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Warum halten wir Türen auf?


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Sie alle kennen die Situation: Sie sind im Gespräch vertieft und betreten ein Gebäude. Kurz bevor Sie die Tür loslassen, sehen Sie dass noch jemand hinter Ihnen her kommt. Sie warten einen Augenblick, damit die Tür nicht zufällt. Da sie schon einen Schritt von der Tür weg sind, müssen Sie sich strecken, um mit zwei Fingern die Tür noch zu halten. Der hinter Ihnen bemerkt das, obwohl er auch in einem Gespräch vertieft war und beeilt sich, die Tür zu erreichen, um Sie aus Ihrer misslichen Situation zu befreien.

Eigentlich eine völlig unsinnige Situation. Der Vorausgehende muss warten, der Nachfolgende muss sich beeilen und dabei geht die Tür ganz leicht auf. Es nützt keinem. Und trotzdem findet ein solches Schauspiel jeden Tag Tausende von Malen in Deutschland statt. In Griechenland, wo ich lebe, wäre dies undenkbar. Deshalb halten die Deutschen die Griechen oft für unfreundlich.

Warum wir uns das Leben manchmal so schwer machen fragte sich auch Gregory Bateson in seinem Metalog „Warum fuchteln Franzosen?“. Er sagt: Franzosen fuchteln mit den Händen, damit man weiß, dass sie böse sind, wenn sie mit dem Fuchteln aufhören.

Auf unsere Situation übertragen hieße das: Wir halten die Tür auf, damit wir nicht für unfreundlich gehalten werden. Denn in der Tat: wenn der Vorausgehende die Tür nicht aufhielte, würde ihn der Nachfolgende für unfreundlich halten. Und umgekehrt, wenn der Nachfolgende sich nicht beeilen würde, würde der Aufhalter ihn für unfreundlich halten, da er ja nicht ewig die Tür so unbequem aufhalten will.

Aber das macht eigentlich nicht klarer, warum wir nun die Türen aufhalten?

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Es gibt einen spannenden wissenschaftlichen Ansatz, der nennt sich Evolutionsbiologie. Die Evolutionsbiologie geht davon aus, dass unser Verhalten einen Sinn hat oder zumindest einmal hatte; damals als wir noch in Fellen herumliefen und mit Keulen unsere Nachbarn traktierten. Aus dieser Zeit, so sagen sie, stammt die Angewohnheit der Männer, nicht nach dem Weg zu fragen. Denn wenn ein Mann mitten in Paris sein Auto anhielte und nach dem Arc de Triomphe fragen würde, so könnte ein Passant eine Keule nehmen, sie ihm über den Kopf hauen und ihm seine Frau klauen. Wir seien Mammutjäger in der Metro, wie ein bekanntes Buch über die Evolutionsbiologie heißt.
Türen aufhalten wäre also ein Auslesevorteil gewesen. Damals. Und in Griechenland? Da macht man das nicht so. Warum? Na ja, vielleicht weil es in Griechenland wärmer ist und man nicht so viele Türen hat? (1)
Oder ist das Aufhalten von Türen ein Ausdruck von Kooperation? Kooperation ist sicher ein Auslesevorteil und man sieht, dass die Deutschen deutlich erfolgreicher sind als die Griechen. Sie sind erfolgreicher, weil sie mehr kooperieren und ein Ausdruck der Kooperation ist das Aufhalten von Türen. Ist doch gar nicht so schlecht, die Erklärung. Das ist das Schöne an der Evolutionsbiologie, dass man immer eine passende Erklärung für ein Verhalten findet.

Wir könnten noch eine ganze Reihe anderer Erklärungen suchen, aber alle haben etwas Seltsames, etwas Gewolltes an sich.

