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Der Sunamitismus
oder
die Pornographie der naturwissenschaftlichen Medizin


Die üblichen wissenschaftlichen Konzepte der Medizin sind aus vielerlei Gründen nur eingeschränkt auf die Naturheilverfahren anzuwenden. Es si

nd vor allem methodologische Probleme, die sich durch das andersartige Therapiekonzept der Naturheilverfahren ergeben. Diskussionen über diese Differenzen sind in der Regel unfruchtbar. Es scheint ein tiefer Graben zu bestehen, der es unmöglich macht, das Problem überhaupt zu verstehen, geschweige, es zu lösen.

Die Therapieform des Sunamitismus erscheint mir geeignet, diese oft auftretenden Missverständnisse klarer werden zu lassen, ohne dass es zu den üblichen Konfrontationen kommt. Das mag daran liegen, dass wir geneigt sind, die Wirkung des Sunamitismus zu glauben (was wissenschaftlich ja völlig bedeutungslos ist), und dass diese Therapie in ihrer klassischen Form heute nicht mehr praktiziert wird, so dass es niemanden gibt, der anzugreifen wäre.

Auch wenn dieser Beitrag im ersten Augenblick eher wie eine Glosse anmutet, er ist es nicht. Die methodologischen Probleme, die hier aufgeworfen werden, sind sozusagen wissenschaftlicher Alltag. Sie stellen sich auf die eine oder andere Weise bei jedem regulativen Verfahren, sei es nun die TCM, d

ie Homöopathie, die Kurmedizin oder die Psychotherapie. Diese Ausführungen sind eher dazu gedacht, die immensen Schwierigkeiten darzustellen, die ein regulatives Heilverfahren hat, wenn es versuchen will, sich an einem naturwissenschaftlichen (meiner Ansicht nach falsch verstandenen) Standard messen zu lassen.

Der Sunamitismus geht auf König David zurück. Im ersten Buch der Könige 1.1-4 steht:

Als aber der König David alt war und hochbetagt, konnte er nicht warm werden, wenn man ihn auch mit Kleidern bedeckte. Da sprachen seine Großen zu ihm: Man suche unserem Herrn, dem König, eine Jungfrau, die vor dem König stehe und ihn umsorge und in seinen Armen schlafe und unseren Herrn, den König wärme. Und sie suchten ein schönes Mädchen im ganzen Gebiet Israels und fanden Abisag von Sunem und brachten sie dem König. Und sie war ein sehr schönes Mädchen und umsorgte den König und diente ihm. Aber der König erkannte sie nicht.

Nach dieser Abisag von Sunem wurde die ganze Therapierichtung benannt. (1)

Die nächste Erwähnung stammt von einem römischen Denkmal:

ÆSCULAPIO · ET · SANITATI

L · CLODIUS · HERMIPPUS

QUI · VIXIT · ANNOS · CXV · DIES · V

PUELLARUM · ANHELITU

QUOD · ETIAM · POST · MORTEM

EIUS

NON · PARUM · MIRANTUR · PHYSICI

IAM · POSTERI · SIC · VITAM · DUCITE.

"Dem Äskulap und der Sanitas setzt dies L.Clodius Hermippus, welcher 115 Jahre und 5 Tage durch die Ausdünstung junger Mädchen lebte, worüber sich nach seinem Tod die Ärzte nicht wenig wundern. Ihr Nachkommen führt euer Leben auf dieselbe Art."

Das therapeutische Setting des Sunamitismus ist relativ klar: Ein älterer oder alter Mann wird in direkten Kontakt zu jungen Mädchen gebracht. Im Idealfall schlafen sie nachts in engem Körperkontakt miteinander. Eine sexuelle Beziehung der beiden wird aber ausgeschlossen. Die Vorstellung war, dass die „Ausdünstungen“ des Mädchens einen heilenden Einfluss auf die „sinkenden Lebenskräfte“ des Alten haben.

Die wissenschaftliche medizinische Literatur setzt sich im 17. und 18. Jh. Mit dem Sunamitismus auseinander. Von den medizinhistorisch bekannten Ärzten ist vor allem Boerhaave zu nennen, der gesehen habe, wie ein deutscher Prinz auf diese Weise gerettet worden sei.

