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Von der Trivialität, etwas ändern zu wollen


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Heinz von Foerster ist ein Meister der Kurzform. Seine komprimierten wissenschaftlichen Aussagen ähneln Koans.


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Koans sind jene seltsamen Fragen, die der Zen-Meister seinen Schülern stellt und auf die sie eine Antwort finden müssen. Das Verflixte ist aber, dass es auf diese Fragen keine vernünftige Antwort gibt, also keine Antwort, die aus unserer üblichen Logik und Wahrnehmung ableitbar wäre. Jeder Schüler muss seine ganz individuelle Antwort finden.

Das berühmteste Koan ist die Frage nach dem "Ton der einen Hand": Wenn wir in die Hände klatschen, so erzeugen wir einen Ton. Das ist der Ton beider Hände. Welches ist der Ton der einen Hand? Diese Frage schien mir zunächst völlig unsinnig. Mit der Zeit verstand ich, dass es hier um die Frage nach dem Subjekt und dem Objekt geht und wie dieses Zusammenspiel zu einem Geräusch und zu einer Wahrnehmung führt. Und plötzlich war die Frage auf fast alle Situationen im Leben anwendbar. Man trägt sein Koan überall hin mit.

Es geht also nicht darum eine Antwort zu finden. Das Ziel ist vielmehr, die Struktur der Wahrnehmung zu verstehen; zu verstehen, wie dieses Sinneswelt überhaupt entsteht. Und dies ändert die Wahrnehmung.

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Heinz von Foersters Aussage „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“, zu der er durch die Beobachtung der Wahrnehmungsphysiologie gekommen ist, hat die gleiche, wahrnehmungsverändernde Potenz, wenn man sich darauf einlässt wie auf ein Koan. Man muss nur Begebenheiten im Leben, vor allem die eigenen menschlichen Beziehungen, damit untersuchen.


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Bekannt geworden ist Heinz von Foerster unter anderem durch seine Ausführungen zu trivialen und nichttrivialen Maschinen. Triviale Maschinen sind Maschinen, die immer das tun, was wir von ihnen erwarten. Sie reagieren auf dieselbe Eingabe immer mit derselben Reaktion. Ein Kaugummiautomat wäre ein solches Gerät. Oben kommt das Geldstück rein, unten kommt der Kaugummi raus. Immer läuft es gleich ab. Trivial. So ist die Tastatur meines PCs absolut trivial. Ich drücke eine Taste und es kommt immer die erwartete Reaktion. Diese Maschinen sind vergangenheitsunabhängig

Nichttriviale Maschinen ändern ihre Reaktion. Die nächste Eingabe wird anders behandelt als die vorige. Wenn also der PC ein Programm hätte, das nach jedem Tastendruck immer zwei Buchstaben vertauschen würde, wüssten wir nach kurzer Zeit nicht mehr, welche Taste wir drücken müssten, damit ein gewünschter Buchstabe erscheint. Diese Maschine ist vergangenheitsabhängig. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der Zustand nicht mehr verstehbar, unanalysierbar, selbst wenn der PC nach einem bekannten Schema vorginge. Das wäre natürlich extrem lästig. Deshalb arbeiten wir lieber mit trivialen Maschinen. Ein PC soll machen, was wir wollen (und oft genug ist er für unseren Geschmack nicht trivial genug). Ein Kaugummiautomat soll nicht gelegentlich Präservative ausspucken und umgekehrt.

Natürlich ist der Mensch nach dieser Definition eine „nichttriviale Maschine“, ändert sich ständig, ist vergangenheitsabhängig, nicht analysierbar. Aber wir ziehen es in der Regel vor, von Menschen umgeben zu sein, die vorhersagbar, also trivial reagieren. Dies wird schon früh eingeübt. Heinz von Foerster nennt Schulen völlig korrekt „Trivialisationsinstitute“.