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Mir gefällt die Erklärung am besten, zu sagen, dass Türenaufhalten eine Konvention ist, also dass wir Türen aufhalten, weil wir Türen aufhalten. Das hat eine gewisse innere Logik. Ein befreundeter Arzt machte von dieser Logik Gebrauch, als ihn ein Patient mit chronischen Rückenschmerzen fragte: „Herr Doktor, warum tut mein Rücken so weh?“ Er antwortete schlicht und weise: „Das kommt von den Schmerzen“. Wer sich etwas intensiver mit dem Thema „Rückenschmerz“ auseinandergesetzt hat, weiß, dass dies die beste Erklärung ist, viel besser als: „Das ist Abnutzung, eine verschlissene Bandscheibe, Osteoporose,“ oder was der gute Herr Doktor sonst noch so auf diese Fragen antwortet. Das stimmt zwar meistens so nicht, aber der Patient ist zufrieden und es geht es schon ein wenig besser. Er weiß nämlich: „Ich habe Verschleiß“. Das Problem entsteht erst dann, wenn bei einem so multifaktoriellen Geschehen wie dem Rückenschmerz eine „Diagnose“ als „wirklich“ angesehen wird und diese Wirklichkeit behandelt wird. Natürlich gibt es Fälle, wo eine monokausale Betrachtungsweise völlig zutreffend und hilfreich ist; bei einem akuten Bandscheibenvorfall wirkt die Operation Wunder. Bei einem chronischen Geschehen meist nicht.

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Was hat das mit der offenen Tür zu tun?

Es gibt komplexe Phänomene, die mit einer „Diagnose“, mit einer kausalen Verknüpfung nicht beschreibbar sind. Ich nenne es: Die Unbescheidenheit, alles erklären zu müssen, die uns immer wieder in eine Sackgasse führt. Sie beruht schlicht auf der Überschätzung unseres Wissens. Wir glauben, dass die Dinge einfach und wißbar sind.

Der übliche Ansatz, Wissen zu gewinnen, sieht folgendermaßen aus: man beobachtet 50 Leute, die durch eine Tür gehen und fragt sie hinterher, warum sie die Tür aufgehalten haben.
Natürlich bekommt man Antworten wie: Einfach nur so; oder: Ich wollte höflich sein; oder: Das gehört sich so; oder: Das hat mir Mama beigebracht. Aber machen uns solche (ausgedachten) Antworten wirklich klüger? Wir können zusätzlich fragen, ob sie sich sportlich betätigen, im Sommer einen Badeurlaub vorziehen und wie oft sie sich die Zähne putzen. Damit sammelt man eine Unmenge von Daten, aber man weiß deshalb immer noch nicht, warum man Türen aufhält, warum der Rücken schmerzt oder warum die Jugendkriminalität zugenommen hat.

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Das Thema lässt sich auch anders angehen. Man kann das Aufhalten der Tür als Ausschnitt aus einem vielfältigen Beziehungsschema betrachten. Wir brauchen dann nicht die Ursache, sondern nur das Muster erkennen. Es ist wie bei einem Fraktal. Jeder Ausschnitt repräsentiert durch die Selbstähnlichkeit das Ganze. Und wie jedes Fraktal seine ganz eigene unvergleichliche Struktur hat, so trifft dies auch auf verschiedene Beziehungsmuster zu.

Interkulturelle Vergleiche sind sehr gut geeignet, unterschiedliche Muster sichtbar zu machen, weil die Unterschiede so deutlich sind. Aber diese Unterschiede findet man in geringerem Ausmaß auch zwischen Familien, zwischen Einzelpersonen.

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Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen verhalten sich verschieden.