Die ausführlichste Beschreibung des Themas geht auf den Münsteraner Arzt Johann Heinrich Cohausen (1665-1750) zurück, der in dem Buch »Der wiederauflebende Hermippus oder curiose physicalisch-medicinische Abhandlung etc..« sehr genaue Angaben zu dieser Therapieform macht. Das Buch erschien 1750 zum ersten Mal, hat mehrere Neuauflagen erlebt und wurde 1979 in Amerika nochmals aufgelegt.

Im 17. und 18. Jahrhundert scheint der Sunamitismus recht verbreitet gewesen zu sein. So hat es in Paris ein entsprechendes Gewerbe mit klaren Regeln gegeben, welches Mädchen wie lange und wie oft arbeiten durfte, welche diätetischen Vorkehrungen sie zu treffen hatte usw. Die Männer, die eine solche Sunamitin in Anspruch nahmen mussten einen hohen Betrag als Pfand hinterlassen, der, wenn die Mädchen ihrer Virignität verloren, einbehalten wurde.

Der Sunamitismus wirft nun wissenschaftstheoretisch eine ganze Reihe von Problemen auf. Natürlich könnte man meinen, dies seien Probleme, die den Sunamitismus betreffen. Dies ist jedoch nicht korrekt. Diese Liste von Fragen soll auf eher spielerische Weise die Begrenztheit der Aussagekraft der üblichen Standardisierungsverfahren bei regulativen Verfahren aufzeigen.

  1. Es lässt sich klar feststellen, dass der Sunamitismus ein regulatives Heilverfahren ist. Per definitionem ist ein invasives Vorgehen beim Patienten nicht vorgesehen. Der Patient reagiert auf den Reiz (rein im Sinn der Stresstheorie von Reiz und Regulation) der jungen Frau. Oder es ist so ähnlich wie beim Aufladen einer leeren Batterie, man macht es nur so lange, bis der Motor wieder anspringt. Es geht nicht um eine längerfristige Substitution.

  2. Das Heilverfahren ist vermutlich wirksam. Dazu gibt es zunächst Berichte aus alter Zeit. Man kann auch postulieren, dass viele Kontakte von älteren Männern zu jungen Frauen eine Art unspezifischer Sunamitismus ist. Dies wird durch die Regenbogenpresse reichlich belegt. Das sind natürlich nur Einzelfälle. Eine wissenschaftliche Überprüfung entsprechend unseres heutigen Verständnisses steht noch aus.

  3. Wie könnte ein Wirkungsnachweis dieses Heilverfahrens aussehen? Man könnte einige Parameter definieren und die vor und mehrere Zeitpunkte nach der Therapie messen. Natürlich ist dieses Verfahren dadurch beschränkt, dass es (entsprechend der formalen Logik) nur Aussagen zu den Parametern zulässt und nichts über die Gesundheit des Patienten. Man könnte dieses Patientenkollektiv mit einer nicht behandelten Vergleichsgruppe korrelieren. Eine placebokontrollierte Studie ist aus technischen Gründen ja ausgeschlossen.

  4. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass der gesetzte Reiz nie identisch ist. Was an diesem Beispiel schön zum Vorschein kommt, ist, dass man sich gut vorstellen kann, dass für jeden Mann ein anderer Reiz der optimale ist, dass also ein Mädchen je nach Mann zu ganz anderen Resultaten führt. Dies ist ein wichtiger Punkt für alle regulativen Heilverfahren. Der Patient (sozusagen der nachrichtentechnische Empfänger) ist bestimmend für die Auswahl des Reizes. Insofern sind auch Ergebnisse der Kurmedizin nur mit Vorbehalt zu verwerten. Nicht jeder Patient erhält denselben Kurplan, und wenn dies aus wissenschaftlichen Gründen doch getan wird, so handelt es sich dabei um einen therapeutischen Fehler.