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Eine Aussagen Heinz von Foersters hat mich besonders beeindruckt. Es ist dies die Formel:

X1 = Op (X0)


Oder in der allgemeinen Form:

Xn+1 = Op (Xn)

Die Formel stellt eine einfache rekursive Funktion dar. Mit einer Zahl (Xo) wird eine bestimmte Operation (Op) durchgeführt. Das Ergebnis ist X1. Mit diesem Ergebnis wird dieselbe Operation wiederholt und man kommt zu dem Ergebnis X2 und so weiter. Das ist ein ganz trivialer Vorgang. Das Spannende dabei ist, dass es eine große Zahl von Operationen gibt, die immer zu demselben Ergebnis führen, völlig gleichgültig von welchem Punkt man ausgeht. Heinz von Foerster zeigt dies am Beispiel des Wurzelziehens. Wenn ich irgendeine Zahl nehme und aus ihr die Wurzel ziehe und aus dem Ergebnis wieder die Wurzel ziehe und aus dem Ergebnis wieder die Wurzel ziehe, dann komme ich schließlich zu der Zahl 1. Und dabei ist es gleichgültig, ob ich bei 25 oder bei 43786521246 angefangen habe. Das Ergebnis ist durch den Operator (Op) festgelegt und nicht durch den Operanden (X0).


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Diese Formel wurde ein Koan für mich, das ich lange Zeit mit mir herumtrug und jedes Geschehen, jede Wahrnehmung damit untersuchte. Und sie hat, wie es sich für ein Koan gehört, meine Wahrnehmung geändert.

Diese Formel beschreibt (unter anderem), auf ihre Weise, unsere Art das Leben und andere Menschen zu trivialisieren. In dieser Funktion wurde sie ein fester Bestandteil meiner Praxis als Psychotherapeut. Immer wenn meine Patienten davon anfangen, dass sie einen neuen Partner, eine neue Arbeit oder ein neues Land brauchen, dann hole ich ein Blatt Papier und einen Stift hervor und erkläre die von Foerstersche Formel der Rekursivität.


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Ein neuer Partner, eine neue Arbeit oder das Leben in einem anderen Land mag sich zunächst gut anfühlen, spannend sein, irgendwie ganz anders. Oder, um auf die Wurzelfunktion zurückzukommen, wir sehen da eine interessante, neue, eventuell atemberaubende Zahl. Aber mit der Zeit, wenn wir unsere üblichen Operationen durchgeführt haben, wird das Ergebnis immer ähnlicher wie in der Vergangenheit und am Ende steht dieselbe, öde 1, derselbe unvernünftige Streit. „Beim nächsten Mann wird alles ganz anders“ verspricht der Titel eines Bestseller und man weiß gleich: nichts, aber gar nichts wird sich ändern. Wir reden uns darauf raus, dass die Männer eben alle gleich sind, oder die Frauen, oder die Chefs, oder dass die Gesellschaft eben so ist. Im Notfall muss die verkorkste Kindheit her, was uns die Psychologen, wenn sie auch zu der Sparte Trivialisierungshelfer gehören, gerne bestätigen. Dabei sind wir es selbst, die wir unsere Wahrnehmung und unsere Wirklichkeit in einer bestimmten Weise generieren.

Das alles erkläre ich meinen Patienten und sage, dass es nicht darauf ankommt den Zustand zu ändern, sondern die eigene Herangehensweise an das Leben, den Operator. Ich muss mich ändern, nicht den Zustand. Natürlich kann es wichtig und hilfreich sein, die Verhältnisse zu ändern. Aber so lange ich meine üblichen (nennen wir es ruhig mal: neurotischen) Muster beibehalte, kommt unweigerlich dasselbe Ergebnis raus.

Und allen meinen Patienten gebe ich dann ein Blatt mit einem Gedicht, das den Sachverhalt der Trivialisierung auf seine Weise ebenso eindringlich wiedergibt wie die Formel der Rekursivität.