Die Verschiedenheit der Lebensart besteht nun nicht darin, dass andere Kulturen andere Antworten, die auf dieselben Fragen gegeben werden, z.B. „Was ist mir an einem Partner wichtig“? Es sind nicht dieselben Fragen, es ist ein anderes Muster. Das ist sehr schwer zu verstehen, da man in der Regel glaubt, dass die eigene Lebensauffassung die einzig mögliche sei. Schlussfolgerung über ein anderes Land sind deshalb oft falsch. Die Überzeugung, dass das Leben in Mittelmeerländern ruhiger, freier, gelassener ist, beruht auf dem Trugschluss, der sagt: „Ich würde mich freier, ruhiger und gelassener fühlen, wenn ich mich so verhalten würde.“ Aber der freie Schäfer in den Bergen Kretas fühlt sich einfach normal; so normal wie ein Büroangestellter im Büro oder beim Finanzamt. Es ist nichts Besonderes daran, sich in einer anderen Weise als der deutschen zu verhalten. Es ist eine Konvention.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel:
Auf Kreta, wo ich lebe, gab es bis vor 30 Jahren in der Regel die Verheiratung durch einen Vermittler und nicht die freie Partnerwahl. Auffällig ist, dass diese Ehen fast durchweg glücklicher waren. Ich war entsetzt, als ich nach mehrjähriger Abwesenheit wieder nach Deutschland kam und die Geringschätzung und Abwertung der Ehepartner untereinander erlebte. Diesen gereizten Ton, dieses Gemeckere, dieses kleinmütige Gehacke, all das habe ich bei vermittelten Ehen (und das sind fast alle älteren Paare) nie erlebt. Die freie Partnerwahl macht nicht glücklicher. Man stellt sich vermittelte Ehepartner sehr unfrei vor („Was wäre, wenn ich an dieser Stelle wäre? Ich würde mir sehr unfrei vorkommen!“). Aber auch das ist ein Trugschluss. Bei der freien Partnerwahl kommt ein starker Wettbewerb zustande. Junge Menschen folgen Moden, verbiegen sich, um zu gefallen, um teilzuhaben an dem „lebendigen“ Geschehen. Freie Partnerwahl führt zu einer Uniformierung, zu einer Aufgabe von persönlichen Eigenheiten. Die ausgeprägtesten Individualisten, Männer und Frauen, Menschen die zu ihren Eigenarten stehen, sich nicht dafür entschuldigen oder schämen, dass sie sind, wie sie sind, habe ich dort gefunden, wo die vermittelte Ehe am konsequentesten gehandhabt wurde. Niemand musste sich verstellen. Ob jemand ängstlich, angeberisch, knauserig oder freigiebig war. Er bekam immer einen Partner zugeteilt, mit dem er in die Familie eingebunden wurde. Die Unfreiheit in der Partnerwahl geht mit einer größeren Freiheit zur Individualität einher.

Oder anders ausgedrückt: Die Begriffe Freiheit und Selbstverwirklichung haben in jedem dieser sozialen Muster eine so andere Bedeutung, dass sie nicht miteinander verglichen werden können. Worte sind in der interkulturellen Verständigung nichtssagend.


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Ein anderes Beispiel: Griechen achten nicht so sehr darauf, was der andere macht. Man geht nicht aus dem Weg. Man bemerkt es nicht einmal, wenn man jemanden, zum Beispiel mit einem Koffer behindert. In Deutschland würde dieses Verhalten als extrem unhöflich gelten. „Hat der nicht gesehen, dass.....“ Nein. Er hat nicht. Wer im Weg steht wird einfach zur Seite geschoben. Auch das würde in dieser Form in Deutschland als unhöflicher Akt gelten. Das Erstaunliche dabei ist, dass der Weggeschobene nicht einmal merkt, dass ihn jemand zur Seite geschoben hat. Es ist kein Eindringen in die Privatsphäre.

Diese Form des Nicht-Bemerkens kann „aktiv“ eingesetzt werden. Jemanden, den man nicht mag, schließt man schlicht aus der Wahrnehmung aus. Es gibt eine Form des Nichtsehens. Im einfachen Fall wird der Nachbarn an einem bestimmten Tag nicht beachtet, weil man zu keinem Gespräch aufgelegt ist. Das hat keine Konsequenzen. Am nächsten Tag ist man wieder freundlich zueinander. Einige Zeit aß ich mit zwei Freunden immer in derselben Taverne. Einmal stellte uns der Servitore das Essen hin, ohne zu grüßen, ohne unseren Gruß zu erwidern. Auch die Aufforderung, uns noch etwas zu bringen, blieb unbeachtet. Ich fragte meine Freunde: „Was ist denn mit dem los?“ Die zuckten unbeeindruckt mit den Achseln und meinten schlicht: „Er wird wohl seine Probleme haben“. Am nächsten Tag war das Verhältnis von beiden Seiten wie immer.

