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Watzlawick und die Kunst


Auf Batesons Überlegungen zu Rahmen und Inhalt baut die ganze moderne Kommunikationstheorie auf.
Bekannt geworden sind diese Thesen zur Kommunikation durch Watzlawick. Und wie immer, wenn ein komplexer Gedanke in thesenartig zusammengefasst wird, wird er scheinbar verständlicher, dafür weniger umfassend. Dennoch haben sich Watzlawicks Thesen so im Denken festgesetzt, dass ich regelmäßig gesagt bekomme: "Du meinst doch das, was Watzlawick sagt!?"
Da sind wir auch schon mitten in einer Kommunikation drin. Natürlich meine ich das, was ich meine. Aber wie kann jemand anderes schon wissen, was ich meine? Ich meine nicht das was Watzlawick sagt, oder was ich glaube, was Watzlawick sagt. Aber das Thema wird bei anderen unter ‚Watzlawick’ abgelegt (um es formalbürokratisch auszudrücken), und zwar so, wie die jeweiligen Leser ihn verstanden haben. Wenn ich dann ärgerlich sage (weil ich es schon 25 anderen Leuten gesagt habe), dass ich nicht Watzlawick meine, dann sind sie natürlich verwirrt. Erstens weil ich ärgerlich bin, denn sie wollten mir zeigen, dass sie sich mit dem Thema auch auskennen oder zumindest schon davon gehört haben; zweitens weil ich sage, dass ich das nicht meine, was sie glauben, dass ich meine.

Jetzt meine ich Watzlawick! Hier seine 4 Thesen zur Kommunikation, zumindest so, wie ich sie verstehe:

1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren

Klar: Wer auf die Frage "Wo waren Sie gestern Nacht zwischen 2.30 und 4.30" keine Antwort gibt, der kommuniziert. Das Kind das verstockt am Tisch sitzt kommuniziert ganz heftig mit den anderen auch wenn es die Augen geschlossen hat und die Ohren zuhält. Der Pubertierende, der auf der Party still in der Ecke sitzt und ausdrückt, dass er eigentlich nicht an der Party teilnimmt, nimmt gerade mit dieser Rolle daran Teil. Selbst wenn er nicht zur Party kommt, kommuniziert er durch sein Nichterscheinen. "Wo ist denn der Soundso? - Ach der kommt heute nicht!"
Mit Patienten, die sagen, dass sie nicht am Leben teilnehmen, dass das Leben ohne sie stattfindet, baue ich eine Lebensinszenierung auf, in der verschiedene Personen und Vorgänge aus ihrem Leben repräsentiert sind. Sie suchen sich dann ihren Platz (meist am Rand oder ganz weit weg) und müssen dann ihren Satz wiederholen, dass sie nicht dazu gehören. Und gerade damit gehören sie dazu. Es ist unmöglich, nicht Teil des Musters zu sein.

Künstler haben damit viel experimentiert. Eine weiße Leinwand, ein Rahmen ohne Bild…..man kann nicht nicht kommunizieren.

Als Jugendlicher sangen die Young Rascals Good Lovin' und wir waren fasziniert, dass da kurz vor Ende eine kleine Pause war, keine Musik, kein Gesang. Unerhört! Und als bald darauf Mamas and Papas Monday, Monday herausbrachten hörten wir uns immer wieder diese (damals) lange Pause an (lange nachdem Dr. Murke Schweigen gesammelt hatte). Und diese Pause war damals so ungehörig wie ein nackter Busen im Fernsehen (der kam erst später). Aber es war die Zeit der Tabubrüche. Auf den Donaueschingern Musiktagen wurde nicht mehr auf den Tasten Klavier gespielt, oder wenn auf den Tasten, dann nicht mit den Fingern.
Beckett soll später ein Theaterstück produziert haben, in dem nichts passiert. Niemand tritt auf, kein Geräusch. Auch das ist Kommunikation.
Robert Altman inszeniert Short Cuts eine Modenschau, bei der die Models keine Kleidung tragen.
Oder um Spencer-Brown und Bateson zu bemühen:
Sobald die Unterscheidung getroffen, der Rahmen gesetzt wurde, dass dies eine Modenschau, ein Lied, eine Party, ein Gespräch oder ein Verhör ist, ist auch die Stille, das Schweigen, die fehlende Kleidung eine Form der Kommunikation.

