Wissenschaftskunst

Der Begriff ‚Kunstwissenschaft’ ist jedem von uns geläufig. Es sind dies (meist ganz schreckliche) Bücher, in denen ein Wissender einem Nichtwissenden erklärt, was Sache ist. Und hinterher ist man schlauer und sagt: Ah! So ist das also!.
Kunstwissenschaft untersucht Kunst mit wissenschaftlichen Methoden. Meist sind diese Methoden etwas antiquiert. Das macht aber nichts, denn auch in der Wissenschaft sind die Methoden oft antiquiert. Man könnte Kunstwissenschaft auch moderner, offener, interessanter machen. Aber das ist nicht das Thema.

Wissenschaftskunst ist, wenn man so will, Kunst über Wissenschaft. Aber was bitte soll das sein? Man wünscht sich natürlich eine Definition, etwas Klärendes. Aber das wäre sofort wieder die wissenschaftliche Schiene.
Wissenschaftskunst ist nichts Neues. Es gab schon immer Künstler, die in ihren Werken Wissenschaft betrieben haben und Wissenschaftler, die ihre Arbeit künstlerisch umgesetzt haben. So ist Eschers Werk voll von wissenschaftlichen Ansätzen, und Mathematiker haben seine Raumaufteilungen in Formeln umgesetzt. Escher, so habe ich gelesen, verstand im Grunde davon nichts, und vielleicht war es ihm auch gleichgültig. Aber er hat ein wissenschaftliches Problem graphisch gelöst. Dabei ist es unerheblich, ob er es mit dieser Absicht getan hat. Er hat es wissentlich getan, aber nicht mit dem Wissen des Mathematikers. Und es ist letztlich eine Frage des Geschmacks, ob man das Wissenschaft, Kunst oder Wissenschaftskunst nennt. Mit Kunstwissenschaft hat es jedenfalls nichts zu tun.

Ein anderes Beispiel dieses Grenzbereiches ist Magrittes Bild: Ceci nest pas une pipe
Magritte setzt sich darin mit einer grundlegende Frage der Wahrnehmungstheorie auseinander. Einen ganz ähnlichen Ansatz hat Korzybski wenn er sagt: „Die Landkarte ist nicht die Landschaft.“ Schon die Verwendung dieser Metapher weist ihn als Wissenschaftskünstler aus. Denn rein wissenschaftlich müsste man sagen, dass „die Unsicherheit über symbolisch-kognitive Repräsentanz eines Objektes im kommunikativen Bereich zu einem schizoid-symptomatischen Verhalten führen kann“. Da ist es doch viel schöner, wenn Bateson sagt: wir müssen aufpassen, dass wir im Restaurant auf das Essen warten und nicht die Speisekarte essen.

Die reine Wissenschaft (die es genau so wenig geben kann wie die reine Kunst) ist etwas für Masochisten und besitzt gewisse pornographische Züge. Sie macht keine gute Stimmung. Sie hat aber den Vorteil, dass sie eine innere Logik aufzeichnen kann, sogar muss. In der Wissenschaft muss alles belegt werden und das ist gut so.

Hier geht es aber eher darum, den tieferen logischen Strukturen nachspüren, dem Muster das verbindet (Bateson) UND den logischen Strukturen, mit denen diese Muster beschrieben werden können. Erklärt werden kann jedenfalls nichts, denn die Muster gehorchen nicht den logischen Strukturen. Wer dies behauptet hat schon die Speisekarte aufgegessen. Es geht um Modelle von Modellen. Und vielleicht entsteht dadurch ein Stück Wirklichkeit.

Man könnte die Standpunkte (zugegebenerweise etwas kryptisch) zusammenfassen in:

Das hört sich alles ein wenig unsinnig an, und es stellt sich schon die Frage, ob es sich um eine Reihung im Sinne von

a rose is a rose is a rose

oder um eine echte Oszillation des Paradoxes in der Zeit handelt, was schön mit dem mathematischen Formalismus von Spencer Brown ausgetüftelt werden kann.

Literatur:

von Foerster, Heinz und Bröcker, Monika Teil der Welt Heidelberg 2002

Spencer-Brown, George Laws of Form Lübeck 1997


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