Ein extremeres Beispiel ist die Geschichte von den Brüdern Michalis und Manolis. Sie besaßen zusammen eine Taverne am Strand, eine große Taverne. Wie bei griechischen Strandtavernen üblich, sind die Sitzplätze am Meer, das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Man ist also ständig damit beschäftigt, die Straße zu überqueren, um das Essen, die Teller, ein Glas Wein oder die Rechnung hinüber zu tragen. Vor gut 15 Jahren zerstritten sie sich und zogen eine Mauer mitten durch die Taverne. Sie sind überall bekannt als die Brüder, die nicht miteinander reden. Auffälliger ist aber, dass sie sich auch nicht sehen, obwohl sie sich am Tag viele Male begegnen, wenn sie die Straße überqueren. Sie sind einander aus der Wahrnehmung verschwunden. Es ist dies ein Vorgang, der für einen Deutschen unvorstellbar ist. Sie sehen sich tatsächlich nicht.

Diese Form des Nichtsehens hat mich an die Krankheit von Phantásien erinnert, wie Michael Ende sie beschreibt:

„Dort, wo der See war, ist jetzt gar nichts mehr – einfach gar nichts, versteht Ihr?“

„Ein Loch?“, grunzte der Felsenbeißer.

„Nein, auch kein Loch“ - das Irrlicht wirkte zusehends hilfloser – „ein Loch ist ja irgend etwas. Aber dort ist nichts.“

Die drei anderen wechselten Blicke miteinander.

„Wie sieht denn das aus –huhu- dieses Nichts?“ fragte der Nachtalb.

„Das ist es ja gerade, was so schwer zu beschreiben ist“, versicherte das Irrlicht unglücklich. „Es sieht eigentlich gar nicht aus. Es ist – es ist – ach, es gibt kein Wort dafür!“

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Wie soll man auch Nichtsehen beschreiben? Wie soll das gehen, dass etwas Sichtbares nicht sichtbar wird?

Bitte machen Sie folgendes Experiment:
Schließen Sie das linke Auge, oder halten Sie Ihre Hand davor. Halten Sie einen mittleren Abstand von 25-30 cm von der Abbildung. Variieren Sie die Entfernung so lange bis die Maus verschwindet. Es gibt dann nur noch Längsstriche ohne Maus.





Sehen Sie, man muss nur ein wenig die Blickrichtung ändern und schon ist der ungeliebte Nachbar verschwunden. „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“, sagt Heinz von Foerster. Denn in der Tat haben wir ein Gefühl von Vollständigkeit. Es fehlt nichts in dieser Welt der Längsstreifen. Und es ist völlig sinnlos, jemandem zu erklären, was er nicht sieht. Er sieht es nicht. Auf der Ebene des Experimentes wird das Phänomen mit dem blinden Fleck in der Netzhaut erklärt und damit, dass der Wahrnehmungsprozess immer versucht vollständige Bilder zu schaffen. Man kann ein Leben ohne Liebe, ohne Freude, ohne Zuneigung zu den eigenen Kindern haben. Das Weltbild ist vollständig, nichts fehlt. Durch ein besonderes Ereignis, z.B. durch einen Unfall ändert man die Blickrichtung und sieht ganz plötzlich, was immer da, aber ungesehen war.

Nun hat jeder seinen blinden Fleck an einer anderen Stelle. Wie soll man erklären, dass da eine Maus ist, wenn der andere sie nicht sieht. Wir können nur feststellen, dass der andere das nicht sieht, was wir sehen. Dafür sieht der andere Dinge, die wir nicht sehen.