2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, so daß der letztere den ersten klassifiziert und ist deshalb eine Metakommunikation.

Das entspricht weitestgehend Batesons Rahmen und Inhalt. ("Dies ist ein Spiel"), birgt aber noch einige interessante Seitenaspekte.

Wenn ein Mann eine Frau im Cafe anspricht und sagt, dass sie eine interessante Uhr anhabe, so will er in der Regel keine weiteren Aussagen zur Uhr machen. Die Kommunikation findet eher auf der Beziehungsebene als auf der Sachebene statt. Vermutlich wäre die Frau sogar irritiert, wenn der Mann das Gespräch auf der Sachebene fortsetzen würde und sich nach Details der Uhrkonstruktion erkundigen würde. "Der meint ja gar nicht mich, sondern nur die Uhr". Und da man nicht nicht kommunizieren kann, ist die Aussage auf der Metaebene: "Ich habe kein persönliches Interesse an Dir. Mich interessiert wirklich nur die Uhr!"
Jede Form der Kommunikation besteht, so Watzlawick, nun aus diesen beiden Ebenen. Und es ist darauf zu achten, auf welcher Ebene welche Aussagen getroffen werden.
Dazu kommt, so der Ansatz von Tannen, dass Männer und Frauen eine verschiedene Gewichtung der Ebenen haben. Während Frauen Aussagen eher auf der Beziehungsebene treffen, so kommen Männer eher zu Sachaussagen.
Da ein Kunstwerk immer eine Form der Kommunikation darstellt, so hat es, wenn man Watzlawicks 2. Axiom anwendet stets den Inhalts- und Beziehungsaspekt. Der fällt ganz besonders bei der Provokation auf.


3. Axiom: Die Natur der Beziehung ist abhängig von der Punktuierung der kommunikativen Sequenzen zwischen den Kommunizierenden

Wir kennen das alle, wenn wir verheiratet oder in einer langjährigen Beziehung sind oder waren: Wer hat mit dem Streit angefangen?

"Du, denn du hast gesagt…..! Nein du, denn du hast gesagt…………..! Nein du, denn du hast das und das gemacht! Ja aber das habe ich gemacht, weil du vorher das und das gemacht hast! Ja aber das habe ich gemacht, weil du letzte Woche das und das gemacht hast!"
Die Analytiker setzen diese Sequenz bis in die frühe Kindheit zurück, manche Familientherapeuten noch über Generationen.
Die Kausalität von Reaktionen hat keinen Anfang. Es sei dann, man fragt nach der ersten Kausalität, nach der ersten Unterscheidung. Dabei landet man bei der Genesis.

Ein ganz ähnliches Phänomen spiegeln auch Moden und Strömungen wider. Künstler beeinflussen sich gegenseitig, Interessenten kaufen, hören, sehen, bestellen bestimmte Dinge, Kritiker loben diese und verstärken damit den Prozess. Wenn man jetzt nach den Ursachen fragt, kommt man wieder zu solchen Sequenzen, wie oben beschrieben, nur mit anderem Inhalt.

Das Ergebnis hängt dann immer von der Art der Fragestellung ab, also wie der Beobachtungsrahmen gefasst wird. Oder wie Watzlawick sagt, in der Punktuierung. Wo beginnt man eine Serie? Man beginnt sie immer willkürlich. Es liegt nicht an der Serie begründet sondern deren Sichtweise. Dies zeigen die mathematischen Überlegungen Bolzanos (zitiert nach Watzlawick):

Es ist gegeben die Sequenz

S = a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + …….

Es gibt nun drei Arten diese Serie zu gruppieren bzw. zu punktuieren

1. S = (a - a) + (a - a) + (a - a) + (a - a) + (a - a) + (a - a) + ……..

= 0 + 0 + 0 + 0 + 0 + ………..