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Die Stadt

Du sagst: Ich werde in ein anderes Land fahren,

An ein anderes Meer. Ich werde eine bessere Stadt finden

Als diese, wo jede meiner Anstrengungen zum Scheitern verurteilt

Ist, wo mein Herz – wie eine Leiche – begraben liegt.

Wie lange noch wird mein Verstand so dahinsiechen?

Wo immer ich mich hinwende, wo immer ich hinschaue,

Sehe ich hier die düsteren Ruinen meines Lebens, das

Ich so viele Jahre lang vergeudet und vertan.

Du wirst keine neuen Länder entdecken, keine anderen Meere.

Die Stadt wird dir folgen. Du wirst durch dieselben Straßen

Streifen, in denselben Vierteln alt werden.

Dein Haar wird weiß in denselben Häusern.

Wo immer du hinfährst, hier wird deine Reise enden.

Es gibt kein Schiff und keine Straße –

Gib die Hoffnung auf. Hast du dein Leben auf diesem kleinen

Fleck vergeudet, so hast du es auf der ganzen Erde vertan.

Konstantinos Kavafis 1910 (1)





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Nun bin ich der Überzeugung, dass der Mensch keine triviale Maschine ist, obwohl man uns und wir uns dazu machen. Ich glaube fest daran, dass eine Änderung des Operators, eine Änderung unseres neurotischen Musters, unserer Denkstruktur möglich ist. Wir können unsere Stadt sanieren, indem unsere Gedanken neue Wege gehen. Wir müssen nicht in denselben Vierteln unserer Vorstellungswelt alt werden.


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Kunt Aufermann ist ein Ton-Künstler. Er benützt das natürliche Grundrauschen der elektronischer Komponenten, ein sogenanntes weißes Rauschen, das alle Frequenzen enthält und unterwirft dies einem festgelegten Prozess. Durch mehrfache Rekursionen kommt am Ende ein stabiler Ton heraus. Um diese Trivialisierung zu vermeiden, koppelt er vier Musik-Rechnern aneinander, wobei der Ausgang des letzten den Eingang des ersten darstellt. Dazu fügt er instabile elektronische Systeme mit unvorhersagbarem Verhalten hinzu. Durch die rekursiven Feedback-Verbindungen entstehen ganz eigenwillige, nichttriviale Klanggefüge.

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Die Trivialisierung der Musik hat Knut an zwei kleinen Stücken demonstriert, ein Ausschnitt von Nirvana und von Satie. Beide gehen, wie erwartet in einen stabilen Ton über. Es ist vor allem die Art und Weise, wie das vor sich geht, die mich fasziniert hat. Es entspricht völlig meiner Erfahrung der Trivialisierung menschlicher Prozesse. Diese eigentümliche Schönheit dieses rekursiven Prozesses steht in ihrer Intensität dem Gedicht von Kavafis in nichts nach, aber auch nicht der mathematischen Formel, deren Reiz vielleicht nur Liebhabern der Mathematik erschließt.

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Mein Erleben des trivialisierten Satie:
Da ist zuerst eine Melodie, eine schöne, leichte Melodie. Dann, nach ein paar Wiederholungen, verschwindet ihre Klarheit, ihre Frische. Sie wird stumpfer. Nach einigen weiteren Zyklen hört sie sich verzerrt, entstellt an, obwohl es noch immer dieselbe Melodie ist. Zunächst unmerklich, doch dann nicht mehr überhörbar, entsteht im Hintergrund ein Ton, ein hässlicher, schmerzhafter Ton, der sich immer lauter in den Vordergrund drängt. Die ursprüngliche Melodie klingt nur noch zeitweise an. Gelegentlich ist sie nur noch zu ahnen. Dafür ist der Raum voll von diesem quälenden Ton. Aber noch quälender ist das Aufflackern der alten Melodie, die gelegentlich bruchstückhaft und ganz leise, wie von Weitem, hergeweht erscheint. Wie schön war sie doch!



(1) Kavafis, Konstantinos, 'Das Gesamtwerk', Amman Verlag, 1997

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