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Das Nichtsehen von etwas Ärgerlichem hat ungemeine Vorteile. Es macht ein Zusammenleben unter engsten Bedingungen möglich, ohne dass die Beteiligten vor Zorn an hohem Blutdruck, an Magengeschwür oder an Kopfschmerzen leiden. Vielleicht ist dieses Verhalten eine hervorragende Strategie in den kleinen, engen griechischen Dörfern, wo das Leben quasi in der Öffentlichkeit stattfindet. Man kann am unliebsamen Nachbarn vorbei gehen, ihn nicht hören, nicht sehen und vor allem, man braucht ihn nicht zu grüßen.
Ganz im Gegensatz dazu die Geschichte von zwei zerstrittenen Brüdern in Oberschwaben, zwei Bauern. Der eine parkte seinen Anhänger so, dass die Deichsel noch etwas auf das Land des Bruders reichte. Dieser holte ein Werkzeug und sägte das Stück ab, das über die Grenze ragte. Ist das nicht ein ganz anderes Muster?
Natürlich hat das griechische Nichtsehen auch Nachteile, enorme Nachteile. Wenn ich zum Beispiel mit einem Mechaniker wegen des nicht korrekt reparierten Autos streite, und der mich schlicht aus seiner Wahrnehmung entfernt, dann kann ich noch stundenlang dasitzen. Ich werde nicht gesehen. Das sind Augenblicke, da wünsche ich mir, in Deutschland zu sein.

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Eine Charakteristik der deutschen Konvention scheint mir zu sein, dass jeder eine gewisse Achtsamkeit für die soziale Umgebung hat, ein räumliches Selbstverständnis. Man grüßt den Nachbarn, hält die Türe auf, geht aus dem Weg. Dafür möchte man auch einen gewissen Abstand zu den Anderen haben, eine Privatsphäre. All dies spielt in der griechischen Konvention keine Rolle. Hier ist es eher die Selbstdarstellung in einem engen sozialen Kontext. Eine Geste die in Griechenland normal ist, zum Beispiel eine übliche körperliche Berührung, ist in Deutschaland übergriffig. Die Deutschen halten Griechen deshalb oft für aufdringlich und für angeberisch, die Griechen die Deutschen für distanziert und kaltherzig.

Dieser Unterschied im körperlichen Abstand macht sehr viel des mediterranen Charmes der Griechen aus. Wenn ein Grieche sich einer Touristin nähert, nimmt er eine körperliche Distanz ein, die für eine Deutsche den Ausdruck von Nähe ausstrahlt. Manche fliehen, weil ihnen dies zu aufdringlich ist. Andere lassen sich darauf ein. Sie finden sich aber in einer Situation wieder in der die Halbdistanz des Kennenlernens übersprungen worden ist. Für eine Deutsche hat diese Nähe, die einer intimen Nähe gleichkommt, etwas vertraueneinflössendes. Für einen Urlaubsflirt ist das ideal. Das Problem ergibt sich, wenn eine dauerhafte Beziehung eingegangen wird. Dann stellt sich heraus, dass die Verhaltensweisen nicht mehr dem ursprünglichen Bild entsprechen. Die Ernüchterung ist dann beidseits. Beide wundern sich, dass der Partner plötzlich so fremdartig ist, unberechenbar, seltsam.

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Die Bedeutung der Konvention besteht nicht darin, dass sie sinnvoll ist, sondern dass sie verlässlich ist. Man hat sie gelernt wie die Grammatik der Muttersprache, über die man nicht nachdenken muss. Im Gegenteil, die Grammatik der Muttersprache kommt einem seltsam vor, wenn man zufälligerweise reinschaut. Konvention ist, wie eine Grammatik, nicht eine komplizierte Ansammlung von Regeln. Sie ist eher das Gegenteil.
Informationstheoretisch handelt es sich bei der Konvention um eine Abnahme der Information. Die Unordnung besitzt nach diesem Konzept viel Information, die Ordnung wenig Information.