= 0

2. S = a - (a - a) - (a - a) - (a - a) - (a - a) - (a - a) - (a - a) - ……..

= a - 0 - 0 - 0 - 0 - 0 - ……….

= a

3. S = a - (a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + a - a + a - ……..)

= a - S

daraus folgt:

2 S = a und S = a/2

Dies bedeutet mit anderen Worten, dass eine solche Serie keinen gegeben Wert hat, sondern dass der Wert von unserer theoretischen Konzeption abhängt. So ist die Vergangenheit nichts feststehendes sondern abhängig von unserer Bewertung. Dasselbe gilt für jede Form von Kommunikation.

4. Axiom: Menschen kommunizieren digital und analog

Am besten kennen wir das von der Uhr. Die digitale Uhr zeigt uns Zahlen, die für eine Uhrzeit stehen. Jede Zahl für ein getrenntes Phänomen. Jede digitale Bezeichnung, bezeichnet einen eigenen Zustand. 14.53 und 14.54 sind verschiedene Kategorien.

Digitale Aussagen sind präzise. Es können klare Unterscheidungen getroffen werden. Es ist die binäre Logik von ja und nein möglich. Ein Zustand ist oder er ist nicht.
Eine analoge Uhr zeigt die Zeit nur ungefähr. Der Sekundenzeiger braucht ja eine bestimmte Zeit für sein Bewegung. Vor allem der Sekundenzeiger der Bahn, der am Ende der Stunde immer ein wenig zögert. Dafür lässt die analoge Uhr die Zeit besser abschätzen. Es gibt ein räumliches Pendant zur Zeit, vermittelt ein Gefühl für die Zeit.

Möglicherweise, wenn man die Filme untersucht, die ihren Suspens mit eingeblendeter Uhr zeigen könnte man feststellen, dass jede Uhr andere Gefühl wachruft.
Während die analogen Uhren meist etwas mit Verabredungen und Terminen zu tun haben, so sind die analogen Uhren meist mit Bomben verknüpft.

Die Vor- und Nachteile der jeweiligen Darstellung digital oder analog zeigen sich auch bei der Messung der Dokumentation des Zieleinlaufs eines Rennens. Während die Zeittabelle die klare Rangfolge und auch die Abstände in quantifizierbaren Einheiten darstellt, zeigt das Zielphoto eher 'gefühlsmäßig' die Reihenfolge.
Ein ganz ähnliches Phänomen findet man bei der Untersuchung des Blutzuckers. Wird ein Tropfen Blut auf den Teststreifen gebracht, so verändert sich seine Farbe entsprechend dem Blutzuckerspiegel. Diese Farbveränderung kann man (analog) mit einer beigefügten Farbtabelle vergleichen und den ungefähren Blutzuckerspiegel abschätzen. Man kann den Teststreifen auch in ein Messgerät stecken, das (digital) einen exakten Wert anzeigt. Faszinierend ist, dass wir der digitalen Messung für exakter halten, obwohl die maschinelle Messung keine präziseren Werte liefert als das analoge Abschätzen.

Vorteile der digitalen Darstellung nach Watzlawick::
Präzision, formale Logik ist anwendbar: und, oder, wenn - dann, entweder - oder, ja - nein. (Analog gibt es ein Nein).
Vorteile der analogen Darstellung:
Ähnlichkeiten können dargestellt werden, Beziehungen werden sichtbar.
Digitale Sprache hat eine hochkomplexe und kraftvolle logische Syntax, aber es fehlt eine angemessene Semantik im Bereich der Beziehungen, währenddessen besitzt analoge Sprache diese Semantik, aber sie hat keine adäquate Syntax für eine eindeutige Definitionen über die Natur der Beziehungen.

Während Computer sehr gut Personen erkennen können anhand von eingegebenen Charakteristika (trifft zu, trifft nicht zu), so fällt es ihm in seiner digitalen Rechenweise schwer, bei einer Gruppe von Personen festzustellen, ob es sich um eine Familie handelt oder nicht. Dies teilt sich analog mit.

