Wenn wir aber nach Mustern und nicht nach Individualität fragen, entsteht ein anderes Bild.

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Ich habe versucht, dies in Photographien von Künstlern festzuhalten. Jeder Pinsel, die Farbe, ein Instrument, die Art einen Ton zu spielen, beruht auf dem Wissen von Hunderten Generationen vor uns. Auch wenn ein Künstler es schafft, neue Materialen, neue Techniken zu entwickeln, so baut er auf dem alten Wissen, auf den Techniken von Problemstellung und –lösung auf. Es gibt also ein Linie aus der Vergangenheit, die sich sozusagen mit dem Individuellen, dem Eigentümlichen dieser speziellen Person verbindet. Und genau dieser Kreuzungspunkt war es, den ich festhalten wollte. Ein Punkt, von dem aus das Muster entsteht. Sozusagen das Zentrum eines Mandala, bevor es das Spiel mit dem Raum aufnimmt.

Aber natürlich folge ich da auch schon wieder einem Muster und ein Außenstehender wird in meinen Photos vielleicht eine Gleichförmigkeit entdecken, die ich selber manchmal auch bemerke.

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Es gibt nichts Zufälliges. Jeder noch so kleine Gegenstand ist Ausdruck der ganzen Welt und die ganze Welt spiegelt sich darin.

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Literatur:

Bateson, Gregory Ökologie des Geistes

Bateson, Gregory Geist und Natur

Proust, Marcel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit



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