Wenn jeder frei ist, auf der linken Straßenseite oder der rechten Straßenseite oder in der Mitte zu fahren, dann ist Autofahren sehr anstrengend. Man muss ständig auf den Verkehr achten, muss also viel Information verarbeiten. Wenn aber alle schön auf der rechten Seite fahren ist dies eine Reduktion von Information. Fahren auf der rechten Seite ist, wenn Rechtsfahren eine Konvention ist, keine Information.
Der Verkehrsfunk würde nie melden „Achtung: Ein Rechtsfahrer auf der Autobahn München-Stuttgart zwischen der Anschlussstelle.......“, sondern es heißt „Achtung! Falschfahrer......“ Das ist eine Information, denn jeder weiß wie es richtig ist. Wenn wir jetzt nach England kommen und merken, dass dort alle auf der linken Seite fahren, dann ist das für uns eine sehr bedeutende Information. Und wenn wir uns im Verkehr als Fußgänger oder als Autofahrer vorwärtsbewegen ist der englische Linksverkehr eine unüberschaubare Menge an Information und nicht nur eine, weil wir ständig auf Dinge achten müssen, die für uns nicht selbstverständlich sind. Sollten wir all das zu einem Engländer sagen, so ist das für ihn keine Information.

Eine interkulturelle Information ist nur eine Information für den, der nicht der Kultur angehört. Die Frage „Wie sind die Deutschen?“ können die Deutschen gar nicht beantworten. Sie können sie so wenig beantworten wie die Frage: „Wie hast Du es geschafft, über die Straße zu kommen, ohne von einem Auto angefahren worden zu sein?“ Diese Frage ist Unsinn. Der Deutsche kann antworten, dass er aufgepasst habe, dass er nach den Regeln gehandelt habe, dass er den Zebrastreifen benützt habe. Aber das ist alles nichtssagend. Keine Information. Hingegen wäre es eine unglaubliche Information, wenn ein Deutscher in einer großen griechischen Stadt den Zebrastreifen benützt und heil auf der anderen Seite ankommt. Zebrastreifen werden in Griechenland nicht beachtet, haben keinen Signalcharakter. So ist es für einen Griechen ein wichtige Information, dass er am Zebrastreifen in Deutschland mit dem Auto halten muss. Aber wer soll ihm die Information geben? Und umgekehrt, wer soll dem Deutschen sagen, dass er am Zebrastreifen in Griechenland nicht abrupt anhalten soll, da er sonst einen Auffahrunfall riskiert. Nur jemand der weiß, dass die Deutschen anhalten und die Griechen weiterfahren.

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Konvention ist nötig, damit wir sicher über die Straße kommen, um uns genug zum Essen und Trinken zu verschaffen, damit wir einen Sexualpartner finden und unsere Kinder groß ziehen können. Das soll möglichst glatt gehen. Dass dies ein Auslesevorteil ist, dem werden auch die Evolutionspsychologen zustimmen. Es geht im Prinzip um die Vorhersagbarkeit von Verhalten. Ich kann eine Strategie ersinnen, um ein Geschäft zu eröffnen, um eine Frau zu werben, um ein Haus zu kaufen. Diese Strategie geht am besten auf, wenn ich das Verhalten der anderen voraussagen kann. Ich möchte die Konvention als ein Konzept betrachten, das mir hilft diese Dinge zu verwirklichen. Indem ich aber die Konvention nütze, um meine Strategien zu verwirklichen, stütze ich die Konvention, bestätige sie. Damit wird auch mein Verhalten vorhersagbar.

In dem wir die Türen aufhalten, geben wir uns als Teilnehmer dieser Konvention zu erkennen. Wir sagen damit: Ich gehöre dazu.


(1) Nachtrag 2011: Eine evolutionsbiologische Erklärung des Türenaufhaltens ist, daß dieser Vorgang Energie spart. Das würde natürlich auch ganz elegant erklären, warum man in Griechenland keine Türen aufhält. Es ist dort wärmer und die Notwendigkeit des Energieesparens nicht so groß.

Siehe: Santamaria JP, Rosenbaum DA (2011): Etiquette and effort: holding doors for others, Psychol Sci. 2011 May 1;22(5):584-8

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