Kommunikation enthält nun beides, digitale und analoge Anteile, wobei die digitalen eher die sachlichen, also der Inhalt, sind, während die analogen die metakommunikativen sind.
Die Aussage: "Ich bin nicht schlecht gelaunt!" ist der digitale Anteil, der Tonfall und der Gesichts- und Körperausdruck sind die analogen Nachrichten.
Analoge Mitteilungen könne im komprimierter Form ungeheure Informationsmengen transportieren:
Eine Rose sagt mehr als tausend Worte.


Die Kommunikation von Wissenschaft und Kunst


Wie stellen sich nun diese analogen und digitalen Kommunikationsformen in Wissenschaft und Kunst dar?

Schon allein die Frage ist, nach Watzlawicks Definition eine digitale Frage. Und die übliche wissenschaftliche Verhaltensweise wäre jetzt, Kategorien zu erstellen, mit denen man das Problem exakt lösen kann, was aber niemals über die Exaktheit der Blutzuckerbestimmung hinausgehen kann.

Ich möchte als Arbeitshypothese einführen:

Wissenschaft ist die digitale Beschreibung eines Vorgangs

Kunst ist die analoge Beschreibung eines Vorgangs

Das ist natürlich unsinnig, aber es ist common sens.

1. Theater. Donnerstag Abend. Es ist angekündigt, dass verschiedene Professoren der Universität interdisziplinäre Vorträge über die Ethik halten werden.
Es tritt ein unauffälliger Herr mit unauffälligem Anzug und Krawatte auf, der selbstgefällig wissenschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse von sich gibt. Beifall. Das wiederholt sich mehrmals. Die Veranstaltung ist aus. Ein wissenschaftlicher Abend.

2. Theater. Freitag Abend. Es ist angekündigt, dass verschiedene Kabarettisten Sketche zum derzeitigen Stand der Ethikdiskussion geben werden.
Es tritt ein unauffälliger Herr mit unauffälligem Anzug und Krawatte auf, der selbstgefällig wissenschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse von sich gibt. Lachen und Beifall. Das wiederholt sich mehrmals. Die Veranstaltung ist aus. Ein musischer Abend.

Wo ist der Unterschied.

Die Wissenschaftler müssen sich einen streng digitalen Anschein geben, damit sie als Wissenschaftler noch ernst genommen werden. Würden sie zu analog, käme schnell die Frage auf: Ist das noch Wissenschaft?
Die Künstler müssen sich einen streng analogen Anschein geben. Sie müssen so tun als ob es so wäre ('Dies ist ein Spiel!'). Würden sie zu analog, also zu inhaltlich, würden sie authentisch meinen, was sie sagen, dann käme schnell die Frage auf: Ist das noch Kunst?

Wissenschaftskunst wäre damit die analoge Beschreibung der Wissenschaft, während Kunstwissenschaft die digitale Beschreibung der Kunst wäre. Spaßeshalber kann man noch Wissenschaftswissenschaft (digital - digital) und Kunstkunst (analog - analog) konstruieren.

Das ganze Theater der Wissenschaft und der Kunst funktioniert ja nur deshalb weil man sich auf den Rahmen geeinigt hat. Und alle sind furchtbar bemüht, diesen Rahmen nicht zu verlassen.
Die Schauspieler reden so, dass man auch ja merkt, dass das nicht echt gemeint ist (Oh Stanislawski, Du hast ins Leere gesprochen) und die Wissenschaftler reden, als ob die Dinge wirklich so seien wie sie beschreiben werden.

Dabei wird völlig übersehen, dass selbst nach den wissenschaftlichen Definitionen der Kommunikation beides nötig wäre.
Selten, dass jemand den Rahmen sprengt und das Muster sichtbar macht.


Literatur:

Watzlawick, Paul; Beavin, Janet Helmick; Jackson, Don D.

Tannen, Deborah

Bolzano, Bernhard Paradoxien des Unendlichen Berlin 1889




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