  5. Die nächste Problematik stellt die Standardisierung des Therapiekonzeptes dar. Bei der Durchsicht der Faktoren lässt sich erahnen, dass ein Standard eigentlich nicht aufgestellt werden kann. Ein viel zu großes Kollektiv mit viel zu langer Beobachtungszeit wäre erforderlich, um zu gesicherten Ergebnissen zu kommen. Eine solche Studie müsste schon fast Framingham - Ausmaße haben. Hier einige Punkte, die zur Standardisierung erforderlich wären. Natürlich war und ist zu diesen Fragen reichlich empirisches Wissen vorhanden, aber es ist aber nach heutigen wissenschaftlichen Kriterien unzureichend.
    • Ist es wirklich erforderlich, dass das Mädchen eine Jungfrau ist? Dies könnte natürlich nur einfach-blind getestet werden.
    • Gibt es eine Grenzalter nach unten oder oben für die Mädchen?
    • Gibt es Verbrauchserscheinungen bei längerfristigem Einsatz?
    • Gibt es eine untere oder obere Altersgrenze für Männer?
    • Gibt es eine bestimmte Indikationsliste für bestimmte Erkrankungen?
    • Gibt es ein entsprechendes Verfahren für ältere Frauen?
  6. Der nächste Punkt ist die Frage: Was wirkt? Das ursprüngliche Konzept, dass es die Ausdünstungen des Mädchens sind, werden heute auf wenig Gegenliebe stoßen. Man würde die Ergebnisse heute eher als psychogen deuten. Nun ist die Problematik der Psychogenese offensichtlich: Man kann unter diesem Deckmantel postulieren, was immer man will. Eine Suggestion, die ja häufig beim Placeboeffekt vermutet wird, scheint die Wirkung nicht ausreichend zu erklären. Man könnte natürlich mit dem Hirnscanner schauen, welche Hirnareale besonders aktiv sind. Dies könnte die Frage der olfaktorischen Genese des Heilungsprozesses untermauern oder in Frage stellen. Vielleicht meinten frühere Therapeuten mit „Ausdünstungen“ aber gar nicht eine olfaktorische Reizwirkung sondern hatten ein ganz anderes Modell im Sinn. Und entstehen solche Effekte überhaupt, wenn der Patient im Hirnscanner liegt? Und selbst wenn es gelingt, reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten, in wie weit sind sie für die Erklärung eines Heilungsprozesses relevant?

Natürlich ließe sich diese Liste beliebig fortsetzen und es würden immer mehr Ungereimtheiten zum Vorschein kommen, die bei der Standardisierung komplexer menschlicher Beobachtungen entstehen, wenn empirisch therapeutisches Vorgehen in das Prokrustes-Bett weniger messbarer Faktoren gezwängt wird.

Dass der Sunamitismus nicht mehr in die heutige medizinische und gesellschaftliche Landschaft passt, ist offensichtlich.

Sicher beruht die Wirkung des Sunamitismus auf Faktoren, die mit Sexualität zu tun haben. Insofern ist ein Vergleich mit der Sexualtherapie interessant, wie sie sich ab den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte, insbesondere da die Sexualtherapeuten immer wieder fremder Personen, meist eine Frauen, in das therapeutische Setting einbezogen haben (2). Es besteht also in mancher Hinsicht auch eine formale Übereinstimmung des therapeutischen Ansatzes. Was die beiden Verfahren jedoch trennt ist das ganz andere Verständnis von Therapie und Menschsein. Die Sexualtherapie von heute konzentriert sich sehr stark auf genitale Stimulierung, misst Veränderungen der Muskelspannung, der Hormone usw. Sie erzeugt sozusagen harte Fakten, die in Kontrollversuchen überprüft werden können. Der Sunamitismus geht von einer selbständigen Eigenregulation aus, die nur angeschoben werden muss.

Und vielleicht ist der Unterschied zwischen dem was wir Schulmedizin nennen und den regulativen Naturheilverfahren derselbe Unterschied wie zwischen einem amerikanischen Hardcore-Streifen (wo alles in Häufigkeit, Größe und Lautstärke quantifiziert werden kann) und einem französischen Liebesfilm, wo man am Ende weiß, dass etwas Ungeheures geschehen ist, was das Leben der Beteiligten grundlegend verändert, ohne dass es an bestimmten Einzelheiten festzumachen ist.

Fußnoten

1 Emil Laurent Okkultismus und Liebe, Berlin 1903, Reprint Schwarzenburg 1979 S.208 ff. Die Ausführungen zum Sunamitismus folgen diesem Buch. Die lateinische Version des Hermippus-Zitats stammt aus einem Brief Mörikes von 1860 an Karl Wolff, Rektor des Katharinenstiftes.

2 Masters, W.H und Johnson, V.E. Die sexuelle Reaktion, Reinbek 1970

Kaplan, Helen Singer Sexualtherapie, Stuttgart 1983


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